Wenn die Fortsetzung besser ist als das Original

Es kommt vor, dass die zweite Staffel einer beliebten Serie enttäuscht – alles Interessante sei bereits erzählt, der Rest sei nur Kommerz und der Versuch, das Maximum aus den beliebten Figuren herauszuholen. Bei „Criminal Record“ ist das Gegenteil der Fall – die Fortsetzung wurde nur noch besser.
Die erste Staffel von „Criminal Record“ war ein solider, kluger, stellenweise brillanter Krimi über den Zusammenprall zweier Polizisten mit grundlegend unterschiedlichen Ansichten über Gerechtigkeit. Sie wirkte wie eine zu Ende erzählte Geschichte – abgeschlossen, in sich geschlossen, mit einem klar strukturierten Katharsis. Und dennoch gab der Streamingdienst Apple TV grünes Licht für eine Fortsetzung, und Serienschöpfer Paul Rutman setzte sich hin, um die zweite Staffel zu schreiben. Das Ergebnis ist ein seltener Fall, in dem das Sequel nicht nur seine Existenz rechtfertigt, sondern das Original in fast jeder Hinsicht übertrifft.

Die Einsätze sind höher, der Maßstab breiter, die Spannung dichter. Dabei bleibt die Serie kammerspielartig, psychologisch, sehr britisch in ihrer kühlen Zurückhaltung – und genau deshalb funktioniert sie viel besser, als wenn die Autoren den Weg der Actionsteigerung und der Verpflichtung von Superstars gegangen wären.
London, Extremismus und Zünder

Dieses Mal ist der „Auslöser“ für die Ereigniskette eine Auseinandersetzung bei einer Kundgebung am Suffolk Square. Ein islamischer Protest wird von Rechtsextremen angegriffen, und im Chaos stirbt ein junger muslimischer Teenager. June Lenker (Cush Jumbo) ist vor Ort und kann seitdem das Bild eines Mannes nicht loswerden, den sie in der Menge gesehen hat. Sie ist überzeugt, dass er den tödlichen Schlag geführt hat. Die Ermittlungen führen sie zu Billy Fielding (Luther Ford), einem flüchtigen Häftling, und dieser direkt zurück zu Daniel Hegarty (Peter Capaldi), der jetzt beim Geheimdienst arbeitet und eigene Pläne mit Billy hat: Aus ihm soll ein Undercover-Agent gemacht werden, der in den engsten Kreis eines gewissen Cosmo Thompson (Dustin Demri-Burns) eingeschleust wird.
Cosmo ist ein charismatischer rechter Populist mit einer riesigen Online-Anhängerschaft, ein Meister der Manipulation und der Lügen über Rassenunterschiede, Religion und nationale Identität. Er ist glatt, charmant und gerade durch seine „Normalität“ gefährlich. Die Operation, die Lenker und Hegarty schließlich starten, entwickelt sich zu einem ausgewachsenen Spionagethriller mit Abhöraktionen, Doppelagenten und moralischen Dilemmata, aus denen es keinen guten Ausweg gibt.
Capaldi, Jumbo und die beste Rivalität im modernen Fernsehen

Das Wichtigste, weshalb man sich „Criminal Record“ ansehen sollte, ist das Duell der Hauptfiguren. Und in der zweiten Staffel hat sich daran etwas grundlegend geändert. In der ersten Staffel hatte Lenker Angst vor Hegarty – er konnte ihre Karriere mit einem einzigen Anruf zerstören, aber ihre Prinzipien waren ihr dennoch wichtiger. Hier macht ihre Besessenheit von dem Mord an dem Teenager sie fast unverwundbar: Wenn jemand bereit ist, alles zu verlieren, ist er schwer einzuschüchtern. Hegarty seinerseits ist etwas weniger toxisch, etwas menschlicher geworden – nicht gut, nein, aber nicht mehr die Verkörperung des Zynismus. Zum ersten Mal agieren sie auf Augenhöhe.
Peter Capaldi spielt nuancierter als in der ersten Staffel – weniger direktes Drängen, mehr Zwischentöne. Er kann mit einem einzigen Blick das vermitteln, wofür andere Schauspieler eine ganze Monologszene brauchen. Cush Jumbo antwortet ihm mit derselben Präzision: Ihre June ist keine „starke Polizistin“ aus dem Genre-Baukasten, sondern ein lebendiger Mensch mit Zweifeln, Schuldgefühlen und einer charakteristischen Sturheit, die sie schon mehrfach in Schwierigkeiten gebracht hat. Wenn man eine Liste der besten Schauspielduos in modernen Serien aufstellt – diese beiden gehören definitiv hinein.
Aber die zweite Staffel hat noch einen Trumpf im Ärmel: Dustin Demri-Burns und sein Cosmo Thompson schaffen es buchstäblich, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er ist charismatisch, er ist der offensichtliche Anführer, aber auch hier kommt er ohne stereotype Szenen aus, die diese Führungsrolle unterstreichen.
Die Szene, in der Cosmo sich absichtlich verhaften lässt – um sich selbst zu schützen, während seine Leute versuchen, mehrere Gebäude in London gleichzeitig in die Luft zu sprengen – ist einer der spannungsgeladensten Momente der Staffel, nicht zuletzt dank Demri-Burns' Spiel.
Grauzonen und unbequeme Fragen

„Criminal Record“ gönnt sich nie den Luxus, die Welt in Schwarz und Weiß zu teilen. Die Hauptfrage der zweiten Staffel, die sich ganz am Ende stellt, lautet: Soll man einem ideologischen Verbrecher Immunität gewähren, um Leben zu retten? Und die Serie beeilt sich nicht mit einer Antwort. Die Autoren arbeiten in einer Zone moralischen Unbehagens, in der jede richtige Handlung einen Preis hat und jeder Handel mit dem Gewissen eine Rechtfertigung.
Die Themen – Rechtsextremismus, Rassenpolitik, institutionelle Korruption – klingen wie ein direktes Gespräch über das, was gerade in Großbritannien passiert. Diese Direktheit verleiht der Serie Gewicht: Man schaut einen Krimi über London im Jahr 2026 und denkt über viel universellere Dinge nach. Die Handlungswendungen funktionieren dabei ehrlich – keine billigen Überraschungen um der Überraschungen willen, sondern Konsequenzen von Charakteren und Handlungen.
Fazit

In unseren Breitengraden wird über „Criminal Record“ sträflich wenig gesprochen. Während alle über „Severance“ und „The Studio“ diskutieren, erscheint eine der besten Krimiserien auf Apple TV leise, macht alles richtig und verschwindet wieder fast unbemerkt. Wenn Sie sie verpasst haben – holen Sie es nach. Wenn Sie die erste Staffel gesehen und aufgehört haben – kommen Sie zurück. Die zweite Staffel von „Criminal Record“ beweist, dass eine Fortsetzung manchmal nicht der Versuch ist, eine Kuh zu melken, sondern die Möglichkeit, eine großartige Geschichte interessanter Figuren zu erzählen.

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