
„Sünder“, der im Westen die Kinokassen erobert hat, ist jetzt digital erhältlich. Wir erzählen, wie Ryan Coogler, befreit von den Fesseln des Marvel-Universums, einen kühnen Sprung ins Autorenkino mit einem historischen Horrorfilm wagt.
Regisseur Ryan Coogler, bekannt für „Black Panther“ und „Creed“, beweist erneut sein Talent mit einem mutigen Autorenprojekt – dem historischen Horrorfilm „Sünder“. Der Film, der Sozialdrama, Vampirmythologie und musikalische Magie vereint, wurde bereits zum Kassenschlager und spielte bei einem Budget von 100 Millionen Dollar 350 Millionen Dollar ein. Die Kritiker sind begeistert (auf Rotten Tomatoes hat der Film 97 %). Doch was macht dieses Werk so einzigartig?

Rückkehr in die Hölle mit Blues im Herzen
Die Handlung spielt in den 1930er Jahren in Mississippi, wo die formell abgeschaffte Sklaverei durch die Jim-Crow-Gesetze ersetzt wurde. Die Zwillingsbrüder Elias und Elijah Moore (beide Michael B. Jordan) – Veteranen des Ersten Weltkriegs und ehemalige Gangster von Al Capone – kehren in ihre Heimat zurück, um einen Juke Joint zu eröffnen, einen Bluesclub, der zum Symbol ihres Traums von einem neuen Leben wird. Doch das Gebäude, das sie einem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Mitglied abkauften, ist verflucht: Nachts wird es von irischen Vampiren angegriffen, angeführt vom charismatischen Remmick (Jack O’Connell). Die Brüder und ihre Verbündeten – der Bluesmusiker Sammy (Miles Caton), die Sängerin Delta (Hailee Steinfeld) und die Hexe Annie (Jamie Lawson) – liefern sich einen Kampf mit den Untoten, bei dem Musik zur Waffe wird und der Blues als Medium zwischen den Welten dient.
Von Comics zum Autorenkino
Coogler, der von Warner Bros. freie Hand bekam, erschafft eine visuell reiche Welt. Die auf 70-mm-Film gedrehten Panoramen Louisianas kontrastieren mit der Clubatmosphäre, in der Licht und Schatten zu Gitarrenriffs tanzen. Der Regisseur vermischt Genres: Das Kriminaldrama geht in Horror über, und die Musiknummern (z. B. Sammys Auftritt) erinnern an schamanische Rituale. Nicht alle Kritiker haben diesen Cocktail angenommen: Manche Vergleiche mit „From Dusk Till Dawn“ fielen zu Cooglers Ungunsten aus – ihm fehle die ironische Leichtigkeit von Rodriguez. Dennoch verleiht der soziale Subtext über Rassismus und kulturelle Identität dem Film Tiefe, auch wenn er stellenweise etwas plump daherkommt.

Michael B. Jordan in einer Doppelrolle ist der Hauptstar. Seine Figuren, Smoke und Ash, ähneln sich äußerlich, unterscheiden sich aber im Temperament: Der eine ist ein pragmatischer Stratege, der andere ein impulsiver Rebell. Allerdings haben Kritiker angemerkt, dass der Unterschied zwischen ihnen manchmal verloren geht und die Doppelrolle eher wie ein technischer Trick wirkt. Dafür glänzen die Nebenfiguren: Delroy Lindo als alkoholkranker Mundharmonikaspieler und Wunmi Mosaku als tanzende Vampirin verleihen dem Film Charisma. Jack O’Connell als Remmick balanciert zwischen Charme und Grausamkeit und macht den Bösewicht zu einem Antihelden, dessen Motive fast gerechtfertigt erscheinen.
Die Musik von Ludwig Göransson ist nicht nur ein Soundtrack, sondern das Nervensystem des Films „Sünder“. Der Blues ist hier die Sprache der Geister: Gitarrenbends rufen die Geister entflohener Sklaven herbei, und Vampire singen Balladen auf Gälisch, sodass die Fensterscheiben im Takt zerbersten. Die Legende von Robert Johnson, der an einer Kreuzung seine Seele dem Teufel verkaufte, wird wörtlich genommen – der Cameo-Auftritt des 88-jährigen Buddy Guy als Blind Louis wird zu einem mystischen Ritual: Wenn er spielt, fängt die Kamera das Zittern seiner Augenlider ein, als ob der Musiker das Jenseits sähe.

