
Auf Netflix erschien das Drama „Die verlorene Tochter“, das auf den Filmfestspielen von Venedig mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Ist die Auszeichnung verdient und lohnt es sich, den Film anzusehen?
Der Film – das Regiedebüt von Maggie Gyllenhaal – erzählt von der Universitätsdozentin Leda Caruso, die auf der Suche nach Abgeschiedenheit einen Urlaub auf einem griechischen Kurort verbringt. Dort trifft sie die junge Mutter Nina, und diese Begegnung weckt in der Protagonistin vergessene Erinnerungen an die Vergangenheit.
„Die verlorene Tochter“ ist die Verfilmung der gleichnamigen Novelle der italienischen Schriftstellerin Elena Ferrante. Im Original heißt der Film The Lost Daughter, was wörtlich „verlorene Tochter“ bedeutet, und das spiegelt das Wesen des Dramas wohl besser wider als die in Russland vorgenommene Lokalisierung. Gyllenhaal untersucht die Widersprüchlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und zeigt einen erbitterten Kampf zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Leda Caruso, die das Leben einer jungen Mutter mit ihrer Tochter beobachtet, projiziert das Geschehen auf sich selbst und taucht in vergessene Ereignisse vergangener Tage ein. Hilflosigkeit, Müdigkeit, Einsamkeit, Egoismus und die Unmöglichkeit, über das eigene Leben zu verfügen, das nun untrennbar mit dem Kind verbunden ist – diese Gefühle durchleben die Mütter in Gyllenhaals Film. Bedauern und Enttäuschung, gleichberechtigt mit Freude und Glück, sind abwechselnd in den Augen von Olivia Colman und Jessie Buckley zu lesen – ein Duett zweier wunderbarer Schauspielerinnen, die eine Heldin spielen, die in verschiedenen Lebensabschnitten mit ihrer eigenen Widersprüchlichkeit zu kämpfen hat. Das ausdrucksstarke Spiel von Dakota Johnson ist der einzige Hinweis, um die Schauspielerin in den Zügen der jungen Mutter Nina zu erkennen, so sehr ist sie in die Rolle eingetaucht. Im Bild erscheint auch Ed Harris, der das elterliche Drama wunderbar mit seiner Schlichtheit und Freundlichkeit auflockert.
Nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell teilt sich „Die verlorene Tochter“ in zwei Teile: Der erste ist heller, leichter, während im zweiten eine gewisse Beklemmung und Schwere spürbar ist. Zu Beginn dominieren warme, sanfte Farben, manchmal sogar gedämpft. Doch je tiefer Leda Caruso in ihre seelischen Abgründe eintaucht, desto kontrastreicher und kälter wird das Bild, es entsteht sogar eine spürbare Anspannung. In den letzten zehn Minuten zeigt Maggie Gyllenhaal, wohin die „persönliche Hölle“ die Heldin von Olivia Colman letztendlich geführt hat, welcher der beiden Teile in der Geschichte die Oberhand gewonnen hat.
Nicht jedem mag das Drama der Mutterschaft in dem Film „Die verlorene Tochter“ nahegehen, besonders wenn man keine entsprechende Erfahrung hat. Doch das Gefühl der Anteilnahme am Geschehen entsteht durch die Arbeit mit der Handkamera der Kamerafrau Hélène Louvart: Oft filmt sie nah und manchmal sogar unscharf. Ihre Aufnahmen gewinnen an Emotionalität, werden intimer und persönlicher. Es entsteht das Gefühl, als befände man sich neben den Heldinnen von Colman und Johnson auf dem griechischen Kurort. Und auch die Fragen, die im Film aufgeworfen werden, sind im Grunde verständlich und zeitlos.
Das psychologische Drama „Die verlorene Tochter“ beginnt recht gemächlich, die Erzählung ist langsam, stellenweise sogar gedehnt, und nimmt erst gegen Ende Fahrt auf. Aus diesem Grund könnte es langweilig sein, den inneren Konflikten von Olivia Colman und den vieldeutigen Blicken von Dakota Johnson zu folgen. Aber wenn man bedenkt, dass es sich um das Regiedebüt von Maggie Gyllenhaal handelt, ist eine solche Bedächtigkeit verzeihlich. Und mehr noch: Sie wird voll und ganz durch die Vielschichtigkeit der Geschichte wettgemacht, die nicht moralisieren will, sondern vielmehr zeigt, dass Menschen unvollkommene Wesen sind, die Mitgefühl verdienen.
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