
Laut einer weiteren Studie des britischen Projekts Science of Scare wurde Scott Derricksons Film „Sinister“ zum „gruseligsten Film aller Zeiten“ erklärt. Ob das stimmt und worum es in dem Horrorfilm des Regisseurs von „Black Phone“ eigentlich geht –...
Der Horrorfilm Scott Derricksons „Sinister“ ist wieder in den Nachrichten aufgetaucht. Der formale Anlass dafür war höchstwahrscheinlich der neue Film des Regisseurs „Black Phone 2“, der im September weltweit in die Kinos kam. Dies wiederum hat das Interesse an seinen früheren Arbeiten neu entfacht, unter denen „Sinister“ offensichtlich am hellsten leuchtet. Zum Zeitpunkt seines Erscheinens (2012) konnte nur James Wan mit „Insidious“ mit Derricksons Film konkurrieren. Das Werk des amerikanischen Regisseurs wurde bereits früher als „der gruseligste Horrorfilm aller Zeiten“ bezeichnet, aber jetzt wurde dieser Titel von Experten des britischen Projekts Science of Scare bestätigt.
Sie führten eine Studie durch und fanden heraus, dass „Sinister“ bei Zuschauern Tachykardie auslösen kann, und beeilten sich, den Horrorfilm zum Maßstab des Genres zu erklären. Klassiker wie „Shining“, „Der Exorzist“ oder „Rosemaries Baby“ blieben auf der Strecke, aber darüber dachten die Briten lieber nicht nach. Neue Zeiten erfordern neue Maßstäbe. Man kann jedoch nicht leugnen: Derricksons Werk trifft tatsächlich die dunkelsten Winkel der menschlichen Psyche. Worin liegt das Geheimnis seiner Wirkung?

Derricksons Weg zum Horror
Zum Zeitpunkt der Arbeit an „Sinister“ hatte Derrickson bereits bewiesen, dass er Zuschauer ordentlich erschrecken kann. Sein „Der Exorzismus von Emily Rose“ wurde, wenn nicht zum Maßstab für Besessenheitsfilme, so doch zu einem sehr bemerkenswerten. Das Bewertungsniveau des Films liegt bis heute über dem einiger Genre-Kollegen. Dann gab es in der Filmografie des Amerikaners den Science-Fiction-Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ mit Keanu Reeves. Der Film war nicht unbedingt schlecht, aber er wirkte, als ob der Regisseur versuchte, nicht sein ganzes Talent hineinzustecken, offenbar in Erwartung eines besseren Moments. Und etwas später kam dieser natürlich.
Eines Tages trank Derrickson mit dem Filmkritiker und Drehbuchautor C. Robert Cargill, und dieser erwähnte beiläufig, dass er nach dem Ansehen von „The Ring“ von Gore Verbinski, wo der Fluch über eine Videoaufzeichnung übertragen wurde, eine Zeit lang unter Albträumen litt, und dass es nicht schlecht wäre, diese Erfahrungen auf die Leinwand zu bringen. Derrickson, der sich zuvor in verzweifelter Suche nach einer originellen Idee für seinen neuen Film befand, griff Cargills Erzählung auf, und gemeinsam überlegten sie, wie sie das Projekt voranbringen könnten, einschließlich Drehbuch und Finanzierung. Als die grundlegenden Fragen geklärt waren, tauchte der Regisseur mit Hingabe in die Arbeit ein, offenbar in der Absicht, wenn nicht ein Meisterwerk, so doch zumindest einen soliden Film zu schaffen, für den man sich nicht schämen müsste. Dann übernahm der nicht unbekannte Jason Blum mit seinem Gespür für kommerziellen Erfolg das Projekt, und die Sache schien wie geschmiert zu laufen.
Die Genialität der Beschränkungen
Das Budget des Films war jedoch mehr als bescheiden – nur drei Millionen Dollar. Mehr konnte Blum nicht herausholen (oder wollte nicht). Aber wie so oft im Film kamen die Beschränkungen dem Film nur zugute. Derrickson, kreativ nicht eingeschränkt, hatte die Möglichkeit, jede Einstellung sorgfältig abzustimmen und jeden Dollar mit Bedacht auszugeben. Fast die gesamte Handlung schloss er in einem einzigen Raum ein, diesem kafkaesken Haus, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Diese bewusste Klaustrophobie erzeugt beim Zuschauer ein starkes Gefühl der Ausweglosigkeit. Der Zuschauer, genau wie die Helden des Horrors, befindet sich in einer Falle.

