
Am 14. Oktober kommt «Schachnovelle» in die Kinos, die Verfilmung von Stefan Zweig und einer der Anwärter auf den Titel des Films des Jahres.
Schach ist das neue Schwarz. Dank der Begeisterung, die die Serie „Das Damengambit“ ausgelöst hat, ist das Interesse an diesem Spiel wieder in die Höhe geschnellt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass neue Projekte über Schach so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und interessanterweise kommt genau jetzt eine neue Verfilmung der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig heraus, einem der bekanntesten literarischen Werke zu diesem Thema. Der Film trägt den Titel „Schachnovelle“ und wurde von Philipp Stölzl inszeniert, einem Mann, der Videos für Rammstein, Garbage und Evanescence gedreht hat und auch den überraschenden Publikumshit „Der Medicus“ schuf. Und um es vorwegzunehmen: Es muss anerkannt werden, dass es ihm gelungen ist, Zweigs komplexe und vielschichtige Erzählung sehr würdig auf die Leinwand zu bringen.
Unerwartete Rettung vor der Folter
Im Jahr 1938 wird der österreichische Notar Josef Bartok (Oliver Masucci aus der Serie „Dark“) unmittelbar nach dem Einmarsch Deutschlands in Österreich von der Gestapo gefangen genommen. Sie verlangen von ihm, die Zugangsdaten zu königlichen Vermögenswerten und anderen wichtigen Konten preiszugeben. Doch Bartok weigert sich, mit den Nazis zu kooperieren. In der Hoffnung, ihr Ziel zu erreichen, unterziehen sie ihn der Folter der Isolation: Sie berauben ihn jeglichen Kontakts zur Außenwelt und sperren ihn im Haupthotel von Wien ein.
Als Bartok kurz davor ist, den Verstand zu verlieren, fällt ihm ein Buch mit den besten Schachpartien der Geschichte in die Hände. Es wird seine Rettung … und seine Besessenheit.
Gedankenspiele und der Kampf gegen das System
Über die Handlung des Films „Schachnovelle“ zu sprechen, ist schwierig, ohne Details preiszugeben. Hier entwickeln sich parallel zwei Geschichten: der Teil mit Bartoks Isolation und die Erzählung darüber, wie er in der Zukunft zufällig auf einem Schiff nach Amerika auf den Schachweltmeister trifft.
Zunächst mag es scheinen, dass diese Handlungsstränge nicht allzu sehr miteinander verbunden sind oder rein aufeinanderfolgenden Charakter haben. In Wirklichkeit ist jedoch alles viel komplexer und verworrener. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen allmählich zu einer Einheit. Und das Verständnis, was davon Wahrheit und was Fiktion ist, bleibt dem Zuschauer überlassen.
Aber „Schachnovelle“ ist nicht nur wegen der Gedankenspiele interessant. Das Hauptthema der Erzählung ist der Widerstand des Menschen gegen das System. Bartoks Motive, die Kontodaten nicht preiszugeben, mögen unklar erscheinen, doch dahinter steht eine klare Überzeugung von seinen eigenen Prinzipien. Eine bürgerliche Haltung, wenn man so will. Und diese zu verraten, ist der Held nicht gewillt, selbst angesichts des Hitler-Regimes und der Gefahr, sein Leben zu verlieren. Das flößt aufrichtigen Respekt ein.
In vielerlei Hinsicht erinnert diese Handlung an die jüngste Arbeit von Terrence Malick, „A Hidden Life“, in der ein anderer Österreicher sich weigerte, Nazi-Deutschland zu dienen, aus prinzipieller Abneigung, unschuldige Menschen zu töten. Daher ist es interessant zu verfolgen, wie verschiedene Autoren ein und dasselbe Thema auf ihre eigene Weise interpretieren und präsentieren.
Und natürlich Schach
Das Herz der Geschichte ist das Schachspiel. Liebhaber dieses Spiels werden sich über die Erwähnung von Meistern wie Alexander Aljechin und Efim Bogoljubow und ihrer berühmten Partie von 1922 freuen. Fans intellektueller Parallelen werden den feinen Vergleich des Schachs mit allen möglichen -ismen mit ihrer Systematik, dem unerschütterlichen Befolgen von Regeln und dem Bestreben, das Ego des Menschen zu unterdrücken, mögen.
Und selbst wenn die Schachpartien im Film „Schachnovelle“ nicht so fesselnd und für ein breites Publikum zugänglich geraten sind wie im besagten „Damengambit“, raubt es einem doch stellenweise den Atem. Besonders in der Höhepunktszene, in der Philipp Stölzl ein enormes Potenzial in der Regie demonstrierte, indem er meisterhaft Akzente setzte und die Spannung bis zum Äußersten steigerte. Nach solchen Episoden wird man einmal mehr davon überzeugt, dass selbst eine Sache wie Schach bei richtiger Inszenierung nicht weniger Emotionen hervorrufen kann als so manche packende Actionszene.
Unendlich großartiger Oliver Masucci
In dem Film fügte sich ein Puzzle aus einer fesselnden, nicht alltäglichen Geschichte, einer großartigen Regie und einer herausragenden schauspielerischen Leistung zusammen. Was Oliver Masucci gezeigt hat, kann man nicht anders als Kunst bezeichnen.
Sein Held, anfangs arrogant und selbstverliebt, durchläuft erstaunliche Verwandlungen. Gefangen in seinem eigenen Verstand, versucht er wie Odysseus, nach Hause zurückzukehren und der zu werden, der er zuvor war, als ob er nicht begreifen würde, dass es nicht mehr so sein wird wie früher. Masucci vermittelt dies auf vielfältige Weise: von stillen Szenen im Alleinsein mit sich selbst bis hin zu Gänsehaut erregenden Folterepisoden und stillen, berührenden Momenten mit seiner Frau. Am Ende möchte man nur sagen: „Bravo!“.
Sollte man den Film „Schachnovelle“ sehen?
Philipp Stölzl hat das Originalwerk von Stefan Zweig leicht abgewandelt. Er hat noch mehr Verwirrung gestiftet und die Grenzen zwischen Realität und Fantasie nahezu aufgehoben. Dabei ist sein Ende jedoch weniger offen und für das Publikum verständlicher geworden. Dies ist wohl die einzige umstrittene Entscheidung in einem nahezu makellosen Film über die unglaubliche Willenskraft des Menschen und die atemberaubende Tiefe des Schachspiels.
„Schachnovelle“ läuft seit dem 14. Oktober in den Kinos.
Trailer:
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