
Die Kohorte der Disney-Remakes wurde um „Pinocchio“ von Robert Zemeckis erweitert. Besser wäre es nicht gewesen.
Synopsis
Der alte Geppetto (Tom Hanks), der einen magischen Stern am Himmel sieht, äußert einen ungewöhnlichen Wunsch: dass die von ihm aus Holz gefertigte Marionette Pinocchio (Benjamin Evan Ainsworth) ein echter Junge wird. Geppettos Wunsch wird erhört, und die Blaue Fee (Cynthia Erivo) erweckt die Puppe zum Leben – doch das ist erst der Anfang der Abenteuer.
Gemeinsam mit dem vorübergehend als Gewissen des Jungen fungierenden Grille Jiminy (Joseph Gordon-Levitt) wird Pinocchio versuchen, Gut und Böse zu unterscheiden, alle Prüfungen zu bestehen und zu beweisen, dass er es verdient, ein echter Mensch zu sein.
Probleme der Optik
Beginnen wir mit dem Offensichtlichsten – „Pinocchio“ sieht schlichtweg schlecht aus. Und es liegt nicht einmal am CGI selbst – auch wenn es daran Fragen gibt. Nein, das Problem liegt in seltsamen inszenatorischen Entscheidungen – nämlich in der Farbgebung der Schauplätze, dem Design der Figuren und der Menge an Computergrafik pro Quadratmillimeter.
Erstens: Aus irgendeinem seltsamen Grund hat man bei Disney entschieden, dass ein umso dunkleres und graueres Bild auf dem Bildschirm den Film „realistischer“ wirken lässt. Das ist ja schön und gut, nur wird es irgendwann mühsam, jedes Mal genau hinzusehen, und der Film hat überhaupt keinen eigenen Charakter.
Zweitens: Eine seltsame Mischung widersprüchlicher Designansätze lässt einen verwirrt den Kopf kratzen. Denn Figuren wie der Fuchs Honest John (Keegan-Michael Key) sind im Hyperrealismus à la „Der König der Löwen“ gestaltet, während Pinocchio so cartoonhaft und zuckersüß ist, dass er aus dem Gesamtbild herausfällt. Die wohl deutlichste Illustration dieses Widerspruchs ist Jiminy – ein stark stilisierter, grellgrüner Kopf, der auf einen anatomisch einwandfreien menschlichen Körper gesetzt wurde.
Drittens: Entschuldigung, aber wenn der arme Tom Hanks einen animierten Pinocchio hochhebt, mit ihm vor animierten Uhren herumwirbelt und dabei mit der animierten Katze Figaro und dem Fisch Cleo spricht, löst sich jeder Glaube an das Geschehen sofort in Luft auf.
Was lehrt „Pinocchio“?
Nein, wir moralisieren keineswegs und verlangen von keinem Kinderfilm eine tadellose Moral. Es geht hier um etwas anderes.
Was waren die wichtigsten Lehren des Original-Zeichentrickfilms „Pinocchio“? Dem Zuschauer wurde unverblümt gesagt, dass ein Mensch wächst, wenn er danach strebt, mutig, ehrlich und selbstlos zu sein. Dabei wird im gesamten Film gezeigt, dass schlechte Entscheidungen, die aus Naivität getroffen werden, zu ebenso schlimmen Konsequenzen führen können wie solche, die mit böser Absicht getroffen werden. Pinocchio ist vertrauensselig, neigt zum Flunkern und hat keine große Neigung zur Arbeit – und muss über sich hinauswachsen, um aus schwierigen Situationen herauszukommen.
In einer Szene des neuen „Pinocchio“ lügt der Protagonist bewusst, um aus einer ähnlichen Situation zu entkommen (wie in der Szene aus dem zweiten Shrek, die Disneys Pinocchio parodiert). Was kann das Kinder lehren? Dass es manchmal in Ordnung ist zu lügen? Widerspricht das nicht der alten Version?
Darüber hinaus haben die Macher versucht, eine moderne Agenda in das alte Märchen zu stopfen – denn jetzt ist Pinocchio von Anfang an süßlich-ideal, und schlechte Entscheidungen trifft er aufgrund fehlender Alternativen oder des Drucks seiner Umgebung (eine direkte Analogie zur Herabwürdigung von Minderheiten und dem Versuch, sie in bestimmte Schubladen zu stecken).
Nur wenn man versucht, etwas auf eine bereits bestehende Geschichte zu übertragen, das ursprünglich nicht in ihr angelegt war, kann man sich in eine unangenehme Lage bringen. Was ergibt sich daraus? Dass die Autoren, indem sie Pinocchio mit Afroamerikanern und Homosexuellen gleichsetzen, andeuten, dass diese keine echten Menschen seien? Wie schnell sich der Pfeil doch umdrehen lässt!
Ganz zu schweigen davon, dass die Welt Pinocchio im Grunde grundlos bestraft. Denn der Junge tut im gesamten Film nichts Schlechtes aus eigenem, freiem Willen – und verwandelt sich einfach so in einen Esel. Sonst müsste man Minderheiten als schlecht darstellen, und das wollen wir nicht.
Fazit
Wie man so schön sagt: Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Der neue „Pinocchio“ zitiert das Original wortwörtlich und verdünnt es mit lächerlichen und völlig unnötigen neuen Figuren.
Gleichzeitig fehlt ihm der Mut, das zu zeigen, was man sich vor achtzig Jahren nicht scheute zu zeigen. Zum Beispiel trinkt der Held hier kein Bier und raucht keine Zigarren. Wie könnte man auch, er ist doch ein Kind! Und mag man noch so sehr versuchen zu erklären, dass die ungeschönte Darstellung schlechter Angewohnheiten im Film einst erzieherischen Charakter haben konnte.
Mit anderen Worten: „Pinocchio“ 2022 versucht, realistisch und fortschrittlich zu sein, hat aber offensichtlich Angst davor, das zu tun, was „Pinocchio“ 1940 tat. Und es überhört völlig den Kern der Geschichte, indem es versucht, sie durch die Brille der modernen Moral zu zeigen. Und was einst zeitlos und ewig war, erhält eine ganz konkrete Zugehörigkeit zu einer bestimmten Zeit.
Und was bedeutet das? Dass der neue Film schon morgen veraltet sein wird. Aber an das Original wird man sich noch sehr lange erinnern. Merkt euch meine Worte.
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