
In „Das Schweigen der Lämmer“ wurde neben der Mordermittlung auch die ethische Seite der ungesunden Beziehung zwischen Hannibal Lecter und FBI-Agentin Clarice Starling untersucht. Eine weitere Meinung zu diesem Thema bietet uns das Drama „Der gute Kr...
Der Film erzählt die Geschichte des Krankenpflegers Charles Cullen (Eddie Redmayne), der im Laufe seiner 16-jährigen Karriere in neun US-Krankenhäusern etwa 300 Menschen tötete. In einem davon trifft er auf Amy (Jessica Chastain), die seine gute Kollegin und ahnungslose Freundin wird. Nach und nach kommt sie der Wahrheit auf die Spur, was sie vor eine schwierige Entscheidung stellt.
Aufgrund der Popularität des True-Crime-Genres konkurrieren Streamingdienste um die beste Verfilmung „nach wahren Begebenheiten“. Der in Toronto wohlwollend aufgenommene „Gute Krankenpfleger“ ist eines dieser Projekte. Der Film unter der Regie von Tobias Lindholm basiert auf dem Buch „The Good Nurse: A True Story of Medicine, Madness, and Murder“ von Charles Graeber, das von einem Mitarbeiter einer medizinischen Einrichtung handelt, der unschuldigen Patienten das Leben nahm. Dabei entsteht der Eindruck, dass es Cullen egal war, wer durch sein Spiel mit dem Gesundheitssystem starb.
Charles selbst hat das Motiv für seine Verbrechen im wahren Leben nie preisgegeben, aber im Film erklärt Redmaynes Figur seine Taten mit dem Satz: „Weil ich nicht erwischt wurde“ und deutet damit auf offensichtliche Probleme im US-Gesundheitssystem hin. Laut dem Regisseur selbst wollte er genau diesen Akzent setzen: zeigen, wie viel wichtiger Status und Ruf für Krankenhäuser sind als die damit verbundenen Opfer.
Dennoch ist das Hauptthema, das Tobias Lindholm seziert, das ethische Dilemma, das sich aus der Beziehung zwischen Charlie und Amy ergibt. Wie kann das Gute mit dem Bösen koexistieren? Kann man einen Mörder ohne Gewissensbisse lieben und ihm Mitgefühl entgegenbringen? Ist humanes Verhalten ein Privileg nur gesetzestreuer Bürger? Hier begibt sich „Der gute Krankenpfleger“ in eine absolute Grauzone, in der es keine richtigen Antworten gibt. Und die Figuren müssen blind herausfinden, was für sie selbst gut und was schlecht ist. Darin liegt die Einzigartigkeit dieser Geschichte – der Regisseur versucht nicht einmal, die Figuren aus der Perspektive allgemein moralischer Werte zu beurteilen oder zu bewerten. Der Film untersucht das Geschehen aus der persönlichen Perspektive jeder Figur. Was würdest du an der Stelle von Jessica Chastains Figur tun?
Ein unglaublicher Glücksfall dieses Films ist die Besetzung. Eddie Redmayne und Jessica Chastain sind Schauspieler von großer Tiefe, die für ihr Spiel in „Der gute Krankenpfleger“ und ihre Hingabe zum Beruf alles Lob verdienen: Zur Vorbereitung auf die Dreharbeiten absolvierten beide eine Ausbildung an einer „Krankenpflegeschule“. Der Film enthält viele Nahaufnahmen, sodass die Aufmerksamkeit unbewusst auf kleinste Veränderungen der Mimik, Augenbewegungen und Zucken der Lippen gelenkt wird. Das Maß an emotionaler Anspannung und Unruhe wird nicht durch künstliche Mittel erzeugt, sondern hauptsächlich durch das feine Spiel der Schauspieler an der Grenze ihrer Möglichkeiten. Die im Trailer teilweise gezeigte Szene in der Cafeteria ist wohl der Höhepunkt, an dem endlich die Wasserscheide stattfindet, die tiefe Eindrücke hinterlässt. Dabei ist die Inszenierung selbst recht einfach gehalten.
Ebenso viel Aufmerksamkeit wird der Körperlichkeit geschenkt: In den Bewegungen von Redmaynes Figur ist eine abstoßende Andersartigkeit zu spüren, während Chastain so wirkt, als wüsste sie aus eigener Erfahrung, was Kardiomyopathie ist. Ein zusätzlicher Bonus zum beeindruckenden Schauspiel sind interessante Kameraperspektiven, visuelle Einfälle und die Farbkorrektur des Bildes – all dies trägt zur Schaffung der Atmosphäre bei und gibt der Geschichte den richtigen Ton.
Erwähnen möchte ich auch Kim Dickens. Der Star des „Walking Dead“-Spin-offs hat sich hier sehr gut geschlagen. Obwohl ihre Rolle klein war, hatte sie einige Szenen, in denen sie eine starke Performance ablieferte.
Es gibt jedoch eine Anmerkung zu „Der gute Krankenpfleger“, die sich speziell an diejenigen richtet, die für die russische Lokalisierung des Films verantwortlich waren. Denn den letzten Worten nach zu urteilen, ist die Hauptfigur dieser Geschichte überhaupt kein Krankenpfleger.
Kann man einen Verbrecher, gar einen Mörder, allein mit Freundlichkeit zähmen? Wo ist die Grenze, an der der Mensch endet und das Monster beginnt? Darüber kann man viel und lange diskutieren. Und dank „Der gute Krankenpfleger“ ist in dieser Frage noch etwas mehr Grau und Mehrdeutigkeit entstanden, wie in jedem Gespräch über Menschen.
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