
In den russischen Verleih kam der Abenteuer-Buddy-Movie „Woltschok“. Ein Film mit Elementen des Faustkampfs und einer weiteren filmischen Freundschaft zwischen Vertretern zweier verschiedener Stände. Hält der neue Film von Konstantin Smirnow dem Schl...
Der neue russische Abenteuer-Buddy-Movie „Woltschok“ kam letzte Woche in die Kinos und spielte am ersten Wochenende eine recht ordentliche Summe ein (laut Daten des „Bulletin des Filmverleihs“ 155 Millionen Rubel). Aber seien wir ehrlich: Der Film erreichte diese ernsthaften Zahlen auch deshalb, weil es im Segment am Startwochenende einfach keine ernsthaften Konkurrenten für „Woltschok“ gab. Der Film von Konstantin Smirnow („Die Mädchen mit Makarow“) erzählt von einem jungen Adligen Wanja (Mark-Malik Juraschkin) mit durchsichtigen, naiven Augen, der nach dem plötzlichen Tod seines Vaters zum alleinigen Besitzer des gesamten elterlichen Vermögens wird.
Auf diesen Jackpot beginnen natürlich entfernte Verwandte herabzustürzen, der flinkste von ihnen ist der leibliche Onkel des Jungen, Wesnizki (Danil Worobjow) – ein völlig heruntergekommener Spielsüchtiger, für den das gratis Geld eine großartige Möglichkeit wäre, ein neues Leben zu beginnen. Dabei sieht der Onkel so aus, als wolle er den Jungen am liebsten physisch loswerden; und als dieser sich weigert, das Vormundschaftsdokument zu unterschreiben, empfindet er fast so etwas wie Erleichterung: Also kann Plan B (eigentlich Plan A) ruhig in die Tat umgesetzt werden. Wesnizki geht zur Chitrowka und heuert Banditen mit verlebten Gesichtern an (wie immer markant, aber etwas in ihren Rollen festgefahren: Kirill Poluchin und Michail Jewlanow).

Damit aber alles sicher klappt, rekrutiert der Onkel von unehrlichen Sitten vorsichtshalber auch noch die bezaubernde Kopfgeldjägerin Elsa (Julia Chlynina), die bei der Personensuche ihresgleichen sucht. Beim ersten Versuch, den Jungen zu entführen, stoßen die Banditen auf einen Straßenkämpfer mit dem Spitznamen Woltschok (Jewgeni Tkatschuk), der gerade vom Ring geflohen ist, weil er sich weigerte, einen manipulierten Kampf zu verlieren, und einen riesigen Polen k.o. schlug. Den Jungen zu retten ist für Woltschok ein Kinderspiel. Und dann die Klassiker des Genres: Der Kämpfer muss sich vor dem Zorn seines früheren Gönners verstecken, und der junge Aristokrat muss dringend nach Nischni Nowgorod unter die Fittiche des treuen Freundes seines Vaters (Sergej Makowezki). Hier überschnitten sich ihre Interessen.
Wenn man fragt, woran man sich in „Woltschok“ mit Blicken und Emotionen festhalten kann, ist die Antwort offensichtlich: an Jewgeni Tkatschuk und seinen Fäusten. Der Woltschok auf der Leinwand hat in diesem Film unglaubliches Glück mit dem Kameramann Stepan Beschkurow (), der die Kämpfe nicht wie ein hektisches Wackeln, sondern als klare, harte und daher sehr überzeugende Choreografie einfängt. Natürlich ähnelt das stellenweise stark den Kämpfen aus „Snatch – Schweine und Diamanten“, aber was soll man machen: Jeder Schöpfer steht auf den Schultern anderer.
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Doch in Smirnows Film hallt jeder Schlag von Woltschok in einen fremden Kiefer nicht nur mit filmischer Wucht wider, sondern ist sogar im Kinosessel spürbar. Alles ist so natürlich, dass man unwillkürlich darüber nachdenkt, wann bei uns zuletzt mit solcher Überzeugung gekämpft wurde. Mir fällt da wohl nur der Perestroika-Film „Fan“ mit Alexej Serebrjakow ein, in dem echte Karatekas als Statisten arbeiteten. Hier dieselbe Schule, dieselbe Überzeugungskraft der Bewegungen, multipliziert mit der hervorragenden körperlichen Verfassung von Tkatschuk selbst. Kameramann Beschkurow handhabt die Kamera mit Verstand und Takt: Er weiß genau, wann eine Nahaufnahme nötig ist, wann eine Totale und wann man einen riskanten Überschlag wagen kann. Alles wird sehr malerisch, und Tkatschuk stiehlt zu Recht die ganze Aufmerksamkeit, indem er jedes Handgemenge in eine Mini-Attraktion verwandelt.
Aber wenn der Lärm der Kämpfe verebbt und der eigentliche „Buddy-Movie“ beginnt (eine Geschichte über die Freundschaft zweier Gegensätze), verliert der Film merklich an Schwung. Die Handlung, die mit ordentlicher Anfangsgeschwindigkeit startet, beginnt zur Mitte hin rapide an Tempo und tapferer Ausdauer zu verlieren, erdrückt von der Last eigener Klischees und der Notwendigkeit, die Laufzeit einzuhalten. Die Figuren wechseln ihre Entscheidungen mit kaleidoskopischer Geschwindigkeit: Da scheut Woltschok wütend die Zahnbürste als Symbol des verhassten Fortschritts, und schon schrubbt er unbeholfen, aber freiwillig seine Zähne damit. Wie kam er zu dieser Entscheidung? Keine Zeit zum Erklären, denn es muss noch zur finalen Verfolgungsjagd kommen.

Manchmal wechseln die Figuren ihre Einstellungen (nicht im wörtlichen Sinne) direkt im Vorbeigehen, und manchmal verschwinden sie sogar mitten im Satz vom Bildschirm, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Die Beziehung zwischen dem brutalen Kämpfer und dem jungen Herrn entwickelt sich auf ausgetretenen Pfaden, und das Finale zieht sich quälend in die Länge, was deutlich auf die Möglichkeit einer Fortsetzung hindeutet. Dabei machen die Figuren des Films (aber meistens wieder Woltschok) stellenweise recht gute Witze, die die allgemeine Balance des Films ausgleichen, die nach etwa zwei Dritteln der Laufzeit leicht ins Wanken gerät.
Trotz all dieser Unebenheiten funktioniert „Woltschok“ genau so, wie es beabsichtigt ist: als anspruchslose, aber technisch gut gemachte Straßenzirkus-Attraktion. In der es einen einfachen und prägnanten Gedanken gibt: Dass die stärksten Bündnisse manchmal nicht in der Stille von Büros entstehen, sondern auf einer staubigen Straße, wo ein Faustschlag beredter sein kann als jeder Schwur.
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