Preview image

In den russischen Verleih kommt der Horrorfilm „Good Boy“ von Ben Leonberg, dessen Premiere auf dem SXSW-Festival stattfand. Ob es den Filmemachern gelungen ist, ihre kühne Idee im Horrorgenre zu verwirklichen, lesen Sie in unserer Rezension.

Nach der Handlung des Films „Good Boy“ zieht der treue Hund Indie mit seinem Besitzer Todd (Shane Jensen) in ein baufälliges Haus auf dem Land und begegnet dort gruseligen Wesen, die in den Wänden lauern. Als diese Kräfte Todd gefährlich werden, fordert der mutige Vierbeiner sie heraus, um seinen Besitzer zu beschützen.

Szene aus dem Film „Good Boy“
Szene aus dem Film „Good Boy“

Wenn Sie schon einmal bemerkt haben, dass Ihr Haustier plötzlich ins Leere starrt oder ohne ersichtlichen Grund losrennt, kennen Sie sicher das leichte Frösteln, das einem über den Rücken läuft. Zoologen haben längst eine rationale Erklärung dafür gefunden: Tiere, insbesondere Hunde, können hochfrequente Töne (über 20 kHz) wahrnehmen, die für das menschliche Ohr nicht hörbar sind, und dasselbe gilt für andere Sinne. Dennoch glaubten die Menschen seit jeher, dass diese Verhaltensauffälligkeiten die Besitzer vor der Anwesenheit übernatürlicher Kräfte im Haus warnen. Da die Idee, einen Horrorfilm aus der Perspektive eines vierbeinigen Freundes zu drehen, nahelag, war das Erscheinen eines solchen Films nur eine Frage der Zeit.

„Good Boy“ ist ein anschauliches Beispiel für einen Horrorfilm, der auf einem einfachen, aber faszinierenden High-Concept mit Perspektivwechsel basiert. In der Regel lassen sich solche innovativen Spielereien nur schwer mit dem Langfilmformat vereinbaren, denn allein die Idee, so interessant sie auf dem Papier auch sein mag, reicht nicht aus, um ein gutes Genreprodukt zu liefern. In diesem Zusammenhang fallen mir sofort die vielbeachteten Experimente wie „Skinamarink“ von Kyle Edward Ball oder „Presence“ von Steven Soderbergh ein, bei denen Stil und Optik über den Inhalt siegten. Daran krankt auch das Debüt von Ben Leonberg.

Szene aus dem Film „Good Boy“
Szene aus dem Film „Good Boy“

Nimmt man das Hauptmerkmal der Hundeperspektive aus der Gleichung, entpuppt sich „Good Boy“ als ein Standard-Horrorfilm über ein Spukhaus. Die typische Handlung spielt sich nach Schema ab: Ein Mann zieht in eine unheimliche Hütte – und zwar nicht irgendwo, sondern natürlich mitten im Wald, fernab der Zivilisation und neben einem verlassenen Friedhof – und wird dann mit paranormalen Phänomenen konfrontiert. All dies wird natürlich durch einen mysteriösen Flashforward im Prolog vorweggenommen. Allerdings hat niemand versprochen, dass die Handlungsstruktur aus Offenbarungen bestehen würde. Daher wäre es unklug, den Film zu verreißen, dessen Markenzeichen nicht die Dekonstruktion gängiger Genreklischees ist, sondern lediglich ein Perspektivwechsel.

Der unbestrittene Star des Films ist der Hund namens Indie. Sein durchdringender Blick, voller Sorge und Neugier, kann jedes Zuschauerherz zum Schmelzen bringen (sogar das eines eingefleischten Katzenliebhabers). Menschliche Gesichter werden uns kaum gezeigt, sodass wir uns auf die Emotionen des vierbeinigen Protagonisten konzentrieren können. Für seine herausragende Leistung wurde Indie auf dem South by Southwest (SXSW) Filmfestival mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Wenn man sieht, wie perfekt vierbeinige Schauspieler manchmal auf der Leinwand „spielen“, stellt sich unwillkürlich die Frage: Ist es nicht an der Zeit, einen eigenen Filmpreis nach dem Vorbild des Cannes Palm Dog zu schaffen, bei dem die Darsteller selbst und ihre Trainer ausgezeichnet werden?

Szene aus dem Film „Good Boy“
Szene aus dem Film „Good Boy“

Abgesehen von den mystischen Handlungselementen enthüllt der Film eine herzzerreißende Geschichte darüber, wie ein Hund auf das Leiden seines Besitzers reagiert, der aufgrund einer unheilbaren Krankheit bald von dieser Welt scheiden wird. Der arme Hund, von Sehnsucht geplagt, lässt den Blick nicht vom Fenster, in der Hoffnung, die Rückkehr seines Freundes zu sehen, der zu Untersuchungen gefahren ist. Jedes Geräusch lässt ihn zusammenzucken, unruhige Träume quälen seine Seele, und sein Herz findet keine Ruhe. Indie kämpft selbstlos gegen den Tod selbst, um seinen Besitzer aus dessen Klauen zu reißen, ohne zu begreifen, dass dessen Tage bereits gezählt sind.

Es entsteht der Eindruck, dass der Regisseur „Hachiko“ und die Zeichentrickserie „Courage – der feige Hund“ gekreuzt und eine charmante, aber zu dekorative Rasse hervorgebracht hat, die nicht einmal richtig erschrecken kann. Wenn Ben Leonberg darauf abzielte, dass sein Debütfilm als „neues Wort im Horrorgenre“ bezeichnet wird, dann ist leider keine Sensation eingetreten: Der Wow-Effekt der ungewöhnlichen Lösung lässt im Laufe des Films schnell nach und die Schlichtheit tritt zutage. Dennoch ist das Experiment trotz aller Einschränkungen bemerkenswert und verdient es keineswegs, mit heftiger Kritik überhäuft zu werden.