
„Semun“ ist der Debütfilm von Eduard Zholnin, produziert von Alexei Utschitel mit Jewgeni Tkatschuk in der Hauptrolle. In unserer Rezension geht es darum, warum es all diesen Leuten nicht gelungen ist, den Eastern wiederzubeleben.
Der Automechaniker Jegor (Jewgeni Tkatschuk) wird entlassen, und in derselben Nacht ruft ihn sein Bruder Pascha (Iwan Reschetnjak) an und bittet ihn, in ihr Heimatdorf zurückzukehren – zur Beerdigung des Vaters, der unter mysteriösen Umständen gestorben ist.
Im Dorf hat sich kaum etwas verändert, nur dass die Häuser etwas verfallen sind, mehr getrunken wird und ein fremder Junge die väterliche Kuhherde hütet. Jegor geht zum Friedhof, um mit seinem jüngeren Bruder – einem gutmütigen Hirten – zu sprechen und ihn zu überreden, in die Stadt zurückzukehren.
Pascha will nicht – hier gibt es Kühe, Stabilität, Hoffnungen und Träume. Jegor versucht, den Dorfbewohner umzustimmen, stößt aber auf die Liebe seines Bruders zu den Kühen. Jegor selbst liebt niemanden, und am meisten von allen – die Kühe selbst (eine von ihnen, die mythische Kuh Semun – ein Führer der Hirten in die andere Welt – erscheint ihm allerdings ständig).
Dann entwickelt sich so etwas wie ein klassischer Neo-Western, angepasst an die Breitengrade – der Meridian ist immer noch blutig, aber der Schornstein ist niedriger, der Rauch dünner, und statt Pferden gibt es Kühe. Die Brüder streiten sich, begreifen aber schließlich, dass ihr Hauptfeind der gangsterartige Geschäftsmann Gleb (Oleg Jagodin) ist, der zunächst das Geld aus der Schlachtung der Kühe zu wollen scheint, in Wirklichkeit aber darauf abzielt, das nickelreiche Land – das Grundstück von Jegor und Pascha – für einen Spottpreis zu bekommen.
Im Prinzip nennt man das Eastern, und an „Semun“ kann man den Puls dieses absterbenden Genres messen. Einst war Nikita Michalkow der größte Meister darin, aber da der Eastern ein freiheitsliebendes Kino ist, und als Nikita Sergejewitsch zum Besogon wurde und den Hauptdämon – die Freiheit – aus sich vertrieb, blieb der Platz des Sängers der Hochgebirgsebenen gewissermaßen vakant. Kurz gesagt, er bleibt es.

Nicht dass „Semun“ schlecht wäre, ganz und gar nicht, nur kann der Regisseur des Films, Eduard Zholnin, ebenso wie der Protagonist (ein nicht gerade redegewandter junger Mann), seinen Gedanken nicht richtig ausdrücken – er macht konsequent alle Anfängerfehler und versucht, alles auf einmal zu sagen, und scheint dabei irgendwann ein wenig zu muhen.
Hier gibt es wieder das für das russische Indie-Kino übliche Set von Dichotomien – Dorf/Stadt, edle Armut/lasterhafter Reichtum, natürlicher Gott/kapitalistischer Teufel, und der etwas sentimentale Zholnin fügt, wohl um sicherzugehen, noch das Thema Familie hinzu, sodass die irgendwann stattfindende Motorradjagd nicht mehr an wilde Verfolgungsjagden aus Western erinnert, sondern an den alten, guten Film „Fast & Furious“.
Am Ende kommt eine Art Gleichnis heraus, das trotz der heidnischen Kuh (Semun) in vielerlei Hinsicht biblisch ist, nur dass Kain und Abel hier ihre Rollen – Mörder und Opfer – nicht zu Ende spielen können, weil, wo Gott nicht eingreift, der Kapitalismus eingreift, und so werden am Ende alle zu Opfern. Und das werden sie natürlich auch, aber irgendwann droht in dieser ganzen Geschichte der Zuschauer zum Opfer zu werden – ehrlich, könnte man nicht wenigstens einmal ein Genrekino ohne Tiefgründige Philosophische Idee und ohne die von so vielen geliebte Chthonie drehen?
Und davon gibt es in „Semun“ reichlich – der entlassene Automechaniker sieht, wie erwähnt, ständig eine große weiße Kuh im Nebel (in diesen Momenten fehlt nur noch der Untertitel aus dem Meme „warum“), die Viehherde wird von einem stummen Mädchen mit einer besonderen Verbindung zur Natur gehütet (man könnte übrigens meinen, das sei eine Anspielung auf eine der besten Folgen von „Firefly“), und die alte Frau Warwara murmelt ständig düstere Legenden.
Da offensichtlich die Gruseligkeit im Film etwas zu kurz kommt, wurde der Handlung noch Wlas hinzugefügt – eine Mischung aus Balabanowschem Gottesnarren und einem amerikanischen Indianer – der den Kuhfriedhof hütet und wie ein betrunkener Meister Yoda spricht (und außerdem Erde isst, was offensichtlich symbolisch ist, aber dennoch übertrieben). Bis zu einem bestimmten Punkt steigert das alles die Atmosphäre, aber dann wird es schon etwas komisch und man erinnert sich wieder an das Kuh-Meme.
Eduard Zholnin ist zweifellos ein talentierter Debütant, und seine siebenjährige Odyssee auf der Suche nach einer Geschichte, Produzenten und einem Team lässt einen den entstandenen Film mit einer gewissen Wärme betrachten und auf das nächste Projekt dieses interessanten Autors warten. Dennoch kann man den Film nicht als eindeutig gelungenes Experiment bezeichnen: Hier ist zu vieles vermischt, und besonders das, was Balabanow in gelungeneren Proportionen bereits gemischt hat. Und „Semun“, mit seinem scheinbar tiefgründigen Subtext, der stellenweise an Auszüge aus einem Schulbuch für Sozialkunde erinnert, ist genau das – etwas zwischen Balabanow und Sheridan (weniger „Yellowstone“, mehr „Wind River“, nur dass Tkatschuk halt nicht Jeremy Renner ist), einem Film von Sundance und einer Totenmesse-Gleichnis über die Geister der Erde. Aber eben genau das – etwas Mittelmäßiges. Es ist sogar irgendwie schade.
Kommentare
0Noch keine Kommentare.
Melde dich an, um mitzudiskutieren.