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„Das schnelle Leben“ ist der zweite Kurzfilm des jungen französischen Regisseurs. Paul Rigou zeichnet behutsam das Bild eines modernen Oblomow und reflektiert über die Beschleunigung des Lebenstempos. Der Film kann bis zum 19. Februar beim Online-Fes...

Ein zerwühltes Bett, bezogen mit heller, frischer Bettwäsche. Auf dem einen Nachttisch daneben staubt ein Stapel Bücher, auf dem anderen ein Haufen Tabletten und ein Glas Wasser. Um fünf Uhr morgens trinkt Jean Weißdorn, Baldrian und eine Viertel Bromazepam. Nach zwölf Stunden Schlaf nimmt er eine Tablette Dolipran, damit der Kopf nicht schmerzt. Jean ist ein gemächlicher, etwas langsamer Typ, zu einfühlsam mit sich selbst. Es scheint, als würde er seine Zeit nicht mit dem wirklichen Leben verbringen, sondern mit leerer Reflexion. Dieses Gefühl verstärkt sich, als sein hyperaktiver Mitbewohner Alec im Bild erscheint.

Jean im Land der subjektiven Zeit – Rezension zum Film „Das schnelle Leben“
Standbild aus dem Film „Das schnelle Leben“

Die Lebensrhythmen und Charaktere von Alec und Jean werden einander gegenübergestellt. Dies ist nur ein überzeichneter Abdruck realer Menschentypen, und in den zwanzig Minuten Laufzeit gelingt es nicht, ihre Bilder zu vertiefen. Auf der Leinwand des Films werden die Menschen nur in zwei Typen eingeteilt: den, der gerne einschläft, weil der Tag endlich vorbei ist, und den, der gerne aufwacht, weil der Tag endlich begonnen hat. Aber gerade in dieser reinen Form harmonieren und kontrastieren diese beiden Helden am besten. Jeans mit Tabletten übersätes helles Zimmer in warmen Tönen wirkt irgendwie langweilig im Vergleich zu Alecs Zimmer: kalte Farbtöne, Synthesizer, skurrile Glasfiguren und flackerndes Licht wie auf einer Techno-Party.

„Das schnelle Leben“ ist eine Commedia dell’arte, in der ein Held die Maske des pessimistischen Philosophen trägt und der andere in die des überzeugten optimistischen Einfaltspinsels gehüllt ist. Und obwohl Voltaire uns bereits gelehrt hat, dass übermäßiger Optimismus absurd ist, wirkt der moderne Candide in Gestalt von Alec recht organisch. Er ist ungezwungen im Umgang und eher dem wirklichen Leben und dem gegenwärtigen Moment hingegeben, ohne auch nur an die nahe Vergangenheit zu denken.

Jean im Land der subjektiven Zeit – Rezension zum Film „Das schnelle Leben“
Standbild aus dem Film „Das schnelle Leben“

Aber nicht umsonst wählt der Autor gerade diesen kränklichen, unbeholfenen, linkischen, wenig geselligen Jungen zum Haupthelden. Jeans Erforschung ist viel interessanter: Der Melancholiker, eingeschlossen in seinem Zimmer, der versucht, Fehler in seiner Gesundheit zu finden, denkt viel tiefer als sein aktiver Freund. Alec hat oberflächliche Interessen, die hauptsächlich aus Herumhüpfen zu Hyperpop und wilden Spielen im Freien bestehen. Aber Jean ist ein wahrer Betrachter, er lebt langsam, um Zeit zum Nachdenken zu haben: „Nur die Traurigkeit erhebt uns“.

Die Freundinnen der Helden stellen eine gewisse Variation dieser beiden Arten der Zeitwahrnehmung dar. Lou (Alecs Freundin) ist genauso dynamisch wie er selbst, aber sie ist in der Lage, wenn nicht anzuhalten, so doch zumindest das Tempo zu drosseln. Caroline (Jeans Freundin) ist genauso langsam und unbeholfen, versucht aber, gegen sich selbst anzukämpfen: „Ich mag die Einsamkeit nicht und leide unter der Kommunikation“.

Jean im Land der subjektiven Zeit – Rezension zum Film „Das schnelle Leben“
Standbild aus dem Film „Das schnelle Leben“

Interessant ist, wie der Autor, ohne die Kameraposition zu ändern, die Begrüßung des ersten und des zweiten Paares zeigt. Es scheint, dass nur Jean und Caroline zu tiefer Zuneigung fähig sind: ihrer unbeholfenen Begrüßung wird mehr Zeit gewidmet, ihre Dialoge sind länger und gehaltvoller, ihre Blicke dauern länger und die schüchterne Berührung ihrer Wangen erinnert an echte Verliebtheit.

Aber während des Gesprächs aller vier wird klar, dass Jeans gemächliches Leben eine sehr zerbrechliche Konstruktion ist, die der schnelle Rhythmus des modernen Lebens zerstören kann. Die Beschleunigung der subjektiven Zeitwahrnehmung durch Aktivität wird früher oder später seine kontemplative Langsamkeit dominieren. Außerdem versucht Jean künstlich, seine Zeitwahrnehmung zu verlangsamen. Er sitzt lieber da und streichelt das Gras im Schatten, als im Park zu spielen, weil er weiß, dass Aktivität die Zeit nur beschleunigt. Caroline vergleicht ihn mit Oblomow, aber er ist nicht nur Oblomow, er ist auch der verträumte Lenski und der in Leiden sich wiederfindende junge Werther.

Jean im Land der subjektiven Zeit – Rezension zum Film „Das schnelle Leben“
Standbild aus dem Film „Das schnelle Leben“

Eine große Tradition der Vergangenheit verbirgt sich hinter dem unbeholfenen, langsamen, reflektierenden Helden. Aber „Das schnelle Leben“ zeigt, dass sich die Zeiten ändern und selbst Jean am Ende versucht, das Erwachen aus dem Schlaf zu genießen, nicht das Eintauchen in ihn. Er ändert sich für die Liebe und versucht, ein wenig von seiner Langsamkeit weiterzugeben, im Austausch für Dynamik, und versucht, etwas Mittleres zu finden zwischen bedrückender Melancholie und bunter, aber leerer Hyperaktivität.

Jean im Land der subjektiven Zeit – Rezension zum Film „Das schnelle Leben“
Standbild aus dem Film „Das schnelle Leben“

Eine weitere Frage, die „Das schnelle Leben“ aufwirft, ist der Grund, warum auch moderne Autoren sich der Neubewertung der formalen Zeit zuwenden. Die Theorie, die im frühen Mittelalter vom heiligen Augustinus entwickelt wurde und in den Werken Kants und Heideggers Fortsetzung fand, ist in der Kultur immer noch analysierbar. Wie mir schien, besteht der innere Hauptkonflikt des Films darin, dass die Beschleunigung des Tempos des modernen Lebens keine Möglichkeit zum Innehalten und Ausruhen gibt, und der Versuch, seinen Lauf künstlich zu verlangsamen, zu Disharmonie führt.