Preview image

Im russischen Verleih kann man noch den südkoreanischen Blockbuster „Notfall“ sehen. Warum dieser Film für das Kinoerlebnis geschaffen ist und wie der Regisseur darin mit Genres jongliert – in unserer Rezension.

„Notfall“ ist ein absoluter Hit in seiner Heimat und der erfolgreichste Blockbuster des Jahres 2022. Ein Film über ein Virus in der Post-Pandemie-Ära, der selbst beinahe dessen Opfer wurde. Die Dreharbeiten begannen bereits 2019. Dann kam 2020 und die Dreharbeiten wurden immer wieder unterbrochen. Und schließlich erreichte er 2022 die Zuschauer.

Der Film beginnt mit einer Szene am Flughafen, wo ein junger Vater (der Star südkoreanischer und Hollywood-Actionfilme Lee Byung-hun) mit seiner Tochter in ein Flugzeug nach Hawaii steigt. Das Mädchen leidet an Dermatitis, und auf den Inseln gibt es saubere Luft – das wird ihr helfen, schneller zu genesen.

Post image
Lee Byung-hun in Szenen aus dem Film „Notfall“

In dasselbe Flugzeug steigt ein seltsamer junger Mann (Mitglied der K-Pop-Gruppe ZE:A Im Si-wan), der sich zuvor für Flüge mit der maximalen Anzahl von Passagieren interessiert hatte, und die Frau des örtlichen Polizeichefs (der Hauptdarsteller von „Parasite“ Song Kang-ho). Bereits während des Fluges stellt sich heraus, dass der gutaussehende junge Mann ein Terrorist ist und einen gefährlichen Virus an Bord geschmuggelt hat, den er selbst in einem geheimen Biolabor gezüchtet hat. Auf engstem Raum der Boeing verbreitet sich der Virus zu schnell, und die nächstgelegenen Flughäfen zögern, das infizierte Flugzeug auf ihrem Gebiet landen zu lassen.

„Notfall“ des jungen Regisseurs Han Jae-rim wurde in Cannes, wo der Film außer Konkurrenz gezeigt wurde, recht herzlich aufgenommen. Und das ist durchaus verständlich: Dem Regisseur ist es gelungen, aus Handlungsfragmenten so fesselnd ein zusammenhängendes Genre-Gemälde zu nähen, dass es fast unmöglich ist, sich während der gesamten Laufzeit (die übrigens mehr als zwei Stunden beträgt) vom Bildschirm loszureißen. Dabei bringt der Regisseur keine Wunder der Erfindungsgabe in das bereits in- und auswendig bekannte Thema der gefährlichen Flüge ein, sondern stellt lediglich die persönlichen Geschichten aller handelnden Personen in den Mittelpunkt und würzt die Spannung mit dramatischen Tönen und einer sozialen Botschaft.

Die cinephilen Wurzeln des Regisseurs sind durchaus verständlich und erkennbar: Mit „Zug nach Busan“ oder „Snakes on a Plane“ hat wohl jeder, der nicht ganz faul war, Han Jae-rims Film verglichen. Aber hier kann man sich wirklich schwer den Parallelen entziehen: ein junger Vater mit seiner Tochter, die Gefahr des geschlossenen Raums für alle Passagiere, die Angst vor dem Unbekannten, menschliche Tugend und Egoismus, die katastrophal knappe Zeit, Selbstaufopferung, das politische System und der schlimme Bürokratismus der Behörden.

Post image
Song Kang-ho in Szenen aus dem Film „Notfall“

Der Unterschied besteht vielleicht nur darin, dass „Notfall“ zwar ein Mainstream-Film ist, aber durchaus den Geist der klassischen südkoreanischen Kinematographie bewahrt. Von „I Saw the Devil“ über „Oldboy“ bis hin zu „Parasite“. Die angespannten Actionszenen harmonieren hier mit tragischen Dialogen und opernhaften Leiden, und die verzweifelten Versuche der Passagiere, ihre Menschlichkeit zu bewahren und das ersehnte Land zu erreichen, werden von der Monotonie einer Detektivermittlung im Stil von „Memories of Murder“ unterbrochen. Das Einzige, was hier fehlt, ist Witz und Ironie. Dieser selbstbewusste Wagemut, der die meisten Filme aus Südkorea verbindet (und weshalb wir sie eigentlich lieben).

Der Regisseur verlässt sich zu sehr auf sein eigenes Wissen über die menschliche Natur und tritt wiederholt dort hin, wo er schon vor ein paar Minuten war, täuscht mit einer scheinbaren Handlungswendung, dehnt aber in Wirklichkeit nur die Laufzeit, indem er manisch die letzten Emotionen aus dem Zuschauer herauspresst.

Post image

Hier riecht es jedenfalls nicht nach irgendeiner Unausgesprochenheit, Rätselhaftigkeit oder einem ungelösten Ende. Alles ist bereits eine halbe Stunde vor Filmende pedantisch an seinen Platz gestellt. In solchen Filmen kann am Ende alles durch ein mutiges Experiment, Furchtlosigkeit, Risiko entschieden werden. Aber Han Jae-rim hat all das entschieden verworfen und einem gemütlichen, sentimentalen und tränenreichen Katharsis den Vorzug gegeben, der noch etwa 20 Minuten in die Länge gezogen wird. Diese Unebenheiten trüben den Gesamteindruck ein wenig.

Trotzdem ist „Notfall“ ein durchaus kraftvoller Publikumsfilm mit starken Bildern, ausgefeilter Dynamik, hervorragender Kameraführung und meisterhaft geschürzter Spannung. Er hat alles, was man braucht, um leicht benommen, aber durchaus zufrieden aus dem Kinosaal zu gehen.