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Im heimischen Kino läuft das Drama „Snegir“ von Boris Chlebnikow. Ein Film, in dem der Kampf gegen die Elemente wie ein Weg erscheint, dem Geschehen an Bord zu entfliehen.

Zwei Absolventen der Seefahrtschule, Nikita (Makar Chlebnikow) und Maxim (Oleg Sawostjuk), landen nach der Verteilung auf einem Fischkutter mit dem poetischen Namen „Snegir“.

Die Mannschaft, vom Seewind durchgepusteter Seeleute, nimmt die Neulinge, die „Grünschnäbel“, mit Gereiztheit an Bord und hält ihnen mürrisch die erste Einweisung zur Sicherheit vor dem Auslaufen. Anfangs klappt bei den beiden jungen Seeleuten natürlich nichts: mal ist das Messer nicht scharf genug, mal stehen sie an Deck, wo sie nicht sollen, mal duschen sie zu lange. Auch die allgemeine düstere Atmosphäre des Schiffes, das an ein Gefängnisschiff erinnert, bedrückt ein wenig.

- „Na, und wie soll man hier leben?“, fragt Nikita spöttisch, mustert die kleine Zelle und richtet sich achselzuckend auf der oberen Etage des Metallbetts ein.

Nach einiger Zeit beginnt Maxim, die Anweisungen gewissenhaft auszuführen und erzählt mit leuchtenden Augen, dass er Kapitän werden will, während es bei Nikita nicht so läuft. Ehrlich gesagt, ist er nur aus Jux mit auf die Reise gegangen („just for fun“), eigentlich will er nur Geld verdienen und nach Thailand fahren, was die Mannschaft nicht wenig ärgert, die Nikita anfangs für einen der Ihren hielt.

Wow. Wir sind aus der Bucht raus: Rezension zum Film „Snegir“
Makar Chlebnikow und Oleg Sawostjuk in einer Szene aus dem Film „Snegir“

Der introvertierte, kontemplative Blick von Boris Chlebnikow führt von den ersten Bildern an in die Irre. Der erste Akt des Films „Snegir“ gibt sich geschickt als typisches Arbeitsdrama, vor dessen Hintergrund sich ein weiterer Generationenkonflikt abspielt. Auf der Leinwand sieht man nur den grauen Alltag der Fischer in der rauen Barentssee: Sie schreien sich an, erziehen die unerfahrenen Grünschnäbel, lachen manchmal und träumen von einem guten Verdienst. Aber je weiter die Küste entfernt ist, desto ungemütlicher wird es an Bord, und das Gefühl einer unvermeidlichen Katastrophe lastet wie die dunkle Decke in der winzigen Kabine.   

Der Konflikt an Bord wächst allmählich, aber „Snegir“ beeilt sich nicht, die Menschen an Bord in Rechte und Schuldige zu teilen. Jeder hat seinen eigenen unnachgiebigen Blick auf das Leben. Das Schlimmste ist, dass es in der Mannschaft Gleichgültige gibt und sie die Mehrheit stellen. Zum Beispiel ist der erfahrene Matrose Jurez () nur damit beschäftigt, möglichst viele Likes in den sozialen Netzwerken zu sammeln, indem er eine Albernheit nach der anderen filmt, der junge Maxim wendet sich von seinem Kameraden ab, sobald er merkt, dass dieser nicht ins Schema passt, und die anderen schauen einfach zu und bringen Abwechslung in die Arbeitsroutine. Hier geht es vor allem um einen reichen Fang und das Bestreben, möglichst wenig an morgen zu denken.

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Warwara Uljanenok
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An die am Ufer zurückgelassenen Häuser und Familien erinnert sich hier fast niemand. Den salzgegerbten Wölfen fällt die Reise viel leichter, wo alles längst vertraut und klar ist. Der müde Blick fokussiert sich nur auf den Horizont, und niemand schaut auch nur flüchtig in sich hinein, um nicht versehentlich die Leere zu sehen.

Nur Vater Gennadi, der Held von Alexander Robak, zeigt eine gewisse Anteilnahme an der Eingewöhnung der Neulinge, indem er sich um den schwächeren Nikita kümmert. Er füttert ihn mit dem Löffel, während dieser unter Seekrankheit leidet, unterbindet Mobbingversuche und versucht, einfach mit der jungen Generation zu reden, um zu verstehen, wie er sich seinen eigenen Töchtern gegenüber verhalten soll, die das gleiche Alter erreicht haben und „ewig unzufrieden“ sind. Aber irgendwann schließt sich auch dieses Fenster: Gena verbraucht schnell alle Worte und Möglichkeiten, die Generationenkluft zu überbrücken, und gibt auf, weil er nicht den Wunsch oder die Fähigkeit findet, Nikitas Streben zu verstehen, „einfach er selbst“ zu sein und nicht jemand anderes. Kein Teil des Schiffes, also kein Teil der Mannschaft. 

Wow. Wir sind aus der Bucht raus: Rezension zum Film „Snegir“
Alexander Robak in einer Szene aus dem Film „Snegir“

„Snegir“ ist völlig frei von Katharsis, daher wird man nach dem Verlassen des Saals das Gefühl der Leere nicht los. Hier sind zwar alle im selben Boot, aber jeder rudert für sich, starrt stur und trotzig in die Finsternis, die sich hinter dem Bullauge zusammenbraut. Ganz folgerichtig beginnt diese mit der Zeit zurückzustarren, und dann reißt die gespannte Saite mit ohrenbetäubendem Krachen.

Und darauf folgt der Orkan der Stärke 10, der Höhepunkt eines jeden ähnlichen Genres. Aber der verzweifelte Kampf gegen ihn und die Rettung Ertrinkender erscheint in „Snegir“ nicht als Akt des Heldentums – als Schlusspunkt, nach dem sich alle umarmen, die Sonne hinter den bleigrauen Wolken hervorkommt und glückliche Gesichter erhellt. Alle werden einander alles verzeihen. Es ist eher ein Versuch, sich irgendwie von der düsteren Realität an Bord abzulenken, Sünden zu sühnen, sich für die Taten zu rechtfertigen. Vielleicht wird es ja angerechnet.