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Auf Apple TV+ kann man das Kriegsdrama „Blitz“ des Regisseurs von „12 Years a Slave“ sehen. Warum wir dies wärmstens empfehlen – in unserer Kritik.

September 1940. Die deutsche Luftwaffe bombardiert täglich britische Städte. Viele Teile Londons liegen bereits in Trümmern. Die Regierung, die den akuten Mangel an Luftschutzbunkern erkennt, initiiert die Massenevakuierung von Kindern aus den bombardierten Gebieten.

Die alleinerziehende Mutter Rita (Saoirse Ronan) trifft auf Drängen ihres Vaters (Paul Weller) die schwierige Entscheidung, ihren Sohn George (Elliott Heffernan) an einen sicheren Ort zu schicken. Der Junge ist mit dieser Regelung jedoch absolut nicht einverstanden und verlässt heimlich den Zug, der die Kinder transportiert. Er ahnt noch nicht, wie viele Prüfungen des Lebens ihn in den nächsten Tagen erwarten.

Standbild aus dem Film „Blitz“
Standbild aus dem Film „Blitz“

Vom Genre her könnte man das neue Werk von Steve McQueen als Abenteuerfilm einordnen. „Blitz“ ist eine archetypische Odyssee, in der der Held auf dem Weg nach Hause Hindernisse überwindet. Jedes Kapitel seiner Reise hat seine eigene Reihe von Nebenfiguren, die den Rahmen dieser Novellen nicht sprengen.

Nur dieses fast märchenhafte Reisemotiv, wie aus „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupéry entlehnt, zerbricht an der grausamen Realität des Zweiten Weltkriegs. Kaum erinnert das Geschehen auf der Leinwand entfernt an ein friedliches Vorkriegsleben, bricht die trügerische Idylle unter dem ohrenbetäubenden Heulen der „Fliegeralarme“ zusammen. Im selben Moment dringen in die relativ ruhigen Szenen heimtückisch Aufnahmen von am Himmel schwebenden deutschen Geschossen ein.

Standbild aus dem Film „Blitz“
Standbild aus dem Film „Blitz“

Die kindliche Optik erlaubt es, vieles bis auf banale und scheinbar selbstverständliche Wahrheiten zu entblößen. Natürlich gibt es unzählige Geschichten, die aus diesem Blickwinkel erzählt werden, und McQueen erfindet in dieser Hinsicht das Rad nicht neu. Der Blick eines Kindes, fast immer naiv, aber nicht getrübt von grauer Moral und Kompromissen mit dem Gewissen, dient als hervorragende Grundlage für Gespräche über komplexe Themen.

Standbild aus dem Film „Blitz“
Standbild aus dem Film „Blitz“

Das Universum wäre wahrscheinlich kollabiert, wenn Steve McQueen in seinem Film nicht die Rassendiskriminierung und die Last des Kolonialismus thematisiert hätte. Der Regisseur zeigt, wie einige scheinbar anständige Herren beim Anblick eines Inders oder Afrikaners von einer primitiven irrationalen Wut erfasst werden, die von einem Gefühl der eigenen Überlegenheit genährt wird.

Das gleiche wird auch auf der Ausstellung der Errungenschaften der imperialen Wirtschaft deutlich, in die George durch die Fügungen des Schicksals gerät. Hinter jedem Rekord, der in großen Buchstaben auf einem Schild steht, verbirgt sich in Wirklichkeit die Sklavenarbeit der überseeischen Untertanen der Krone. Und die Bewohner dieser Gebiete selbst werden dort als Wilde mit wahnsinnigen Grimassen dargestellt. McQueen kommt der Gleichsetzung von Skylla des Kolonialismus und Charybdis des Hitlerismus gefährlich nahe.

Übrigens ist der Protagonist selbst halb schwarz. Sein Vater stammte der Handlung nach aus Grenada. Interessanterweise überschneidet sich diese Tatsache mit der Biografie des Regisseurs.

Standbild aus dem Film „Blitz“
Standbild aus dem Film „Blitz“

Es gibt im Film auch eine weibliche Perspektive – dafür steht die Figur von Saoirse Ronan. Ihre Handlungslinie ist nicht so ereignisreich, berührt aber dennoch die Seele, dank des einfühlsamen Spiels der Schauspielerin. Rita verspürt im Gegensatz zu ihren Freundinnen ein permanentes Bedürfnis, sich um jemanden zu kümmern. Gleichzeitig neigt sie nicht dazu, ihre Gefühle zur Schau zu stellen. Selbst in der Verzweiflung über die Trennung von ihrem Sohn zeigt das Mädchen allen gegenüber emotionale Stärke. Im gesamten Film bricht sie nur zweimal zusammen: beim Abschied von George am Bahnhof und als sie erfährt, dass er aus dem Zug ausgestiegen ist.

Und Rita hat eine hypnotisch schöne Stimme. Es besteht der Verdacht, dass das Lied Winter Coat, das Nicholas Britell speziell für den Film geschrieben hat, dort mit Blick auf einen Platz in der entsprechenden Kategorie bei den Oscars hinzugefügt wurde. Der größte Teil des Originalsoundtracks des Films stammt von Hans Zimmer. Seine Musik ergänzt das Geschehen auf der Leinwand angemessen, bleibt aber letztlich nicht im Kopf hängen. Vielleicht liegt es am Fehlen einer einprägsamen Titelmelodie, für die der legendäre Komponist bekannt ist.

Standbild aus dem Film „Blitz“
Standbild aus dem Film „Blitz“

Vielleicht drängt sich Ihnen bereits der Schluss auf, dass „Blitz“ von Apple TV+ ein klassischer Oscar-Bait ist. Einerseits ist das nicht weit von der Wahrheit entfernt, denn der Film erfüllt alle informellen Kriterien der Preisvorlage. Andererseits wirkt die paradoxe Kombination aus aktuellem Inhalt und altmodischer Form beeindruckend, und es wäre nicht ganz fair, dem Film dies vorzuwerfen. Überraschenderweise schaffte es Steve McQueens Film bei den Golden Globes in keine einzige Kategorie, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Situation bei den Oscars anders sein wird. Schade! Diese atemberaubende epische Geschichte ist zu gut, um außerhalb der Preisverleihungssaison zu bleiben.

Trailer: