
Im Netz fand die Premiere von Jeff Nichols' Film „The Bikeriders“ statt, in dem das Dröhnen der Motorräder die Gedanken und Sehnsüchte ihrer Besitzer nicht übertönen kann.
Zwei Motorradfahrer mit wettergegerbten Gesichtern – Johnny (Tom Hardy) und Benny (Austin Butler) – fahren schweigend durch die Arbeitervororte des einstöckigen Amerikas auf schönen Bikes. Der Erste, müde vom Familienleben, hat zu viele Filme mit Marlon Brando gesehen und eine Motorradgang gegründet. Der Zweite, ein geheimnisvoller freier Reiter, frech und schweigsam, erinnert mal an James Dean, mal an den jungen Val Kilmer. Harte Blicke, zerschlagene Fäuste, benzingetränkte Jacken, endlose Mengen an Alkohol und Zigaretten zu den Liedern von Howlin' Wolf und Bob Dylan, spärliche Männertränen (und das auch nur, wenn man vom Motorrad getrennt wird, sonst nicht, selbst wenn einem fast das Bein abgerissen wird).

So zeichnet Regisseur Jeff Nichols („Take Shelter“, „Mud“) ein Porträt der Biker der späten 60er Jahre. Genauer gesagt zeichnet nicht er es, sondern der Autor des Buches Outlaw, Danny Lyon, dessen Werk Nichols sorgfältig auf die Leinwand zu übertragen versucht hat. Die Haupterzählerin und gleichzeitig Führerin durch die Handlung ist Bennys Frau Kathy (die brillante Jodie Comer), die von Lyon (Mike Faist) interviewt wird. Überhaupt ist die Schauspielerriege einer der Hauptvorzüge des Films. Hier sind alle Vertreter der üblichen filmischen Männlichkeit versammelt. Neben Hardy und Butler bekommen Boyd Holbrook, Nichols' Lieblingsschauspieler, Michael Shannon, Emory Cohen und der wie für die Rolle des wilden Bikers geborene Norman Reedus jeweils ein Stück Leinwandzeit.
„The Bikeriders“ ist auch mit und mit einem Großteil von Scorseses Filmografie verwandt. Nichols erzählt ebenfalls vom Allgemeinen durch das Besondere, von einer vor den Augen anderer verborgenen Männergesellschaft mit eigenen Regeln, grenzenloser Freiheit, Adrenalinhunger, einem Gefühl von Brüderlichkeit, einer Familie, die außerhalb des Bikerkreises sehr fehlt. Außerhalb des Systems leben, sich nehmen, was einem zusteht, und keine Angst vor Fremden haben. Sogar ein Revolver ist im kritischen Moment vorhanden, und er wird nur einmal abgefeuert, aber das wird ausreichen, um sich grausam in der eigenen Wahl des richtigen Weges zu täuschen.
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Nur wenn Schora Kryschownikow bereits die Existenz einer Gegenkultur konstatiert hat, indem er die Einbindung junger Männer in sie zeigte, versucht Nichols den Moment einzufangen, in dem unbeschwerte Ausfahrten und fast familiäre Picknicks plötzlich zu brutalen und blutigen Schlägereien um einen Platz in der Hierarchie unter bereits erwachsenen Männern wurden. Diesen Puls im Film zu ertasten, gelingt ihm wohl am besten. Künstlerisch wird dies auch durch das ständig besorgte Gesicht von Hardy unterstrichen, der mit traurigem Blick auf sein zerbrochenes Werk schaut und aufrichtig nicht versteht, wo er die entscheidende Wendung verpasst hat. Mit diesem poetischen Pamphlet zog Nichols einen Schlussstrich unter die sonnigen 60er und zeigte das Heraufziehen der 70er – einer Zeit, die grausam, düster und unruhig war. Eine fast shakespearesche Handlung, umrahmt vom Klang der Motoren und dem Geruch von Benzin.

Was das berühmte Motorengebrüll, Adrenalin, Geschwindigkeiten und schöne Motorräder betrifft, hätte man gerne mehr davon gesehen, schließlich verpflichtet der Titel „The Bikeriders“ irgendwie dazu. Doch das Dröhnen der Bikes und die Keckheit der Auseinandersetzungen schiebt Nichols irgendwo in den Hintergrund, indem er es vorzieht, die Gewalt nicht auszukosten, sondern sich auf die Lebensweise und die Sehnsüchte der Männer in Lederjacken zu konzentrieren. Er vertieft sich so sehr, dass er den Moment verpasst, in dem die Handlung vorbeirauscht und man ihr nur traurig hinterherblicken kann. Und es gibt hier nur eine Verfolgungsjagd, und die ist sehr kurz: Benny kann der Polizei aus einem banalen Grund nicht entkommen – ihm geht einfach das Benzin aus. Dumm, lustig, aber ganz im Sinne des Regisseurs: Weit kann man vor sich selbst nicht weglaufen, und die allgemeine Leere und Verlorenheit beim Wechsel zweier Epochen kann man nicht mit dem Glanz eines verchromten Tanks überdecken.
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