Die Dreharbeiten dauerten nur 23 Tage, und die größte technische Herausforderung war die Arbeit mit einer 8-mm-Kamera. Mit ihr wurden die schrecklichen Hausvideos gedreht, die der Protagonist immer wieder ansieht. Übrigens konnte Derrickson lange Zeit keinen passenden Schauspieler für die Rolle des Schriftstellers finden. Dem Regisseur war es wichtig, dass die Figur trotz all ihrer Fehler und offensichtlichen Besessenheit beim Zuschauer sympathisch ist. Letztendlich zeigte nur Ethan Hawke genau diesen komplexen Typus: einen charmanten, aber sich selbst schnell zerstörenden Menschen. Und wie nicht schwer zu erraten ist, erkannte Derrickson dies und besetzte den Schauspieler für diese Rolle.
Womit fesselt die Handlung?
Durch die Einfachheit und Prägnanz eines gut geschriebenen Romans. Der Schriftsteller Ellison Oswalt, einst Bestsellerautor, jetzt fast vergessen, zieht mit seiner Familie in ein Haus, in dem vor einem Jahr eine ganze Familie brutal ermordet wurde. Er verheimlicht dies vor seiner Frau und seinen Kindern, in der Hoffnung, ein neues Buch zu schreiben, das ihm seinen Ruhm zurückbringt. Auf dem Dachboden findet er eine Schachtel mit Filmen, auf denen brutale Morde festgehalten sind. Von diesem Moment an wird sein Leben zum Albtraum.
Derricksons Einfallsreichtum: Warum es funktioniert
Derrickson hat das Rad nicht neu erfunden, aber er hat bewährte Techniken genial kombiniert. Die Wurzeln des Films liegen offensichtlich in Joel Schumachers Film „8mm“ (1999) mit Nicolas Cage. Erinnern Sie sich an den Detektiv, der durch das ständige Ansehen eines gefundenen Films mit Aufnahmen brutaler Verbrechen den Verstand verliert? Er löst tatsächlich eisigen Schrecken aus. Aber Derrickson geht noch weiter und fügt ein übernatürliches Element hinzu: den uralten Dämon Bagul, der sich von Kinderseelen ernährt.
Die zweite wichtige Quelle ist „Shining“ von Stephen King. Auch hier gibt es einen Schriftsteller in einer Schaffenskrise, einen isolierten Ort und ein langsames Abgleiten in den Wahnsinn. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Sein Held ist kein Opfer der Umstände, sondern ein besessener Teilnehmer seines eigenen Untergangs. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Arbeit mit dem Ton: Der bedrohliche Soundtrack, Knarzen, Rascheln erzeugen selbst in relativ ruhigen Szenen eine unglaubliche Spannung.
Worum geht es eigentlich in „Sinister“?
Die offensichtlichste Metapher, die auch von Derrickson selbst erwähnt wird, ist die zerstörerische Kraft der Arbeitsbesessenheit. Ellison ist ein Schriftsteller, den einst die Strahlen des Erfolgs blendeten, der jetzt aber im Schatten der Vergessenheit steht. In dem verzweifelten Versuch, seine frühere Bedeutung zurückzugewinnen, bringt er seine Familie bewusst in dem Haus unter, in dem ein schreckliches Verbrechen stattfand, und sieht in dieser Tragödie nur eine Chance für seine triumphale Rückkehr. Sein egoistisches Verlangen nach Anerkennung blendet ihn und macht ihn zum Hauptkatalysator des bevorstehenden Albtraums.

Die zweite, und nicht die offensichtlichste, Metapher ist die Tragödie eines Alkoholikers. Ellison trinkt allmählich und merkt es nicht, und Alkohol ist der Dämon, der nach und nach in das Haus eindringt und den gesamten Raum um sich herum ausfüllt, das Leben seiner Familie vergiftet. Bagul ist nicht nur ein Schatten an der Wand, sondern eine mystische Verkörperung von Ellisons Schwäche, die zuerst auf dem Dachboden seines Hauses und dann in seinem Bewusstsein sitzt. Darauf deutet auch das Ende des Films indirekt hin. Der Schriftsteller wird von seinen eigenen Kindern getötet, also von seiner eigenen Zukunft. Folglich tötet Alkoholismus die Zukunft. Wir sehen, wie Ellison, der versucht, seinen Ruhm zurückzugewinnen, alles verliert: seinen Verstand, seine Familie, schließlich sein Leben. Sein Alkoholismus ist kein zufälliges Detail, sondern ein wichtiger Teil seines Charakters, der zeigt, wie ein Mensch selbst seinen Schutz vor dem Bösen zerstört.
Warum „Sinister“ in Erinnerung bleibt
Vielleicht ist „Sinister“ nicht der gruseligste Film der Geschichte, aber seine erfinderische Kombination aus psychologischer Spannung, übernatürlichem Horror und dem Verständnis der menschlichen Natur sichert ihm einen Platz im Pantheon der großen Horrorfilme. Für den Einfluss von „Sinister“ spricht auch, dass sein Name immer noch an Horrorfilme gehängt wird, die nichts mit dem Original zu tun haben. Das heißt, der Film ist zum Synonym für echten Horror geworden und hat die entsprechenden Assoziationen. Und Derrickson hat bewiesen, dass man selbst mit einem minimalen Budget und nur einem Hauptschauplatz eine Geschichte erschaffen kann, die die Zuschauer noch Jahre nach dem Ansehen erschreckt.
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