
Bei der Abschlussveranstaltung des 12. Festivals des Straßenkinos wurde die autobiografische Dramödie „Sidney Lumets Geburtstag“ von Raul Geidarow gezeigt, die zuvor den Hauptpreis beim Filmfestival „Fenster nach Europa“ in Wyborg gewonnen hatte. Wir...
Ende der Nullerjahre. Der siebzehnjährige Dato (Artjom Koschman) lebt mit seiner Großmutter (Dschulietta Stepanjan) in der Siedlung Achtyski in der Region Krasnodar und träumt von einer Karriere als Regisseur. Vor einiger Zeit starb sein Onkel Anzor (Jan Gacharmanow) an den Folgen von AIDS, was ein großer Schock für die Familie war. Eines Tages taucht die Mutter des Jungen (Marietta Zigal-Polischtschuk) zusammen mit ihrem neuen Freund (Artjom Fedotow) an der Tür auf. Die Frau schenkt Dato eine Videokamera, damit er der Verwirklichung seines Traums näher kommt.

In der Regel beginnen Regisseure erst im fortgeschrittenen Alter über die Jugend (geschweige denn über den Beginn des kreativen Weges) zu reflektieren, wenn ihre Errungenschaften auf dem Gebiet der Filmkunst unbestritten sind und die Zuschauer an der Person des Regisseurs interessiert sind. Debütanten hingegen nehmen sich nur sehr selten der Aufgabe an, Filme zu drehen, die von ihren ersten Schritten im Beruf erzählen. Das ist nicht verwunderlich: Solche (halb-)autobiografischen Werke sind fast immer ein Akt der Selbstbeweihräucherung (wenn auch manchmal nicht ohne Selbstkritik), und für Neulinge ist eine solche Prahlerei ein unerschwinglicher Luxus. Gelegentlich drehen angehende Regisseure dennoch Filme, die aus persönlichen Erinnerungen bestehen, aber das ist nur möglich, wenn sie einen schweren Lebensrucksack haben. Der 35-jährige Raul Geidarow hat diesen zweifellos.

Drei Jahre vor dem Triumph von „Geburtstag…“ in Wyborg wurde sein Kurzfilm „Bebia, babua, Ansorik, ich und Mama“, ebenfalls basierend auf Szenen aus der Kindheit des Autors, auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet, insbesondere auf den Filmfestivals „Budem schit“, „Kinoproba“, „Ost&West“ und „Amur-Herbst“. Die berührende Filmstudie über den Alltag einer georgischen Familie im Süden Russlands war gewissermaßen ein Prolog zu Rauls neuem Werk, das von einer späteren Phase seines Lebens erzählt. Die Handlung des Films spielt im Jahr 2009, aber wenn nicht das Datum wäre, das immer wieder in den als Archivaufnahmen stilisierten Bildern auftaucht, könnte man versehentlich denken, wir hätten die neunziger Jahre. Hier gibt es den Volksschlager „Weine nicht, Alissa“ der Band „Stalker“, die klaren „Brüder“ in Lederjacken, die mit Drogenhandel und Schutzgelderpressung zu tun haben, und die Aufnahmekommission hinter einem schäbigen Schreibtisch unter freiem Himmel.
Um ehrlich zu sein, kann man nicht sagen, dass dieses ganze „wilde“ Ambiente für das kubanische Hinterland der Nullerjahre anachronistisch wirkt. Und der Regisseur übertreibt es auch nicht mit den Attributen des Chthonischen auf der Leinwand. Dennoch schockiert Geidarow den Zuschauer systematisch, indem er schamlos neue Variablen in eine scheinbar verständliche Gleichung einfügt: Die Charaktere der Helden offenbaren sich durch unvorhergesehene Handlungen, und verblüffende Fakten aus ihrer Biografie werden mit erstaunlicher Ungezwungenheit preisgegeben. Als Dato endlich die Kamera in die Hand bekommt und beginnt, glückliche Momente festzuhalten, keimt eine schwache Hoffnung auf, dass sich die Geschichte weiter im Sinne eines bittersüßen Bildungsromans entwickeln wird, aber das Gericht entpuppt sich am Ende als ein ganz anderes – ein herzzerreißendes Thriller-Drama, nicht „Die Fabelmans“ auf adscharianische Art.

Erst in den letzten Minuten macht das Langfilmdebüt von Raul Geidarow einen etwas schmalzigen und manipulativ wirkenden Eindruck, aber selbst wenn es Ihnen gelingt, den Druck auf die Emotionen zu erkennen, wird das Herz dennoch über den Verstand siegen. Wie man so schön sagt: Empathen, haltet euch fest: Das Finale wird eure Augen garantiert nicht trocken lassen! „Sidney Lumets Geburtstag“ ist weniger ein motivierendes Bekenntnis eines Filmfans, der seinen Jugendtraum verwirklicht hat (obwohl hier nebenbei die Klassiker von Danelija und natürlich Lumet erwähnt und zitiert werden), sondern vielmehr eine zärtliche Liebeserklärung an die Familie und insbesondere an die Großmutter.
Die armenische Schauspielerin Dschulietta Stepanjan, die die temperamentvolle ältere Georgierin spielt, kann man ohne jeden Zweifel als die Seele des Films bezeichnen. Ihre Heldin ist streng, konservativ und übermäßig fürsorglich (wie wohl jede Großmutter), aber gleichzeitig strahlt sie Wärme und Geborgenheit aus. Und außerdem ist sie die einzige Figur im Film, die sich wirklich um den armen Dato kümmert, was das erschütternd-zarte Finale anschaulich illustriert. Aufrichtige Sympathie weckt auch der Protagonist, gespielt von Artjom Koschman, dem Star der Serien „Ich mache keine Witze“ und „Schwarzer Frühling“, auch wenn nicht alle seine Worte und Handlungen von den Zuschauern mit Verständnis aufgenommen werden.

Wie bereits im erwähnten Kurzfilm gab Geidarow seinem filmischen Vorbild vorsichtshalber einen anderen Namen (in „Bebia, babua…“ hieß der Junge Gia) und bewahrte sich so Spielraum für künstlerische Freiheiten und Fiktion. Dennoch lässt sich die Tatsache, dass dieses Werk weitgehend auf den persönlichen Erfahrungen des Autors basiert, nicht aus dem Kopf verbannen, und daher berührt jeder Satz, der unter anderen Umständen als psychologischer Trick empfunden würde, in „Geburtstag…“ das Herz. Es ist schwer zu sagen, wie Rauls nächste Arbeiten aussehen werden und ob er weiterhin den Inhalt seines Erinnerungsgepäcks ausladen wird (die Auswahlkommission des St. Petersburger KiT hielt es unwissentlich für nicht massiv genug), aber man kann getrost feststellen, dass sein Langfilmdebüt einer der besten einheimischen Filme des Jahres 2025 ist.
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