„Parthenope“ ist das neue Filmwerk des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino, in dem sich mythologische Motive, atmosphärische, fast traumhafte Bilder und eine zutiefst persönliche Geschichte verflechten. Seit dem Erscheinen des Films diskutieren sowohl Zuschauer als auch Kritiker intensiv über sein allumfassendes Streben nach Schönheit, die mystische Präsenz Neapels (als reale Stadt und Metapher) und die schwer fassbare Reise der Protagonistin zu sich selbst.

Im Folgenden analysieren wir die wichtigsten Themen und Symbole des Films: von Parthenope als moderner Version der Sirene bis zur Zyklizität ihres Lebens, in dem Jugend und Verluste unvermeidlich erscheinen.

Achtung, Spoiler: In den folgenden Abschnitten werden wichtige Ereignisse des Films besprochen.

Handlung im Überblick: Der Weg vom Meer zu sich selbst

Parthenope (die wunderschöne Debütantin Celeste Dalla Porta) erscheint erstmals als Figur, die „vom Meer geboren“ wurde, was in einer eindrucksvollen Szene ihrer „Wassergeburt“ im Golf von Neapel im Jahr 1950 visuell umgesetzt wird. Bereits zu Beginn wird auf die griechisch-mythischen Wurzeln ihres Namens angespielt. Dann springt die Handlung ins Jahr 1968: Parthenope steigt aus dem Meer – eine symbolische „Geburt“ ihres Bewusstseins – und beginnt ihren Weg durch die Straßen Neapels.

Parthenope Rezensionen
Standbild aus dem Film „Parthenope“

Der Zuschauer sieht, wie die Protagonistin Transformationen durchläuft: von unbeschwerter Jugend bis zu ernsthaftem Interesse an Anthropologie. Auf diesem Weg – seltsame Romanzen (mit einem Mafioso und einem Bischof), eine tragische Dreiecksbeziehung zwischen ihr, ihrem Bruder Raimondo und dem langjährigen Freund Sandrino sowie Versuche, Schauspielerin zu werden.

Jeder neue Schritt nährt und untergräbt gleichzeitig ihr Selbstgefühl, und schließlich kehrt sie zur Wissenschaft zurück, unter der Anleitung des einzigen Menschen, der ihren Geist fast mehr schätzt als ihr Äußeres. Während dieser ganzen Zeit ist sie sich bewusst, dass ihre Schönheit Menschen anzieht und Türen öffnet, sie aber gleichzeitig selbst zu einem „Objekt“ der Bewunderung anderer macht.

Parthenope als Mythos und Metapher

Der Name „Parthenope“ verweist direkt auf die griechische Sirene Parthenope, deren Leiche an die Küste Neapels gespült wurde und eine Verbindung zwischen Frau und Stadt herstellt. In Sorrentinos Version ist Parthenope eine „moderne Sirene“, die alle bezaubert, die in ihr Blickfeld geraten, sich aber nie vollständig offenbart. Diese Idee wird durch die ständige Präsenz des Meeres untermauert, das sowohl wörtlich als auch symbolisch als „Ankerpunkt“ fungiert.

Parthenope Bedeutung
Standbild aus dem Film „Parthenope“

Doch Parthenope ist hier kein übernatürliches Wesen, sondern eine junge Frau, die erkennt, wie mächtig ihre Kombination aus Schönheit und Intelligenz in einer von Männern dominierten Welt sein kann. Diese „doppelte Gabe“ wird zum zweischneidigen Schwert – ähnlich wie die mythischen Sirenen einerseits Seeleute verzauberten und andererseits in den Tod trieben. Parthenope ist anziehend, aber gleichzeitig distanziert und unergründlich, als ob sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stünde, ohne wirklich gesehen zu werden.

Neapel: Anziehung und Falle der Heimat

Paolo Sorrentino zeigt Neapel, getreu seiner eigenen Tradition, nicht nur als Kulisse, sondern als eigenständigen Charakter, der die Komplexität Parthenopes widerspiegelt. Die Straßen der Stadt sind mal erfüllt von Musik und festlicher Fröhlichkeit, mal versinken sie im Dunkel der Korruption oder werden Opfer eines Choleraausbruchs.

In einigen Szenen – etwa wenn in der Silvesternacht das Feuerwerk die Bucht erleuchtet – wirkt Neapel fast wie eine utopische Landschaft voller Farben und Leben. In anderen löst es Klaustrophobie aus, aus der Parthenope nicht ausbrechen kann.

