
Auf den großen Leinwänden setzt das neue Werk des 81-jährigen Gurus des Body-Horrors, David Cronenberg, seinen gemächlichen Siegeszug fort. Darüber, wie eine philosophische Parabel über die Akzeptanz des Todes einer rein „menschlichen Angelegenheit“...
Der Geschäftsmann und kreative Produzent von Firmenvideos Karsh (Vincent Cassel) erschafft nach dem Tod seiner geliebten Frau (Diane Kruger) im Grunde einen digitalen Friedhof, auf dem Angehörige des Verstorbenen über eine spezielle App die allmähliche Verwesung des Körpers im Grab beobachten können. Nach einer leicht unerwartet komischen Erklärung der Funktionsweise des Friedhofs (zu dem auch ein Restaurant gehört) gegenüber einer nicht zustande gekommenen (und aus verständlichen Gründen) neuen Partnerin erfährt Karsh von einem Vandalenangriff, bei dem mehrere Gräber zerstört wurden. Darunter ist auch der Grabstein seiner Frau. Während er versucht, den Grund für die Schändung herauszufinden, stürzt Karsh in den Abgrund der Produktionshölle und korporativer Spionageintrigen, in denen für feine Materie kein Platz ist.
David Cronenberg, offenbar der letzte Alchemist des modernen Kinos, wendet sich in seinem neuen Werk dem Thema Verlust zu, verlagert es aber unerwartet in die Ebene korporativer Auseinandersetzungen. Der kreative Produzent und erfolgreiche Startup-Gründer Karsh (brillant gespielt von Vincent Cassel), der ein Unternehmen zur Überwachung von Leichen gegründet hat – ein Konzept, das die Grundlage eines psychologischen Dramas hätte sein können.
Statt jedoch in die Gefühlswelt der Figur einzutauchen, legt Cronenberg den Schwerpunkt auf fast schon spionagetypische Intrigen und tritt unerwartet auf eine völlig andere Seite des Spielfelds. Im Film beginnt sich eine Handlung um Konkurrenten, die das System hacken, digitale Avatar-Spione und Industriesabotage zu entfalten. Selbst die Angehörigen der verstorbenen Frau sind weniger in emotionale Konflikte verwickelt als vielmehr in einen Kampf um die Kontrolle über die Technologie.

Wenn in der Rubrik „Regisseur des Films“ ein Titan wie Cronenberg steht, erwartet man natürlich einen sozialen Subtext. Und der Regisseur erfüllt diese Erwartungen bereitwillig. Wie viele seiner Kollegen (erfahrene und weniger erfahrene) seziert er beispielsweise mit Vergnügen die heutige digitale Realität, in der selbst der Tod zu einer Ware in einer App wird. Aber Cronenberg, dessen Alter bereits eine gefestigte Ironie im Schaffen vermuten lässt, geht noch weiter: Er verwandelt das Bestattungsgeschäft in ein Feld kybernetischer Auseinandersetzungen, in dem die größte Gefahr nicht von existenziellen Ängsten ausgeht, sondern von korporativen Rivalen.
Stilistisch erinnert der Film weniger an klassische Dramen über Verlust als an Thriller über Techno-Paranoia, im Stil von Finchers „The Social Network“ oder Cronenbergs eigenem „Videodrome“. Die kalte, fast klinische Ästhetik, minimalistische Dialoge und der Fokus auf Überwachungsmechanismen erzeugen ein Gefühl der Produktionshölle. Aber oft wird dies so leblos präsentiert, dass es für jemanden, der keinen einzigen Film aus der Kategorie „David Cronenberg präsentiert“ gesehen hat, ziemlich schwer ist, sitzen zu bleiben.
Vielleicht war das aber auch die Idee. Ein Film über traurige Beerdigungen und fast höfische Intrigen kann wohl kaum mit der Geschwindigkeit einer Lokomotive dahinrasen und dabei Feuerwerke abbrennen. Allerdings ist es Cronenberg längst erlaubt, so zu drehen, wie er es möchte. „Das Leichentuch“ ist jedenfalls in erster Linie etwas Exotisches, nichts Alltägliches.

Was die Schauspieler im Film betrifft, so fügt sich Vincent Cassel mühelos in das vom Regisseur erdachte Konzept ein. Sein Karsh ist nicht nur ein trauernder Witwer, sondern ein besessener Besitzer, dem selbst der Tod nicht nehmen kann, was nur ihm gehört. Er weigert sich, seine Frau loszulassen, und klammert sich mit der manischen Entschlossenheit eines Sammlers an ihre sterblichen Überreste, der sich nicht von seinem wertvollsten Exponat trennen will. Diese „Bestattungsmonopolisierung“ nimmt die Form eines Geschäfts an, in dem jedes Geschäftstreffen, jedes technologische Upgrade nur eine Fassade ist, die die Unfähigkeit verbirgt, den Verlust zu akzeptieren. In dieser etwas seltsamen Erzählung zeigt Cronenberg, wie der moderne Kapitalismus selbst die intimsten Erfahrungen in ein Schlachtfeld um Kontrolle und Besitz verwandelt.
„Das Leichentuch“ ist nicht einfach ein Film über Verlust. Es ist eine Untersuchung darüber, wie der Konsummechanismus das letzte Tabu erreicht hat – den Tod. In diesem Film gibt es keine einfachen Antworten, so wie es sie in den besten Werken des Meisters nicht gibt. Es gibt nur beunruhigende Fragen, gestellt mit der Cronenberg eigenen Virtuosität. Das bestätigt einmal mehr, dass der Regisseur auch in seinem ehrwürdigen Alter die Gabe nicht verloren hat, subtil anzuprangern (es scheint, dass ihm der wohlverdiente Ruhestand noch nicht droht). Und seine wichtigste Warnung klingt erschreckend aktuell: Die wahre Gefahr geht nicht von den Toten aus, sondern manchmal von uns selbst.
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