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Auf der Plattform Start fand die Premiere der ersten Folgen der Serie von Juri Bykow „Lichije“ statt. Ein düsterer und mürrischer True-Crime über einen Killer, seinen Sohn und die 90er Jahre.

1991. In dem Moment, als das Leben im Land buchstäblich auf eine Katastrophe wartete, entdeckt der tapfere Jäger Pawel Lichowzew (Artjom Bystrow), dass seine Imkerei in der Taiga von einem Bären verwüstet wurde. Auch die Reste des Honigs ließen sich nicht zu einem guten Preis verkaufen (er ist jetzt billiger als Zucker). Anständige Einkünfte gehören nun der Vergangenheit an, und wie man jetzt leben soll, ist unklar. In dieser traurigen Nachdenklichkeit wird Lichowzew von seinem alten Freund Jura (Alexander Golubew) überrascht, der schon lange nach Chabarowsk gezogen ist. Nach seinen Erzählungen zu urteilen, lebt Jura dort recht gut und schlägt Pawel sofort vor, seine bescheidenen Habseligkeiten zu verkaufen und mit ihm in die große Stadt zu ziehen.

Der strenge und es gewohnte, alles sofort zu entscheidende Pawel versteht, dass er eigentlich nichts zu verlieren hat. Er überredet schnell seine Frau, setzt alle in einen heruntergekommenen UAZ und fährt los. In Chabarowsk richtet sich der ehemalige Jäger in einer bescheidenen Wohnung ein, und bald taucht Jura mit dem Angebot auf, als Fahrer zu arbeiten und ein paar Leute zu einem Treffen zu bringen.

Am ersten Arbeitstag gerät Pawel zunächst in eine heftige Auseinandersetzung und wird dann sogar zum festangestellten Killer in einer örtlichen Bande. Zu den gefährlichen Aufträgen nimmt Pawel seinen Sohn mit, der nach und nach die grausamen Gesetze des Lebens lernt und naiv glaubt, dass man das alles noch ändern und glücklich leben kann.

Die Fehler unserer Väter: Rezension der ersten Folgen der Serie „Lichije“
Szene aus der Serie „Lichije“

Zum Titel der Serie „Lichije“ möchte man irgendwie kanonisch die „90er“ hinzufügen, und in diesem Wortspiel ist deutlich die Absicht der Autoren zu erkennen. Aber nein. Es ist ein True-Crime über einen Killer namens Lichowzew. Daher der Titel. Und im Plural, weil die Serie nicht so sehr über Auseinandersetzungen handelt, sondern über die Tragödie einer einzelnen Familie Lichowzew, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens am Rande des Abgrunds stand.

Regisseur des Projekts ist Juri Bykow, der „Der Idiot“, „Das Werk“ und „Der Wächter“ gedreht hat. Nach einer kurzen Pause in seiner Karriere scheint der Regisseur noch strenger geworden zu sein: Mit vollem Schwung schlägt er nicht auf die Augenbraue, sondern ins Auge.

Die allgegenwärtigen 90er auf dem Bildschirm sind schon wie zu Hause (die Serie „Kombinazija“ ist kürzlich zu Ende gegangen, also musste man sich nicht erst entwöhnen). Nur diesmal hat Bykow die Farben bis zum düsteren Stadt-Noir verdichtet und sich extrem dem Kino von Balabanow und unerwartet den blutigen Hongkong-Actionfilmen angenähert. Der Regisseur ist sparsam und präzise wie ein Ingenieur: Alles ist bis zum Komma ausgerechnet, das Bild nur mit Weitwinkelobjektiven. Er dosiert die Grausamkeit, inszeniert effektvoll kurze Schießereien und erschreckt sogar mit einfachem, aber äußerst unbehaglichem Horror.

Es ist durchaus möglich, dass der versierte Bykow in Zukunft doch noch einen Horrorfilm dreht. Und zwar nicht über die Realität, sondern über etwas Mystisches. Bei ihm sollte das auf jeden Fall klappen.

Die Fehler unserer Väter: Rezension der ersten Folgen der Serie „Lichije“
Szene aus der Serie „Lichije“

Wie in seinen vorherigen Filmen hat Bykow in der Serie „Lichije“ sein Lieblingsthema nicht vergessen: die Gegenüberstellung des kleinen Menschen mit einem großen und gefährlichen System. Aber hier widersteht der Hauptdarsteller in der Rolle von Artjom Bystrow diesem System nicht so sehr, sondern findet darin seine Lebensaufgabe. Natürlich mit Risiko verbunden, aber für Lichowzew ist das nur ein Nebeneffekt. Der ohnehin schon düstere und schweigsame Pawel verliert allmählich sein menschliches Antlitz und verwandelt sich in einen einsamen Killer (ein Tier?) und glaubt heilig, dass er die Verbrechen ausschließlich zum Wohle seiner Familie begeht, die er eigentlich gar nicht mehr hat. Und es scheint, dass es ihm sogar gefällt, sich auf diese Weise zu beruhigen.

Die Fehler unserer Väter: Rezension der ersten Folgen der Serie „Lichije“
Szene aus der Serie „Lichije“

Die ersten Folgen sehen nicht schlecht aus. Äußerlich erfüllen sie durchaus die Anforderung an die Glaubwürdigkeit der dargestellten Epoche. Aber im Gegensatz zu vielen Projekten zum Thema der 90er Jahre nostalgisiert Bykow nicht, hegt keine Illusionen und versucht nicht, den Zuschauer damit zu füttern. An jeder Szene arbeitet er wie an der letzten, atmet die gleiche Luft wie seine Figuren. Nach dem Prinzip: So war es wirklich. Und nach Bykow ist das beängstigend.

„Wir sind für sie entweder die Ihren oder Zeugen“, sagt Jura zu Bystrows Helden. Und dieser Satz veranschaulicht wohl treffend die Lebensbeschreibung der Figuren nicht nur der Serie „Lichije“, sondern auch vieler anderer. Bykow haut einfach drauf, ohne um den heißen Brei herumzureden. Es ist schwer zu sagen, ob „Lichije“ der Hit dieses Herbstes wird und Bykow erfolgreich in der für ihn gemütlichen Atmosphäre der Ausweglosigkeit landen wird. Hier müsste man vielleicht subtiler vorgehen, aber der Regisseur ist es gewohnt, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Aber das letzte Wort hat trotzdem Bykow. Er hat den Zuschauer schon mehr als einmal schockiert. Warum sollte er es nicht auch dieses Mal wieder tun?