Über Risse im Fundament
Trotz all seiner hypnotischen Kraft ist „Sünder“ nicht frei von spürbaren Mängeln. Der auffälligste ist die strukturelle Überfrachtung des Finales. Die grandiose 27-minütige Schlacht im überfluteten Club, in der Vampire wie Schatten über das Wasser gleiten und Gitarrenriffs Holzbalken zersplittern lassen, verliert allmählich an dramatischer Spannung und wird zu einer Reihe effektvoller, aber emotional flacher Stunts. Der übermäßige Einsatz von CGI (besonders in der Szene des „Blutstrudels“, in der Hunderte Vampire in einer digitalen Substanz verschwinden) dämpft das Gefühl realer Bedrohung, das in den ersten Akten so sorgfältig aufgebaut wurde. Das Genre-Ungleichgewicht macht sich bemerkbar: Die starke soziale Allegorie (Vampire als Ku-Klux-Klan-Mitglieder, die buchstäblich das „blaue Blut“ der lokalen Elite aus Kristallgläsern trinken) tritt angesichts der Notwendigkeit, Action-Quoten zu erfüllen, abrupt in den Hintergrund und lässt vielversprechende Themen wie die Metapher des Rassismus als jahrhundertealten Fluch unausgeschöpft.
Michael B. Jordans schauspielerische Leistung ist technisch einwandfrei, leidet aber unter einem Drehbuch-Ungleichgewicht. Zur Mitte des Films hin verwischen die Unterschiede zwischen Smoke (seine nervösen Zusammenbrüche nach dem Krieg, die sich in einem Zittern der linken Hand äußern) und Ash (kühle Berechnung, die sich in der Art widerspiegelt, wie er vor einem Mord langsam eine Zigarre anzündet), und ihr Konflikt reduziert sich in der entscheidenden Opferszene auf eine Formalität. Selbst der Soundtrack, für sich genommen genial, geht manchmal im Mix unter: Die feinen Nuancen der gälischen Vampirballaden gehen in der Kakophonie von Explosionen und Schreien im Höhepunkt verloren, und der durchdringende Monolog der Hexe Annie über die „Musik der Toten“ wird durch übertrieben lautes Türknarren übertönt. Diese Unebenheiten zerstören nicht das Ganze, erinnern aber daran, dass Cooglers Ambitionen manchmal die makellose Ausführung überholen.

Zwischen Meisterwerk und Spektakel
„Sünder“ ist ein vielversprechendes Projekt, das alles auf einmal sein will: eine Allegorie auf den Rassismus, eine Hommage an den Blues und ein Horrorfilm mit Action-Elementen. Nicht alle Ideen sind perfekt ausbalanciert: Soziale Themen gehen manchmal in der Action unter, und die finale Schlacht wirkt überlang. Aber der Film fesselt den Zuschauer mit Energie, visueller Ästhetik und einem kraftvollen Soundtrack. Es ist ein Film, den man auf der großen Leinwand sehen sollte, um zu spüren, wie der Boden von den Bässen bebt und das Vampirgeheul mit dem Gitarrensolo verschmilzt. Und dennoch ist es ein fesselndes Erlebnis. In der Szene, in der der ultraschallartige Vampirschrei mit einer Note der Resonatorgitarre verschmilzt und die Kamera durch die Clubwand direkt in ein Mississippi-Gewitter fliegt, erschafft Coogler Kino als taktiles Erlebnis.
„Sünder“ ist kein Meisterwerk, aber zweifellos einer der denkwürdigsten Filme des Jahres, der beweist, dass Ryan Coogler auch außerhalb des Superhelden-Genres zu überraschen weiß.
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