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Im Online-Start ist „Caddo Lake“, der dritte Film von M. Night Shyamalan in diesem Jahr, bei dem es ihm scheinbar endlich gelungen ist, den Zuschauer zu überraschen. Darüber, warum dieser Film dem Schaffen des berühmten Liebhabers von Handlungswendun...

In der Handlung von „Caddo Lake“ ereignet sich in einer kleinen verschlafenen Stadt irgendwo an der Grenze zwischen Texas und Louisiana ein außergewöhnlicher Vorfall. In den wilden und undurchdringlichen Sumpfwäldern verschwindet die 8-jährige Anna. Die Polizei und alle besorgten Bürger stürzen sich in die Suche. Annas ältere Schwester Ellie (Eliza Scanlen) gibt sich die Schuld am Verschwinden des Mädchens und beginnt mit eigenen Nachforschungen. Zur gleichen Zeit geschehen in der Umgebung seltsame und beängstigende Dinge: Aus dem Nichts tauchen Wölfe auf, in der Nähe der Sümpfe wird ein halbierter Alligator gefunden, immer wieder ertönen unheimliche Geräusche, und der Arbeiter der Sumpfreinigungsfirma Paris (Dylan O'Brien) sieht ein ungewöhnliches Licht im Wald, das ihn zu dem Ort führt, an dem Anna vermutlich zuletzt gesehen wurde.

Der dramatische Thriller „Caddo Lake“ ist der dritte Film in diesem Jahr, der unter Beteiligung von M. Night Shyamalan entstanden ist. Zuvor hatte der Regisseur von „The Sixth Sense“ erneut (das muss man leider feststellen) einen nicht gerade erfolgreichsten Thriller seiner Karriere veröffentlicht, „Trap“. Dann beaufsichtigte er väterlich das Regiedebüt seiner Tochter in „The Watchers“ mit Dakota Fanning (ebenfalls gefloppt) und beschränkte sich schließlich auf Produktionsaufgaben bei „Caddo Lake“, wobei er seinem eigenen Team von Regisseuren „Servant“ Logan George und Celine Held kreative Freiheit ließ.

See der Hoffnung: Rezension zum Film „Caddo Lake“
Standbild aus dem Film „Caddo Lake“

Und wenn in den ersten beiden Filmen die von Shyamalan besonders geliebten Handlungswendungen das Publikum überhaupt nicht beeindruckten (viele sagten, dass es in „Trap“ gar keine gab und in „The Watchers“ waren sie zu vorhersehbar), dann ließ der Moment, der als der klassische Shyamalan-Twist gilt, in „Caddo Lake“ doch aufschrecken. Und er erinnerte einmal mehr daran, dass der Regisseur und Produzent immer noch in der Lage ist, den altmodischen Trick mit dem Kaninchen aus dem Hut wiederzubeleben. Und, was wichtig ist, das Publikum damit erneut zu überraschen. Aber das Paradoxon ist, dass dieser Trick nicht dank der Regieerfahrung und dem Blick auf das neue Material funktionierte, sondern gerade trotzdem.

„Caddo Lake“ ist tatsächlich schwer mit den klassischen oder neuen Arbeiten des Regisseurs zu assoziieren. Hier gibt es praktisch keine seiner charakteristischen Handschrift. Es macht den Eindruck, dass Shyamalan und sein Team eine ernsthafte Fehleranalyse durchgeführt haben: Sie haben das Schaffen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, den Vektor geändert, den Horizont erweitert. Sie erinnerten sich an die Klassiker und berücksichtigten neue Trends, die auf die eine oder andere Weise anderen Regisseuren und ihren Werken Erfolg gebracht hatten. Letztendlich ist „Caddo Lake“ näher an Stephen King, der gerne in den verborgenen Winkeln der menschlichen Seele gräbt, und an der verworrenen, aber dadurch vielleicht noch erfolgreicheren „The Darkness“ von Baran bo Odar. Kurz gesagt, es ist sowohl Shyamalan als auch nicht Shyamalan zugleich. Und dieser Widerspruch überrascht eher angenehm, als dass er wieder enttäuscht.

See der Hoffnung: Rezension zum Film „Caddo Lake“
Standbild aus dem Film „Caddo Lake“

Nach Konzeption und filmischer Umsetzung ist „Caddo Lake“ sowohl Science-Fiction als auch Drama, Thriller und irgendwo Krimi mit Elementen der Southern Gothic. Aber die Science-Fiction ist eher bedingt, das Drama philosophisch (wenn auch nicht vollständig ausgearbeitet, aber mitreißend durch Emotionen). Und das Krimi-Genre beginnt und endet mit dem Googeln von Archivartikeln und Materialien der letzten 50 Jahre im Leben der Kleinstadt. Dafür gibt es hier reichlich Louisiana-Sümpfe und -Moore mit Alligatoren, mit Schlamm bedeckten kleinen Anlegestegen und majestätischen Zypressen.

Hier kann sich jeder an etwas Vertrautes und schmerzlich Bekanntes klammern. Vom bereits erwähnten Stephen King über „True Detective“ oder „Twin Peaks“ bis zu „The Jacket“ oder sogar „Iwan Wassiljewitsch…“. Trotz dieser beeindruckenden Liste von Inspirationsquellen ist „Caddo Lake“ ein individuelles Produkt, solide gemacht, richtig und rechtzeitig präsentiert, und vor allem schamlos faszinierend und zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sein kleines Geheimnis.

Aus solchen kleinen Geheimnissen, Rätseln, Andeutungen, Unausgesprochenem, Verzweiflung, Trauer besteht diese auf den ersten Blick komplexe und vielschichtige Geschichte über eine einst geteilte Familie.

Shyamalan, Logan George und Celine Held versuchten in „Caddo Lake“, die ewigen Fragen anders zu beantworten, auf die immer nur bestimmte Antworten gegeben werden: Ist der Weggang des Vaters aus der Familie wirklich so eindeutig? Vor wem ist Anna in den Wald gelaufen und verschwunden? Warum weint die Frau jedes Mal nach einem Streit mit ihrer Teenager-Tochter? Warum will Ellie so weit weg aus ihrer Heimatstadt? Wie lässt man die Vergangenheit los und lebt in der Gegenwart? Diese Antworten werden eher fantastisch sein, mit einer Beimischung von kindlich naiver Magie. Aber sie geben Hoffnung. Und das erleichtert die Seele.