
Ein Film, der gleichzeitig fasziniert, erschreckt und hypnotisiert. Wir erklären, warum gerade „Der Klang des Falls“ in Cannes am meisten diskutiert wurde und was das heimische Publikum ab dem 4. Dezember durch die Bemühungen von A-One darin sehen wi...
„Der Klang des Falls“ ist einer der meistdiskutierten Filme der Filmfestspiele von Cannes 2025. Das Debüt von Mascha Schilinski erhielt den Preis der Jury und wurde zur deutschen Einreichung für den Oscar, löste aber heftige Kontroversen aus. Ein Teil des Publikums verlässt den Saal verunsichert: Der Film bietet keine vertraute Handlung und vermeidet direkte Erklärungen. Er arbeitet mit Empfindungen, Erinnerung und Körper, nicht mit einer Fabel. Genau das macht ihn so hypnotisch.
Der Film erzählt von vier Mädchen aus verschiedenen Epochen, vom Ersten Weltkrieg bis heute, die ihre Jugend auf einem Bauernhof verbringen. Die Erzählung umfasst jedoch viele verwandtschaftliche Beziehungen. Großmütter, Mütter, Schwestern und Töchter erfahren den Druck der Gesellschaft unabhängig von der Epoche. Verletzlichkeit, Widerstand, Schweigen verweben sich zu einem dichten Erzählknäuel. Sie erwähnen einander nicht direkt, aber unbewusst setzen sie die Kette von Kindheitstraumata, Gedanken über den Tod und Erkundungen der Körperlichkeit fort.

Gerade die körperlichen Empfindungen treten oft in den Vordergrund. Erika, die Heldin aus den 1940er Jahren, will verstehen, wie ihr beinloser Onkel auf Krücken gehen kann, also bindet sie sich ein Seil um das linke Bein und humpelt den Flur entlang. Verstümmelungen wecken auch bei Alma Neugier, einem Mädchen eine Generation älter. Das Mädchen interessiert sich eigentlich für vieles: Warum wurde der ältere Bruder verstümmelt? Warum ist die Haut der Großmutter nicht so elastisch? Warum wurde Alma nach der verstorbenen Schwester benannt?
– Was passiert, wenn man stirbt? – fragt das Mädchen mitten in der Nacht.
– Nichts, – antwortet die ältere Schwester Mia.
„Der Klang des Falls“ spricht von der Unterdrückung von Emotionen, vom Flehen des Herzens. Wenn der Körper dem Druck oder dem starren Blick nicht mehr standhält und man sich wünscht, dem Herzen ebenso befehlen zu können wie der Hand oder dem Fuß. Mascha Schilinski zeigt, wie Körperlichkeit zur Fortsetzung von Fragen wird, die ein Kind noch nicht formulieren kann. Die Neugier ist hier nicht physiologisch, sondern existenziell, und der Körper ist die einzige verfügbare Sprache, mit der das Kind die Welt zu verstehen sucht.

Der Zuschauer fühlt sich wie ein umherirrender Geist, der manchmal Dinge bemerkt, die die Heldinnen nicht wissen können. Zum Beispiel, dass Frauen über Generationen hinweg sich in die Hand beißen oder unpassend lachen. Das sind Details, die nicht mit den Schlüsselgeschichten der Familie vererbt werden. Es sind jene Zufälligkeiten, die auf unbewusster Ebene übernommen werden.
Zudem ist es eine zutiefst mädchenhafte Geschichte. Lenka liebt am meisten den Geruch von Kellerfeuchte, Schlamm auf der Haut und Nagellack. Erkannt?
Mascha Schilinski springt absichtlich zwischen den Generationen hin und her und nimmt dem Zuschauer den Halt. Das verstärkt das mystische Gefühl des Geschehens und verwandelt „Der Klang des Falls“ in zweieinhalb Stunden sich wiederholender Traumata. Aber diese Geschichte hat auch Anker. Dutzende Ereignisse finden in denselben Räumen statt. Der Bauernhof wird zum Symbol des Erinnerungsraums.

Der Tod taucht ebenfalls in jedem Kapitel mit einer bohrenden (oder summenden?) Beständigkeit auf. Er sickert in alle vier Geschichten ein, indirekt durch Erzählungen oder direkt. Die Regisseurin hat besonderes Augenmerk auf Bestattungsrituale und Post-Mortem-Fotos gelegt. So kann der Zuschauer die Einstellung zum Tod im Laufe der Jahre verfolgen. Wenn heutzutage über Verstorbene in einem bestimmten Ton gesprochen werden muss und der Körper immer an spezielle Dienste übergeben wird, wurden in den 1910er Jahren Tote gleichberechtigt mit Lebenden fotografiert und die Leichen mehrere Tage im Haus aufbewahrt.
Neben einer Reihe von Symbolen verbindet die Geschichten der Soundtrack der schwedischen Sängerin Anna von Hausswolff. Die singende Melodie verbindet die Heldinnen mit einem dünnen Faden. Im Text der Komposition Stranger gibt es Zeilen: „There is no time, there is no face, there is no me“. Die lyrische Heldin verliert ihre Persönlichkeit, aber der Fremde überredet sie, keine Angst zu haben und der Sonne entgegenzugehen – eine Metapher für Tod und ewiges Leben zugleich.
Ein weiterer akustischer Akzent ist das Geräusch. Es wächst mit Zischen an, drückt auf die Trommelfelle, verstärkt die Angst und bricht dann abrupt ab. Und in der ohrenbetäubenden Stille geschieht das Schrecklichste.

„Der Klang des Falls“ gibt keine Antwort auf das ewige Rätsel des Lebens nach dem Tod und diktiert keine Haltung dazu. Einige Mädchen denken über den Tod im Prozess der Welterkenntnis nach, andere glauben, dass ein Mensch in eine Fliege reinkarnieren kann, ein weiteres Symbol für Tod und Verfall. Alles Gebaute unterliegt der Zerstörung. Die Toten gehen mit der Bibel ins Jenseits, der Rest bleibt der Familie. Man kann es zerstören wie einen Ofen oder bewahren wie eine Puppe.
Trotz der Vielfalt der Epochen bilden die weiblichen Figuren im Film ein einheitliches Feld. Es ist keine plakative „Frauengeschichte“, sondern eine feine Untersuchung darüber, wie Mädchen verschiedener Generationen lernen, in einer Welt zu leben, in der auch Erwachsene Angst haben, Fehler machen und schweigen.
Die Rolle der Mutter gehört hier nicht einer einzelnen Frau: Sie ist eine kollektive Figur, die auf alle Generationen verteilt ist – von den Urgroßmüttern bis zu den Mädchen, die noch nicht verstehen, welche Last sie tragen.

Der Trend zur Nostalgie ist allgegenwärtig, das lässt sich nicht leugnen. Mascha Schilinski wendet sich der Vergangenheit durch Film, Körperlichkeit, Vererbung und Erinnerung zu. Ihre Optik fühlt sich an wie ein abgenutztes Foto in einem Holzrahmen auf der Kommode der Großmutter.
„Der Klang des Falls“ handelt davon, dass es Dinge gibt, die stärker sind als die Zeit, und dass Schmerz nur eine Form der Liebe ist. Die Regisseurin sammelt sorgfältig aus verstreuten Epochen einen einzigen Gesang, in dem jede Heldin das Echo einer anderen ist. Und wenn das letzte Geräusch abbricht, bleibt etwas in der Brust stehen. Wir sind mit unseren Ängsten nicht allein. Wir sind Teil eines unsichtbaren Chors, der lange vor unserer Geburt gesungen hat und nach dem Tod weiterklingen wird.
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