
Am 31. Juli findet in den Online-Kinos IVI und START die Premiere des Krimidramas „Der Chirurg“ über den Schwarzmarkt für Organtransplantationen statt. Das Thema ist in der russischen Serienindustrie neu, noch unerforscht, umso interessanter ist es z...
Ilja Jermolow („Die Kommilitoninnen“, „Der goldene Boden“) hat in gewisser Weise bereits eine Serie über eine Herztransplantation gedreht – letztes Jahr erschien die zweite Staffel von „13. Klinische“, die ein Prequel zur ersten Staffel war. Übrigens half genau dieses künstliche Herz aus dem mystischen Krankenhaus dem Kreativteam, die Produzenten davon zu überzeugen, dass die Dreharbeiten zu „Der Chirurg“ (früherer, aussagekräftigerer Titel „Die Raubtiere“) unbedingt stattfinden müssen.
Das Spiel „Räuber und Beute“ ist immer interessant zu beobachten, zumal die Synopsis direkt sagt, dass es für die Helden unter den gegebenen Umständen äußerst schwierig ist, Menschen zu bleiben, und ihnen nur die Wahl bleibt, ob sie Opfer oder Räuber sein wollen.
In der ersten Folge mit dem Titel „Die Flucht“ lernen wir sofort den Haupthelden Sergej (Sergej Giljow) kennen – eben jenen Chirurgen, der aus dem Gefängnis geflohen ist. Welches Verbrechen er genau begangen hat, muss noch herausgefunden werden; im Laufe der Handlung können die Zuschauer einige Vermutungen anstellen, obwohl Sergej selbst sagt, dass man ihm „die Sache angehängt“ habe. Giljow gelingen Charaktere „am Rande“ gut – irgendwie ein böser Junge, aber in bestimmten Momenten ruft er Mitgefühl hervor.

Man könnte meinen, die Helden ließen sich klar in Bösewichte und Retter einteilen, aber das interessiert schon lange niemanden mehr.
Obwohl die Autoren dennoch nicht davor zurückschrecken, auf altbewährte Mittel zurückzugreifen: In einer intimen Szene muss unbedingt eine weibliche Brust gezeigt werden, und die Frau selbst hält eine Vergewaltigung für harten Sex, der ihr natürlich gefällt. Andererseits ist die Szene künstlerisch gerechtfertigt – sie ist eine Allegorie auf die Zwangsläufigkeit, Teile seines Körpers zu verkaufen. Menschen verkaufen ihre Organe „freiwillig“, weil sie anders keine große Geldsumme verdienen können. Dennoch könnte man sich immer originellere Wege einfallen lassen, um das Problem zu unterstreichen.
Kompromisse mit dem Gewissen gehen hier auf die eine oder andere Weise fast alle ein, außer der unabhängigen Journalistin Marina (Anna Sawtur), die außer ihrem Leben nichts zu verlieren hat. Das verleiht ihr Mut, macht ihren Charakter stark und lebendig. Einer solchen Heldin möchte man bei der Erkundung der dargestellten Welt folgen. Schade, dass ihr nicht so viel Bildschirmzeit eingeräumt wird.

Noch ist unklar, wie die Hauptheldin Julia (Marina Woroschischtschewa) sein wird, die unfreiwillig zur Begleiterin Sergejs wird.
Die zweite Folge „Der Markt“ führt die Zuschauer bereits detaillierter in die Figuren ein, die hinter der illegalen Transplantation stecken. Michail Churanow in der Rolle des Raubtiers ist wie immer wortkarg, aber für ihn spielt die Erscheinung, die die Filmemacher routinemäßig für all ihre randständigen Figuren nutzen. Man wünschte sich, jemand würde das System durchbrechen und diesem Schauspieler eine Rolle geben, in der er sich richtig entfalten und sein Talent zeigen kann. Es gibt doch das hervorragende Beispiel von Maxim Stojanow im Film „Der Fremde“.
Visuell gab es in den zwei Folgen nur einen einzigen hellen Fleck – die Szene auf dem Lebensmittelmarkt, dem Ghetto der Migranten, das wie aus dem Shortparis-Video „Angst“ hierher gewandert zu sein scheint. Im Kontrast zur kalten Farbkorrektur, die für Krimi-Thriller typisch ist, brennt sie sich stärker ins Gedächtnis ein.
Nach den Gesetzen des Genres ist in solchen Geschichten selbst ein neutrales Ende fast unmöglich, aber selbst wenn man das weiß, möchte man dieses düstere Universum dennoch weiter beobachten und nicht mehr den Verrückten, sondern die wahren Motive der Helden zu erraten.
Kommentare
0Noch keine Kommentare.
Melde dich an, um mitzudiskutieren.