
Bereits seit fast zwei Jahrhunderten verliert Balzacs Roman „Verlorene Illusionen“ nicht an Aktualität und gewinnt im Zeitalter von Bloggern und sozialen Medien sogar eine neue Dimension. Daher ist die Verfilmung von Xavier Giannoli auch ohne eine Ve...
Am 17. März kam der Film „Verlorene Illusionen“ (Illusions perdues) in die Kinos, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans des Klassikers der französischen Literatur Honoré de Balzac. Die Geschichte des Provinzpoeten Lucien, der das Paris des 19. Jahrhunderts erobern will, spiegelt die Laster des Ehrgeizes und die Abgründe der Bohème so treffend wider, dass sie sowohl für das Frankreich vor 200 Jahren als auch für das heutige Russland und den Rest der Welt aktuell ist.
Es gibt nichts auf der Welt außer Liebe
Der junge Dichter Lucien (Benjamin Voisin) arbeitet in einer Druckerei der Kleinstadt Angoulême. Er trifft sich heimlich mit der dortigen Baronesse Louise de Bargeton (Cécile de France) und träumt davon, ein in ganz Frankreich gefeierter Autor zu werden. Aus Liebe zu dem Jüngling und aufrichtigem Glauben an sein Talent nimmt die Baronesse ihn heimlich vor ihrem Mann mit nach Paris.
Die Hauptstadt empfängt ihn nicht mit offenen Armen, und Lucien stellt fest, dass es ihm an Manieren und Geld mangelt. Zudem erlaubt ihm seine niedrige Stellung nicht, auf Augenhöhe mit seiner Geliebten zu verkehren. Doch überzeugt von seiner literarischen Begabung und erfüllt von Gefühlen für Louise, findet er eine Anstellung bei einer örtlichen Zeitung und beginnt seinen Aufstieg in die höchsten Kreise der Pariser Bohème, wobei er nach und nach seine Illusionen über sich selbst und seine Vorstellungen von der Welt verliert.
Die Zeitung existiert nicht, um die öffentliche Meinung zu lenken, sondern um ihr zu schmeicheln
Der Roman „Verlorene Illusionen“ ist so umfangreich und allumfassend, dass eine wörtliche Übertragung selbst auf die Leinwand wenig erfolgversprechend wäre. Daher entschied sich Regisseur Xavier Giannoli, einige Handlungsstränge des Buches wegzulassen und sich auf die wichtigsten Aspekte des Werkes zu konzentrieren. So fehlt im Film beispielsweise die Nebenhandlung um die Schwester des Protagonisten, dafür wird sein Aufstieg als Journalist äußerst detailliert gezeigt. Um seine Erfolge festzuhalten, wurde eine neue Figur eingeführt – der Schriftsteller Nathan d’Anastasio (Xavier Dolan).
Während das erste Drittel des Films naiv-romantisch ausfällt, gewinnen die „Verlorenen Illusionen“ mit Luciens Eintritt in die Journalistenbruderschaft plötzlich an Schärfe, Bissigkeit und offener Satire. Hier werden die Feinheiten der Informationsarbeit entlarvt (Wahrheit ist auf der Seite derer mit mehr Macht oder Geld) und die Arbeitsweise eines Kritikers in abhängigen Medien ironisch gezeigt. Noch interessanter ist jedoch, dass Luciens gesamter Weg den Gedanken widerspiegelt, dass der Mensch auf der Jagd nach der Befriedigung ehrgeiziger Ansprüche oft auf echtes Schaffen und sogar auf sein eigenes Ich verzichtet. Solche Geschichten begegnen uns heute auf Schritt und Tritt, wenn wahnsinnig talentierte Künstler ihr Talent gegen schnellen Ruhm eintauschen. Die Ära des Bloggens begünstigt dies ideal.
Der Gedanke, dass das Leben Glück verspricht, blendet den Verstand und unterdrückt die Seele
„Verlorene Illusionen“ überschneidet sich handlungstechnisch mit vielen bedeutenden Werken. Beispielsweise kann man bei Bedarf Parallelen zu erkennen, allerdings unterscheiden sich der politische Kontext und die Motive der Figuren stark. Was die französische Geschichte auszeichnet, ist der berauschende Geist der Freiheit. Sie vermittelt das Gefühl, dass sich jeder über seine Stellung erheben kann, unabhängig von der Stärke seines Namens. Sie zeigt, dass die Verwirklichung des Talents in den Händen des Talentträgers selbst liegt. Ebenso wie die Möglichkeit, es zu vergeuden.
Diese Möglichkeiten und Widersprüche werden großartig vom aufstrebenden Star des französischen Kinos Benjamin Voisin (im letzten Jahr spielte er in François Ozons Film „Sommer 85“) vermittelt. Dank seiner Ausdruckskraft und seines Charmes verwandelt sich sein Held mühelos von einem amüsanten, kindlichen Landei in einen arroganten, aber nicht minder kindlichen Vertreter der Bohème-Szene. Man glaubt leicht daran, wie Lucien echte Gefühle gegen vorteilhaftere eintauscht.
Xavier Dolan ist ebenfalls großartig, aber er ist hier eher pro forma und um dem Hintergrund des Protagonisten Eleganz zu verleihen. Das Gleiche gilt für Gérard Depardieu in der Rolle des ungebildeten Verlegers mit einem unglaublichen Geschäftssinn.
Sollte man sich den Film „Verlorene Illusionen“ ansehen?
Xavier Giannoli ist es, bewaffnet mit Balzacs klassischem Text, gelungen, einen aktuellen Film zu zeitgemäßen Themen zu schaffen, ihn mit französischem Charme zu füllen und dem talentierten Schauspieler Voisin die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten. 2,5 Stunden lang kann der Zuschauer in die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines talentierten, aber ehrgeizigen Dichters eintauchen, das schöne Ambiente des Paris des 19. Jahrhunderts genießen und faszinierende Parallelen zu modernen Medien und Popkultur-Stars entdecken.
Trailer:
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