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Am 17. Oktober erreichte „Anora“, der Triumphator der Filmfestspiele von Cannes 2024, die großen Leinwände. Ob der Film die Goldene Palme verdient, für wen Sean Baker dreht und wie der Streifen geworden ist, den viele mit „Pretty Woman“ vergleichen,...

Sean Baker ist bekannt für Filme über das Leben marginalisierter und verletzlicher Gesellschaftsschichten, darunter auch Sexarbeiter. Dabei ist in seinen Filmen stets Menschlichkeit präsent, der Autor verfällt nicht in Moralisieren und versucht nicht, die Bilder zu „glätten“ oder zu idealisieren. In diesem Sinne ähneln seine Werke den gewöhnlichen Menschen, die man auf der Straße treffen kann, und nicht perfekt retuschierten Models. „Anora“ bildet da natürlich keine Ausnahme.

Schon in den ersten Minuten tauchen wir in die Hinterzimmer eines Escort-Clubs ein, in dem Ani (Mikey Madison) arbeitet – sie mag es nicht, mit ihrem vollen Namen genannt zu werden, und stellt dies im Laufe der Handlung mehrfach klar, um dann auch zu erklären, dass man in Amerika Namen generell keine große Bedeutung beimisst. Der Zuschauer erfährt nie etwas über die Vorgeschichte der Hauptfigur, versteht aber, dass sie gewissermaßen ihre Wurzeln und ihr früheres Leben aufgegeben hat, das sie außerhalb der USA zurückgelassen hat. Übrigens hat Anora Mikheeva der Handlung nach usbekische Wurzeln, weshalb der Film in Usbekistan keine Aufführungsgenehmigung erhielt.

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Standbild aus dem Film „Anora“

Ani ist jung und schön, mit glänzenden bunten Strähnen im Haar gleicht sie fast einer Barbie. Für Männer ist sie tatsächlich nicht mehr als eine hübsche lebende Sexpuppe, selbst wenn man ihre Tätigkeit außer Acht lässt. Und Anora spricht auch Russisch, daher erinnert die Begegnung mit Vanya Zakharov (Mark Eydelshteyn), dem Sohn des russischen Oligarchen Nikolai Zakharov (Aleksey Serebryakov), und ihre überstürzte Hochzeit in Vegas tatsächlich an die Geschichte von Aschenputtel oder der gleichen „Pretty Woman“ von Garry Marshall, mit dem einzigen Unterschied, dass Baker die Realität so zeigt, wie sie ist. Es ist keineswegs eine Romcom, wie es zunächst scheinen mag, sondern ein echtes Dramedy.

Für Zuschauer, die Bakers frühere Werke nicht kennen, wird das erste Drittel des Films tatsächlich an all die bekannten Märchen von schönen Prinzen erinnern. Nur ist der Prinz hier nicht so schön, sondern eher ein unangenehmer und abstoßender Teenager. Das ist allen klar, selbst Ani stimmt innerlich mit Toros (Karren Karagulian) darin überein. Die weitere Entwicklung der Ereignisse ist zugleich komisch und tragisch und dadurch der harten Realität noch näher. Freilich ist es bei dem Regisseur auch nicht anders.

Film Anora
Standbild aus dem Film „Anora“

Toros ist die rechte Hand von Zakharov senior, seine Hauptaufgabe ist es, in der Ferne ein Auge auf den unreifen Vanya zu haben. Karagulian ist seit Bakers erstem Film „Vier Buchstaben“ stets dabei, in dem sich bereits sein Stil und seine besondere Menschenliebe abzeichnen.

Es ist schwer, die unglaubliche Ausstrahlung von Karren Karagulian und seinem Kollegen Vache Tovmasyan (einem professionellen Comedian) zu leugnen, die nicht nur als Duo hervorragend funktionieren, sondern auch neben dem Gopnik Igor (Yura Borisov) nicht untergehen. Borisov ist so talentiert, dass er unweigerlich die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich zieht. In „Anora“ ist die Besetzung jedoch so gewählt, dass dieses Problem nicht auftritt.

Anora online
Standbild aus dem Film „Anora“

Darüber hinaus bleibt Baker sich treu und dreht neben professionellen Schauspielern auch mit neuen Gesichtern und einfach Passanten oder Menschen, die zufällig ins Bild geraten (die Szene der Suche anhand eines Fotos wurde in echten Lokalen gedreht, in denen die Leute wirklich antworteten, dass sie die Person auf dem Foto nicht gesehen hätten).

In diesem Jahr wurde „Anora“ mit dem Festivalpreis in Cannes ausgezeichnet. Vor ihr erreichten diese Höhe „Anatomie eines Falls“ im Jahr 2023, „Triangle of Sadness“ im Jahr 2022 und „Titane“ im Jahr 2021. Auf den ersten Blick scheint „Anora“ nicht recht in diese Reihe von Filmen mit besonderem Anspruch auf hohe Kunst zu passen. Dennoch werden in ihnen die einen oder anderen sozialen Probleme thematisiert, und bei Baker spricht jeder Film direkt und in verständlicher Sprache mit dem Zuschauer darüber. Man sollte auch bedenken, dass die Jurypräsidentin Greta Gerwig war – eine bekannte Feministin der Filmwelt. Die Geschichte von Anora Mikheeva kann buchstäblich niemanden unberührt lassen, also überrascht die Wahl im Kontext von Gerwig überhaupt nicht.

Zudem hat jeder Film von Sean Baker ein besonders ergreifendes Ende, und auch hier bietet „Anora“ dem Zuschauer wieder die Möglichkeit, die ganze Bandbreite an Gefühlen und Emotionen zu erleben, deren er fähig ist.

Trailer: