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Die Musikdrama der Coen-Brüder „Inside Llewyn Davis“ kommt erneut in die Kinos, nachdem es drei Golden-Globe-Nominierungen erhalten hatte. Wir erzählen, ob sich nach dreizehn Jahren doch noch etwas im Inneren des Helden gefunden hat.

Nachts versteckt sich Llewyn Davis (Oscar Isaac) hinter grauen Rauchschwaden im matten Dunkel der Bars. Tagsüber macht er die Runde bei Bekannten und Freunden auf der Suche nach einem Schlafplatz. Die Grundlage seiner Persönlichkeit und seiner endlosen Klagen ist die Sache seines Lebens – die Musik. Aber auch hier läuft nicht alles glatt: Von der ersten Platte – den Überresten vergangener Größe – bekommt Llewyn kein Geld, vom zweiten Soloalbum bekommt das Studio selbst kein Geld, es war ein Flop. Der Opa im karikaturhaften Antiquariat klopft dem jungen Genie mitleidig auf die Schulter und gibt ihm vierzig Dollar.

Inside Llewyn Davis

Geldmangel ist nicht so ein Problem wie die Zeitlosigkeit, in die die Coen-Brüder ihren Helden erneut bösartig eintauchen lassen. Die Sechzigerjahre in diesem Film erkennt man wohl nur an dem ironischen Lied über Kennedy und den Weltraum (schließlich herrscht das Rennen um die Eroberung des unbekannten Raums). Aber dafür erkennt man immer unfehlbar New York mit seiner professoralen Intelligenz in Strickpullovern, der Bohème und den armen Musikern, die endlos an der Bartheke hängen. Der Ort ist hier wichtiger als die Zeit. Und die Zeit ist sehr relativ.

Wie lange die düstere Reise des Musikers genau gedauert hat, ist schwer zu sagen. Aber dass sie nach dem Abspann nicht enden und sich wiederholen wird, ist unbestreitbar. Die kreisförmige Komposition deutet nicht nur auf allumfassende Hoffnungslosigkeit hin, sondern löst auch das Haupträtsel der Sphinx, das freundlicherweise im Titel genannt wird.

Inside Llewyn Davis

Zuerst scheint es, als sei Llewyn einfach ein dreißigjähriger gescheiterter Musiker, der sich träge durch freudlose Alltagsroutine kämpft. Was soll man machen, fata viam invenient. Aber das Märtyrerbild täuscht. Es sind nicht die verträumten Augen eines wandernden Dichters, sondern ein Blick voller galliger Ironie. Es ist nicht Armut um eines höheren Ziels willen, sondern maßloser Hochmut. Es ist nicht erzwungene Einsamkeit, sondern selbstgefällige Abkehr von den Mitmenschen.

Ihn als verkanntes Genie zu bezeichnen, gelingt auch nicht – er ist nur einer von vielen Kouroi, die man nur bei näherer Betrachtung unterscheiden kann. Nicht zufällig wählten die Coen-Brüder gerade Folk: Mittelalterliche Legenden vermischt mit Bacchantinnen und Geschichten über den Tod können wenig über den Interpreten selbst aussagen. In Llewyn Davis‘ Liedern steckt keine Seele. In diesen Liedern steckt er gar nicht.

Inside Llewyn Davis

Llewyn trifft auf seinem Weg ein Dutzend anderer Charaktere, und es ist für den Zuschauer viel einfacher, sie zu verstehen, als zu versuchen, die kalte Leere von Davis‘ Sticheleien zu durchschauen. Die mit Beleidigungen um sich werfende Jean (Carey Mulligan), die beim bloßen Anblick unseres erfolglosen Musikers in Wut gerät; ihr ruhiger Freund (Justin Timberlake); der alte Junkie (John Goodman), der Jazz liebt und Folk verachtet, und sein junger Handlanger mit der unvermeidlichen Zigarette im Mund – sie alle erweisen sich als lebendiger als Llewyn. Sie erfüllen flüchtige Wünsche, starke Emotionen, Rachegelüste, Trauer um den toten Sohn. Davis aber kauert hinter beißendem Zynismus und verbirgt innere Leere.

Die Coen-Brüder nehmen ihrem Helden selbst in Gesprächen und Gerede über ihn die letzte Chance auf Größe. Llewyns Reise durch fremde Wohnungen (einer beliebten unausgesprochenen Tradition folgend) könnte man mit der „Odyssee“ vergleichen, aber den Titel des Königs von Ithaka schnappt Davis eine rote Katze namens Odysseus weg, die einen weiten Weg durch die Gassen New Yorks zurückgelegt hat, um nach Hause zu kommen.

Inside Llewyn Davis

Der Film „Inside Llewyn Davis“ hätte eine umfassende Anatomie eines kleinen Menschen sein können, nach Art von Tschechow oder Gogol, mit einem Hauch von Motiven altgriechischer Tragödien und einer Prise unbarmherziger postmoderner Ironie. Aber während das Metronom des Tempos den Takt schlägt und Llewyn die Winkel seiner Biografie durchkämmt, stellt sich heraus, dass in dieser Lebensbeschreibung das Wichtigste fehlt – der Held. Wie bei Peter Schlemihl spüren die Menschen um ihn herum, dass Llewyn Davis etwas Wesentliches fehlt. Ihn hat das dichte matte Dunkel der Bars ausgefüllt, das Innere verschlungen und nur das Äußere, das visuelle Abbild eines Menschen mit traurigem Blick und betörender Stimme zurückgelassen.