Preview image

Im Online-Verleih kann man auf den südkoreanischen Thriller „Gestohlene Identität“ stoßen. Warum dieser Film genau zur richtigen Zeit kommt – in unserer Rezension.

Im Mittelpunkt der Handlung des Films „Gestohlene Identität“ steht Na-mi (Cheon U-hui), ein junges, glückliches Mädchen, das in einer großen Metropole lebt. Wie die meisten ihrer Altersgenossinnen führt sie ein aktives Leben – sie arbeitet viel in einem großen Unternehmen, hilft abends ihrem Vater im Familiencafé, hat Spaß mit Freundinnen, liked Fotos in sozialen Netzwerken, bestellt Essen, führt Korrespondenzen, macht ständig Fotos und überprüft den Akkustand ihres Smartphones, das sie keine Minute loslässt.

Eines Tages, nach einer wilden Party, verliert sie das Gerät versehentlich im Bus, in dem zu ihrem Unglück ein Stalker-Wahnsinniger (Im Si-wan aus) mitfährt. Er findet das Telefon und beginnt, Na-mi zu verfolgen, wobei er nach und nach alles über sie erfährt: was sie isst, was sie trinkt, wo sie arbeitet und wohin sie abends geht. Zur gleichen Zeit werden außerhalb der Stadt mehrere brutal ermordete Frauenleichen gefunden, und die Polizei beginnt mit der Suche nach dem Mörder.

Himmel. Flugzeug. Virus: Rezension des Films „Notfall“
Witali Gisatullin
Himmel. Flugzeug. Virus: Rezension des Films „Notfall“

Im russischen Verleih ist noch der südkoreanische Blockbuster „Notfall“ zu sehen. Warum dieser Film für das Kinoerlebnis geschaffen ist und wie der Regisseur darin die Genres jongliert

Open material
Rezension des Thrillers „Gestohlene Identität“
Standbild aus dem Film „Gestohlene Identität“

„Gestohlene Identität“ – das Debütwerk des koreanischen Regisseurs Kim Tae-jun – trifft genau den Nerv der heutigen digitalen Realität. Wen hat nicht der Schweiß übermannt bei dem Gedanken, dass das Telefon, in dem ein ganzer Lebensabschnitt steckt, zusammen mit Passwörtern für Bank-Apps und diverse Messenger, plötzlich verloren geht? Noch schlimmer, wenn ein Hacker das Gerät heimlich knackt und Sie durch die Kamera beobachtet oder in Ihrem Namen etwas Unangenehmes an eine nahestehende Person schreibt (um es milde auszudrücken).

Genau in einer solchen Situation wird die Hauptfigur des Films „Gestohlene Identität“ stecken, die zuvor nie darüber nachgedacht hat, dass das digitale Abbild im Telefon eines Tages das Leben seines Besitzers für immer zerstören oder sogar physisch vernichten könnte.

Diesen Gedanken legt der Regisseur bereits im ersten Akt an, der, ehrlich gesagt, der beste des Films ist. Nach allen Regeln des Screenlife-Thrillers taucht „Gestohlene Identität“ von den ersten Minuten an, wenn der Wecker auf dem Smartphone klingelt, den Zuschauer mitten in die Ereignisse eines gewöhnlichen Tages von Na-mi ein. Alltägliche Dinge sind hier die Hauptfiguren und werden in einer maschinengewehrartigen Montage über den Smartphone-Bildschirm präsentiert, wobei sie gelegentlich bildweise (nicht karikaturhaft) die Technik des berühmten Briten Edgar Wright und seiner „Cornetto“-Trilogie kopieren.

Die Zerbrechlichkeit des Privatlebens, die Gleichgültigkeit der Umgebung, die wie Na-mi nicht aufschauen, in Smartphone-Bildschirme vertieft, die Formel der Einsamkeit mit dem eigenen digitalen Abbild im Telefon und die digitale Spur im Netz als Metapher für die Brotkrumen aus dem Märchen der Brüder Grimm, anhand derer der geheimnisvolle und furchterregende Fremde bereits die Verfolgung aufnimmt. Nebenthemen liegen hier ebenfalls nahe: Einsamkeit in der Großstadt, Technologieabhängigkeit, allgemeine Paranoia und beängstigendes Stalking.

Gestohlene Identität 2023
Standbild aus dem Film „Gestohlene Identität“

All dies schafft es Kim Tae-jun in die ersten zwanzig Minuten des Films zu packen, wobei er offen mit seinem leichten Gang, seiner Liebe zum Detail und seinem Eintauchen in das Genre erfreut, in dem der Antagonist so geschickt das Passwort von Na-mis Telefon stiehlt, dass einem einfach die Spucke wegbleibt.

Aber bereits im zweiten und besonders im dritten Akt verpufft die Begeisterung des Regisseurs irgendwo, und das Genre des Films schwenkt ins Melodram um, und zwar so sehr, dass es scheint, als hätte mitten im Film der Regisseur gewechselt. Es wird offen gesagt langweilig, und die Auflösung ist bereits fünfzehn Minuten vor dem Abspann zu erahnen. Aber aufgrund der anfänglichen Begeisterung und des Elans kann man den Film fast ohne Unterbrechung zu Ende schauen. Im Grunde hätte man das ganze Geschehen kompakt in einer Episode unterbringen können, und die Hauptbotschaft wäre aufgrund ihrer Plakativität nicht verloren gegangen.

Scherzhafte und nicht ganz so scherzhafte Serienhighlights des Jahres 2020
Roman Kovalev
Scherzhafte und nicht ganz so scherzhafte Serienhighlights des Jahres 2020

Serienhighlights des Jahres 2020. Mit Humor und maximaler Subjektivität.

Open material

Dennoch ist „Gestohlene Identität“ ein flottes, publikumsnahes und vielleicht aufrichtiges Kino, wofür man Kim Tae-jun nur loben kann. Er moralisiert nicht, warnt aber eindringlich: Die Vorherrschaft der KI ist unbestreitbar, und es ist besser, dem digitalen Double nicht alle seine geheimsten Geheimnisse anzuvertrauen, und man sollte es manchmal in einem anderen Raum lassen.