Parthenope ansehen
Standbild aus dem Film „Parthenope“

Die Stadt spielt die Rolle eines Magnetfelds, das die Protagonistin zurückzieht, und verkörpert gleichzeitig Licht und Dunkelheit, Freude und Zerstörung. Diese Dualität unterstreicht eine der zentralen Ideen des Films: Die Umgebung formt die Persönlichkeit. Die Schönheit Neapels wird für die Protagonistin gleichzeitig zum Segen und zur Last – wie ihr Äußeres. Sie kann weggehen, aber die Stadt lässt sie selbst aus der Ferne nicht los.

Jugend, Schönheit und der Blick der anderen

Das Thema Jugend und Schönheit ist eine langjährige Vorliebe Sorrentinos, und für Parthenope ist es der zentrale innere Konflikt. Von den ersten Bildern an wird sie als Objekt der Begierde, Inspiration und Verehrung wahrgenommen. Diese ständige Aufmerksamkeit beeinflusst all ihre Entscheidungen. Selbst wenn sie versucht, sich hinter Lehrbüchern an der Universität zu verstecken, scheint ihre „magnetische Aura“ den Zugang zu ihrem Intellekt zu versperren.

Parthenope Sorrentino
Standbild aus dem Film „Parthenope“

In Sorrentinos kunstvollem visuellen Stil ist Parthenope stets von weichem, bezauberndem Licht umgeben, was ihren Nimbus einer unerreichbaren Wesenheit noch verstärkt. Dabei sieht der Zuschauer, dass die Protagonistin nicht unintelligent ist und in Anthropologievorlesungen durchaus scharfsinnige Fragen stellt. Aber die Menschen um sie herum ignorieren oft ihre Gedanken und starren nur auf ihr Gesicht und ihre Figur. Es stellt sich die Frage: Ist es in unserer Welt möglich, Jugend und Schönheit von Ausbeutung zu trennen, wenn die Gesellschaft so gierig nach äußerem Glanz ist?

Identität, Schicksal und die Sehnsucht nach Sinn

Parthenopes Bestreben, ihr eigenes Wesen zu verstehen, spiegelt sich in ihrer Entscheidung wider, Anthropologie zu studieren: Indem sie versucht, Menschen und ihre Motive zu verstehen, versucht sie, sich selbst zu verstehen. Aber auf Schritt und Tritt wird sie damit konfrontiert, dass andere in ihr nur ein „Objekt der Begierde“ sehen – seien es Verehrer, der machthungrige Bruder oder ein lebensmüder Schriftsteller.

Parthenope 2024
Standbild aus dem Film „Parthenope“

Alles wird durch eine Familientragödie verschlimmert – den Selbstmord ihres Bruders Raimondo, der hoffnungslos an ihr hing. Dieses Ereignis zerstört den gewohnten Lauf der Dinge und weckt in dem Mädchen Schuldgefühle, die sie einerseits zu neuen Zielen treiben, ihr andererseits aber keine Ruhe lassen. Sie flüchtet sich vorübergehend in die Schauspielerei, versucht, die Verbindung zur Vergangenheit abzubrechen und aus Neapel zu fliehen. Aber das Schicksal scheint eng mit ihrer Geschichte verwoben, als ob die Stadt selbst sie in ihren Mythos eingeschrieben hätte. Stimmt Parthenope selbst dem zu, dass man dem Schicksal nicht entkommen kann, oder glaubt sie an die Freiheit der Wahl? Der Film deutet nur an, dass sie diese Last tragen muss, wohin sie auch geht.

Symbolismus, Surrealismus und Sorrentinos Handschrift

Sorrentinos charakteristische „traumartige“ Episoden durchziehen den gesamten Film und verleihen der Realität einen sanften Hauch von Fantasie. Manchmal wirken diese Szenen einfach nur effektvoll: etwa der extravagante Helikopterflug mit einem Reichen oder die pompöse „Versöhnungszeremonie“ zweier Mafia-Clans. Manchmal tragen sie jedoch eine düstere Note, indem sie die Schärfe der Cholera-Epidemie betonen oder die lasterhafte Seite kirchlicher Würdenträger offenlegen.

Parthenope Film
Standbild aus dem Film „Parthenope“

In fast jeder Episode verbirgt sich eine tiefere Bedeutung. Wenn ein prächtiges Stadtfest plötzlich auf einen Trauerzug trifft, zeigt dies buchstäblich das Aufeinandertreffen von Lebensenergie und der Unvermeidlichkeit des Todes. Parthenopes Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten (darunter ein leicht betrunkener John Cheever, gespielt vom wie immer brillanten Gary Oldman) veranschaulichen den Kampf zwischen Kreativität und Begierde, Schönheit und Leid. Solche Details mögen unabhängig von der Haupthandlung erscheinen, ergeben aber zusammen ein stimmiges Bild: Schönheit, Tragödie, Leidenschaft und die Suche nach sich selbst verflechten sich in dieser mythischen Stadt, die zwischen Realität und Traum zu schweben scheint.

