Preview image

Am Vorabend der Oscar-Verleihung erzählen wir von jedem der fünf nominierten Kurzfilme, geben eine kurze Charakteristik, ordnen sie subjektiv vom Schlechtesten zum Besten und vergeben in lässiger Manier Bewertungen.

5) The last ranger („Der letzte Ranger“) von Cindy Lee

Die Kurzfilmnominierungen sind in höchstem Maße international und experimentell. Zumindest sollten sie es sein, und so sieht sie der Zuschauer. Sie sind weniger mit Verleih- und Produktionssorgen belastet, daher ist der Weg für Stimmen aus der Peripherie völlig offen.

Lee hat nichts gemein mit den für Europäer liminalen Räumen von Mati Diop oder Idrissa Ouédraogo. „Der letzte Ranger“ ist ein amerikanischer Blick auf ein Diorama afrikanischen Territoriums, vereinfacht gesagt eine Safari im Amakhala-Wildreservat unter Geigenmusik wie aus „Fluch der Karibik“. Das Ergebnis ist eine langweilige und gewohnte Hollywood-Geschichte über das böse Böse und das gute Gute.

4,5/10

Post image
Standbild aus dem Film „Der letzte Ranger“

4) I’m not a robot („Ich bin kein Roboter“) von Victoria Warmerdam

Die Niederlande sind nicht oft bei der wichtigsten Filmpreisverleihung der Welt vertreten, daher ist es umso interessanter, was Victoria Warmerdam in Berührung mit dem Science-Fiction-Genre gelungen ist.

Die Musikproduzentin Lara erfährt während der Arbeit, dass sie ein Roboter ist – das Mädchen ist nicht in der Lage, ein Captcha zu bestehen. Die Idiotie der erzählerischen Entscheidung ist offensichtlich, aber der allgemeine Ton und die Ziele des Films lassen ihn auf dieser Stufe nicht auseinanderfallen.

Warmerdams Kurzfilm beginnt und endet mit dem Lied Creep, das gleichzeitig die Unvollkommenheit der menschlichen Hülle unterstreicht und eine multiple Projektion eines einzigen Liedphänomens ist. Welche andere Komposition vermittelt so genau das Wesen des erklärten Konflikts?

„Ich bin kein Roboter“ sieht aus wie eine solide Folge, kostet weniger als eine Folge von „Black Mirror“ und denkt über absolut typische „Black Mirror“-Themen nach (nicht die beste Kombination für einen Oscar). Kein Weihnachtsspecial „White Christmas“, aber wenn Sie sich für eine Sichtung entscheiden, werden es nicht die langweiligsten zwanzig Minuten Ihres Lebens sein.

Ich suche Spiegelungen in ihnen: Rezension zur Serie „Black Mirror“ (Staffel 6)
Jewgeni Beloussow
Ich suche Spiegelungen in ihnen: Rezension zur Serie „Black Mirror“ (Staffel 6)

Am 15. Juni erschien auf Netflix eine neue Staffel der berühmten Anthologie, die von Charlie Brooker geschaffen wurde. „Black Mirror“ begann als eine Sammlung von Science-Fiction-Geschichten über Technologie und Menschen, aber in

Open material

6/10

Post image
Standbild aus dem Film „Ich bin kein Roboter“

3) A Lien („Ein Fremder“) von David Cutler-Kreutz

Der einzige wirklich amerikanische Film der Oscar-Nominierung. Die Einwanderungsfrage in den USA ist sowohl eine nationale Tragödie als auch ein ewiger existenzieller Narrativ, der Forscher irgendwo in die Tiefe der Geschichte der zivilisatorischen Grenze führt.

Gespräche über Einwanderung sind immer aktuell, immer konjunkturell. So versucht auch „Ein Fremder“ einmal mehr, an den Schmerz zu erinnern, den ein Einwanderer durchmachen muss, und fügt beiläufig die Figur Trumps mittels einer Fernsehübertragung in die Erzählung ein.

„Ein Fremder“ ist Propaganda, weil er sich nicht scheut, einen Einzelfall zu extrapolieren, und ein guter Film, weil er den Zuschauer ins Epizentrum der Situation versetzt. Der Schnitt, wie in den Jason-Bourne-Filmen mit einem Schnitt alle zwei Sekunden, erzeugt nicht nur Dynamik, sondern konstruiert auch die räumliche Unbestimmtheit des Labyrinths von Knossos innerhalb des Amtsgebäudes der Einwanderungsbehörde.

„Ein Fremder“ beißt sich nicht auf emotionaler, sondern auf physiologischer Ebene fest, daher verspricht das freudlose Ende keine schlaflose Nacht, sondern eine trübe Beruhigung.

6,5/10

Post image
Standbild aus dem Film „Ein Fremder“

2) Anuja („Anuja“) von Adam J. Graves

Was wäre, wenn Amadeus Mozart nicht in Salzburg, sondern in einer Eskimofamilie nahe der Hudson Bay geboren worden wäre? Wäre er ein großer Komponist geworden oder in der Bedeutungslosigkeit gestorben, kämpfend mit der Wildnis?

Die Hauptfigur des gleichnamigen Films, Anuja, ist natürlich kein Mozart und lebt in einer indischen Metropole, nicht im Norden Kanadas, aber ihre Probleme sind nicht geringer. Das Mädchen hat beeindruckende mathematische Fähigkeiten, will sie aber nicht einmal entwickeln, weil ihr Kopf mit anderen Fragen voll ist: Wo finde ich Geld für Essen und wie komme ich nicht zu spät zur 14-Stunden-Schicht?

Und trotz alledem kann der Film mit visueller Vielfalt, einer chaotischen und sorgfältigen Montage-Ganzheitlichkeit und natürlich der Chemie zwischen Anuja und ihrer älteren Schwester Palak überraschen.

7/10

Post image
Standbild aus dem Film „Anuja“

1) The Man Who Could Not Remain Silent („Der Mann, der nicht schweigen konnte“) von Nebojša Slijepčević

Am Ende der kosmopolitischen Filmexkursion begegnet uns die Arbeit des kroatischen Regisseurs Nebojša Slijepčević, die in Cannes ausgezeichnet wurde.

Im Gegensatz zu anderen Kurzfilmen operiert Slijepčevićs Film nicht mit allgemein zugänglichen Kontexten, sondern holt in einer rissigen Manier eine Episode aus dem Massaker von Štrpci ans Licht, das von der serbischen Gruppe „Beli orlovi“ (Weiße Adler) im Zuge der ethnischen Säuberung verübt wurde.

7,5/10

Post image
Standbild aus dem Film „Der Mann, der nicht schweigen konnte“

Enttäuschende Ergebnisse

Die Filmkunst hat über Generationen ihre Identität verteidigt, indem sie die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf implizite Eigenschaften lenkte: den Raum der Filmsprache, den Schnitt und die Einstellung als Mittel des bildlichen Ausdrucks. Die Kurzfilmarbeiten von 2024 haben dies vergessen und es für nötig befunden, den „Filmapparat“ in ein Mittel zur Verbreitung von Ideen und Meinungen zu verwandeln. Ist das schlecht? Nicht ganz, aber wir müssen feststellen: Der Kurzfilm-Oscar ist dürftig ausgefallen.