
Von Treue bis Mord ist es nur ein Schritt, wenn man Shakespeare glaubt. Joel Coens schwarz-weiße, geometrische Welt in „Die Tragödie des Macbeth“ beeindruckt und enttäuscht zugleich, und selbst Denzel Washington und Frances McDormand können das nicht...
Visuell atemberaubend, schauspielerisch unvergleichlich, erzählerisch fesselnd, aber ohne Seele. So lässt sich wohl die neueste, und wahrscheinlich nicht die letzte Verfilmung des berühmten Theaterstücks William Shakespeares „Macbeth“ über Macht beschreiben, die selbst die Edelsten in den Wahnsinn treibt. Das Studio A24 gab Joel Coen völlige Freiheit bei der Umsetzung und Fantasie, und der Regisseur und Drehbuchautor präsentierte eine unglaubliche, aber leblose schwarz-weiße Welt mit talentierten Schauspielern.
Joel erzählt unverändert die vor Jahrhunderten geschriebene tragische Geschichte des Feldherrn Macbeth. Auf dem Heimweg von einer Schlacht trifft er mit seinem Mitstreiter auf drei Hexen, die ihm prophezeien, dass er König von Schottland wird. Und je mehr sich die Prophezeiungen erfüllen, desto mehr verwandelt sich Macbeth vom treuen Gefährten in einen grausamen Tyrannen – und das unter dem monochromen Himmel von Coen in seinem Solodebüt „Die Tragödie des Macbeth“.
Andrei Tarkowski glaubte, dass grelle Farben den Zuschauer vom Sinn des Films ablenken. Daher bevorzugte er als Ausdrucksmittel Schwarz-Weiß-Filme oder verwendete gedämpfte Töne. Im 21. Jahrhundert, in dem die Technologie jedes Jahr einen weiteren Schritt macht, auch in der Filmindustrie, sind Schwarz-Weiß-Filme für das Massenpublikum schwer zu erfassen. Deshalb ist es heute notwendig, die Gründe für die Wahl einer solchen Farbpalette zu erklären, sonst könnte der Film eher abschrecken als anziehen.
Im „Leuchtturm“ verwendete Regisseur Robert Eggers Schwarz-Weiß, unter anderem um eine Atmosphäre der Düsternis, einer gewissen Psychedelik und Schwere zu schaffen, die in jeder Einstellung spürbar war. In „The French Dispatch“ nutzte Wes Anderson dieses Farbelement, um Vergangenheit und Gegenwart abzugrenzen, wobei der Zeitwechsel sehr leicht, harmonisch und fast unmerklich vonstatten ging. Vielleicht unterstreicht Joel Coen in „Die Tragödie des Macbeth“ mit der schwarz-weißen Palette die Zeitlosigkeit und Ewigkeit der Geschichte, verleiht den Ereignissen eine gewisse Psychologisierung und Düsternis. Aber der Effekt ist hier nicht so stark wie beispielsweise im selben „Leuchtturm“.
Viel beeindruckender sind die präzise ausgetüftelten und bis ins kleinste Detail berechneten Mise en Scènes, die man anhalten möchte, um die Geometrie des Bildes zu studieren. Ein solches Bild verdient eine große Leinwand und nicht das Fenster des Streamingdienstes Apple TV+. Aber das ist sowohl Vor- als auch Nachteil von „Die Tragödie des Macbeth“, in der hinter der irreführenden Perspektive der Felder oder des Himmels kein Leben zu spüren ist. Es steckt zu viel Theaterhaftes und Unnatürliches in dem anderthalbstündigen Film: Es scheint, als seien die Gewölbe des Schlosses, die königlichen Säle, die in die Höhe ragenden Abzüge und die langen Bogengänge – schöne, aber künstliche Kulissen, begrenzt durch die räumlichen Rahmen.
Die Geometrie der Bilder wird durch die sanfte Eleganz der Übergänge zwischen den Szenen ausgeglichen. Die hervorragende Arbeit des Kameramanns Bruno Delbonnel, fünffacher Oscar-Nominierter, der bereits mit den Coens zusammengearbeitet hat, zeigt sich darin, wie die Geschichte der Tragödie des Macbeth fließend zwischen den Bildern übergeht, wie ein Fluss von einem Bett ins andere, mal ruhig, mal brodelnd.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen die herausragenden schauspielerischen Leistungen von Denzel Washington, der sich allmählich in einen unmenschlichen Despoten verwandelt, und Frances McDormand, die aufgrund von Gewissensbissen den Verstand verliert. Alle drei Hexen werden bei Coen von Kathryn Hunter gespielt, die mit ihrer Beweglichkeit und Stimmenführung beeindruckt. Deshalb ist es so wichtig, „Die Tragödie des Macbeth“ im Originalton zu sehen, um zumindest die Lebendigkeit in diesem Film zu hören.
Wer seid ihr, Visionen oder seid ihr wirklich das, was ihr scheint? – spricht Macbeths Kampfgefährte, der Feldherr Banquo, bei der Begegnung mit den Hexen. Und mit diesem Satz lässt sich „Die Tragödie des Macbeth“ selbst beschreiben, die weder Film noch Theateraufführung ist, sondern etwas dazwischen, das an eine Fata Morgana dieser beiden Welten erinnert. Darin liegt die Neuheit der Lesart des bekannten Stücks, die letztlich zur größten Schwäche von Coens Verfilmung wird, der es an Natürlichkeit und Freiheit mangelt.
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