Finale: Versöhnung mit dem Unvermeidlichen

In den letzten Szenen sehen wir Parthenope Jahrzehnte später (gespielt von Stefania Sandrelli). Sie ist nicht mehr das unbeschwerte junge Mädchen, und Neapel brodelt immer noch vor Leidenschaften. Zurückgekehrt, offenbar auf der Suche nach Antworten – oder, wie eine echte Sirene, einfach dem Ruf der heimatlichen Küste folgend – wird sie Zeugin jubelnder Menschenmengen, die den Sieg ihres geliebten Fußballvereins feiern. In diesem feurigen Feuerwerk der Fanfreude spürt man den unbezähmbaren Geist Neapels.

Parthenope Film 2024
Standbild aus dem Film „Parthenope“

Die Reaktion der gealterten Parthenope – ein leichter, leicht müder Seufzer – spricht nicht von Niederlage, sondern eher von Akzeptanz. Es scheint, als hätte sie endlich verstanden, dass ihre eigene Geschichte und die der Stadt untrennbar sind. Ihr ganzes Leben lang hatte sie versucht, dem Magnetfeld Neapels zu entkommen, und ist doch mit ihm verbunden geblieben. Wie die mythische Sirene wird sie immer ein Teil dieses Ortes sein, und der Ort ein Teil von ihr. Die Legende von Parthenope lebt in der Erinnerung der Bürger weiter und verbindet untrennbar Hoffnung und Verdammnis.

„Er besteht aus Wasser und Salz, wie das Meer“: Der Sohn von Professor Marotta

Zu den am meisten diskutierten Szenen des letzten Films von Paolo Sorrentino gehört die, die den Sohn von Professor Marotta vorstellt, gespielt von Alessandro Paniccia.

Von Anfang an wissen wir, dass Marotta einen Sohn mit besonderen Bedürfnissen hat und dass er zögert, ihn Parthenope vorzustellen. Der Grund? Mehr noch als die mangelnde Bereitschaft des Professors ist es die mangelnde Reife Parthenopes selbst, die für eine Begegnung mit ihm notwendig ist.

Gegen Ende des Films sehen wir den Sohn des Professors: Er leidet an Makrozephalie, einer Behinderung, die ihn, selbst im Verhalten, wie ein Kind im Körper eines Riesen erscheinen lässt.

Parthenope Kino

„Er besteht aus Wasser und Salz“, erzählt Professor Marotta, worauf Parthenope antwortet: „Wie das Meer“. Nachdem sie ihn beobachtet hat, kommentiert Parthenope: „Das ist wunderschön“. Und der Professor nickt.

Die Szene hat eine starke emotionale und symbolische Wirkung. Paolo Sorrentino gibt jedoch keine endgültigen Erklärungen, sondern überlässt es der Öffentlichkeit, frei darüber zu spekulieren. In einem Interview mit La Verità bemerkte der Regisseur:

Dieser Mensch erscheint mir schön und erstaunlich und mag für den Zuschauer erinnerungswürdig sein. In dem Moment, in dem ich es erkläre, verliert es seinen Sinn.

Der Professor hält sein Kind geheim, was höchstwahrscheinlich auf Kinder mit Behinderungen anspielt, die in vergangenen Generationen oft totgeschwiegen oder versteckt wurden.

Fazit

„Parthenope“ ist eine üppige, aber zugleich zutiefst persönliche Geschichte über Schönheit, Selbstidentität und Schicksal. Die Protagonistin verkörpert gleichermaßen Stärke und Verletzlichkeit, ähnlich wie die Stadt, die ihr den Namen und den Mythos gab. Sorrentino führt den Zuschauer weg von einer klassischen linearen Handlung hin zu unglaublichen visuellen Metaphern und einer Kette tragischer Ereignisse und schafft eine einzigartige Atmosphäre an der Schnittstelle von Realität und Traum.

Letztendlich hängt die Interpretation von Parthenope von der Wahrnehmung des Zuschauers ab: Sehen Sie in ihr eine Sirene, gefangen in ihrer eigenen Schönheit, oder eine Rebellin, die versucht, den Fesseln des Schicksals zu entkommen? Der Film lässt uns mit Fragen zurück, die über die Leinwand hinausgehen: Wie stark beeinflusst uns der Ort, an dem wir geboren wurden? Können wir diese Verbindung durchbrechen? Sind wir dazu verdammt, immer wieder dieselben Kreisläufe des Schicksals zu durchleben, oder sind wir in der Lage, uns darüber zu erheben? Für Parthenope bleiben die Antworten im endlosen Meer – und rufen jeden von uns auf, die eigene „Sirene“ in sich zu hören.

Trailer:

Übersetzung und Adaption von Materialien der Websites What's After the Movie? und Fanpage