
Ende Februar fand auf dem Streamingdienst Amazon Prime Video die digitale Premiere des letztjährigen Festivalhits „The Zone of Interest“ von Jonathan Glazer statt. Wie der Film geworden ist und warum man ihn im Original und nicht in der Synchronisati...
Die kinderreichen Eheleute Höß leben in einem gemütlichen Haus auf dem Land: für die Kinder gibt es einen Fluss und einen großen Garten, für die Mutter (Sandra Hüller) ein Gewächshaus mit Blumen aller Art, und der Familienvater (Christian Friedel) angelt in seiner Freizeit in einem von Kollegen geschenkten Boot und kümmert sich um sein geliebtes Pferd. Diese auf den ersten Blick normale Familie unterscheidet sich von anderen durch die Tätigkeit ihres Oberhaupts und den Ort, an dem sie ihr Paradies auf Erden erschaffen hat. Direkt hinter dem Zaun befindet sich eines der größten nationalsozialistischen Konzentrationslager – Auschwitz, dessen Kommandant Rudolf Höß ist.
Beunruhigende Idylle

Die Handlung des Films lässt sich in zwei Sätzen beschreiben, ebenso wie die eindringlichen Dialoge an einer Hand abzuzählen sind. Für einen gewöhnlichen Film wären diese beiden Punkte eher negativ, aber „The Zone of Interest“ ist anders aufgebaut. Das Thema Holocaust ist in der Kunst sehr spezifisch, es ist schwierig, es nicht banal darzustellen, ohne die Antagonisten zu beschönigen. Daher wirkt Glazers Film wie ein völlig ungewöhnlicher Film über diese schreckliche Tragödie. In einem Interview mit der Financial Times erzählte er beispielsweise, dass das Team für die Dreharbeiten ein Haus in der Nähe des echten Auschwitz mit zehn Kameras ausstattete, die die Schauspieler aus der Ferne filmten, um einen Reality-Show-Effekt zu erzeugen.
Über „The Zone of Interest“ als Film über die „Banalität des Bösen“ zu sprechen, ist bereits banal, aber durch diese Linse muss man die Welt des Films betrachten. Ein weiterer Aspekt, der diesen Film von etwa „Der Pianist“ von Roman Polanski und „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg unterscheidet, sind die Hauptfiguren – absolute Antagonisten, deren Anwesenheit eine harmlose Szene mit tierischer Grausamkeit und Zynismus erfüllt. Da verteilt die Hausherrin an die Dienstmädchen schöne Blusen, die aus dem Nichts aufgetaucht sind, da diskutieren die Kollegen des Vaters über die Erweiterung des „Unternehmens“, während der jugendliche Sohn eine Uniform für eine Jugendveranstaltung anzieht. Die Doppeldeutigkeit verfolgt einen von der ersten bis zur letzten Einstellung und erschreckt den Zuschauer mit ihrer Kaltblütigkeit und Ausweglosigkeit.
„The Zone of Interest“ und seine Feinheit
Als nicht-dialogischer Film balanciert „The Zone of Interest“ zwischen inhaltlicher Tiefe und erfinderischer Form, die natürlich eindrucksvoller wirkt. Der Ton ist der gesichtslose Held des Films. Er erzeugt ein unheimliches Gefühl der Anwesenheit von jemandem in diesem Haus, aber anstelle des typischen Horrorfilm-Tropus sind die „Geister“ die Lagerinsassen, die wir entweder hören oder sehen können, was von ihnen übrig geblieben ist.

Der bescheidene Luxus des Hauses Höß im Vergleich zu den schmutzig-braunen Baracken und den großen Schornsteinen mit Rauchwolken, die in fast jeder Einstellung sichtbar sind, erzeugt ein unbestreitbares Unbehagen. Das Sounddesign erweitert das Bild dieses Ortes und verleiht dem Geschehen Kontext. So spiegelt der Film eine reale Tatsache aus dem Leben von Rudolf Höß wider: Um seine Familie vor „fremden Geräuschen“ zu schützen, heuerte er einen speziellen Mann an, der bei Bedarf einen Motorradmotor laufen ließ. Die Kombination dieses monotonen Geräuschs mit dem Lachen der Kinder dieser Familie oder dem Klirren des Geschirrs beim Abendessen steht im Kontrast zu den verzweifelten, herzzerreißenden Schreien der Menschen, den Geräuschen von Metall und dem ununterbrochenen Dröhnen.
Der Kontrast wird auch auf visueller Ebene angelegt – im assoziativen Parallelismus. Historisches Wissen über Konzentrationslager ruft hier schmerzhafte und unbewusste Gegensätze hervor: das Leben in einem schneeweißen Haus gegen die Existenz in einer ärmlichen Baracke. Der sanfte Hund der Höß und der wilde Lagerhund; in einem Haus schlafen kleine Jungen auf einem Etagenbett mit weichen Matratzen und Spielzeugen im Arm, während im anderen ebensolche Jungen zu zweit auf Stroh schlafen; für die Familie des Kommandanten ist es ein Leichtes, unberührtes Essen wegzuwerfen, im Lager fehlt es usw.

„The Zone of Interest“ ist kein komplexer dramatischer Film mit gewöhnlicher, solider Arbeit der Künstler und Kameraleute, aber das wird durch die Erfindungsgabe der Regie, die Technik und die feine schauspielerische Leistung mehr als wettgemacht (die Figur von Sandra Hüller stiehlt den Film einfach, ihre Arbeit an Gang und Mimik der Figur lässt einen die liebende Mutter und Ehefrau wirklich hassen). Die Gemächlichkeit und Askese erzeugen einen Effekt der Alltäglichkeit, in der man jede Minute der Laufzeit die entsetzlichen Details des menschlichen Verbrechens bemerkt. Das Ende des Films unterstreicht dies mit einem fetten doppelten Strich, indem es den verträumten Blick von Rudolf Höß gegen ihn selbst und sein System wendet, von dem in der Geschichte nur der Schrecken und der schmerzende Schmerz im Museum von Auschwitz und vielen anderen Orten übrig geblieben sind.
Kommentare
0Noch keine Kommentare.