
„The White Lotus“ – eine neue satirische HBO-Serie über einen Urlaub auf Hawaii, der zur Hölle … oder zum Fegefeuer wird.
Bei HBO gab es diesen Sommer nicht viele bemerkenswerte Projekte, aber die Miniserie „The White Lotus“ mit einer Reihe von Stars unterschiedlicher Größe (von Connie Britton bis Sydney Sweeney aus „Euphoria“) ist genau so ein Fall, bei dem die Aufmerksamkeit ausreicht und verdient ist.
Die Geschichte über reiche weiße Menschen, die auf Hawaii Urlaub machen, balanciert geschickt zwischen unverhohlener Satire und subtilen psychologischen Skizzen aus dem Leben gebrochener Persönlichkeiten. Und dieser Inszenierung in mehreren Akten zuzusehen, ist verdammt fesselnd.
Akt I: Mord und Kennenlernen der Sitten
Ähnlich wie ein traditioneller Resort-Krimi beginnt „The White Lotus“ mit einem Mord. Genauer gesagt mit der Nachricht, dass im Flugzeug, das von Hawaii zurückkehrte, zusammen mit der dort urlaubenden Bohème eine Leiche transportiert wurde. Dann werden wir an den Anfang dieser Geschichte zurückversetzt und lernen die handelnden Personen kennen, von denen eine diesen unglückseligen Urlaub nicht überleben wird.
Aber die formale Krimi-Intrige braucht die Serie nur, um den Zuschauer anzulocken und ihn aufmerksamer die Entwicklung der Ereignisse und Charaktere verfolgen zu lassen. Denn der Mensch ist ein neugieriges Wesen, und solche Haken funktionieren fast immer. Tatsächlich ist „The White Lotus“ keineswegs ein Krimi, es ist eher eine Tragikomödie mit einer ganzen Reihe unterschiedlichster Sitten und Konflikte (hauptsächlich innerer).
Zu den handelnden Personen gehören:
- der verwöhnte Muttersöhnchen Shane (Jake Lacy), der in Streit mit dem Hotelmanager Armond (Murray Bartlett) gerät, sobald er hawaiianischen Boden betritt. Schuld daran ist ein nicht so luxuriöses Zimmer, wie seine Mutter es gebucht hatte. Und dabei hat er doch Flitterwochen mit der Sexbombe Rachel (Alexandra Daddario);
- die dauerhaft „angesäuselte“ Multimillionärin Tanya (Jennifer Coolidge), die auf die Insel gekommen ist, um die Asche ihrer Mutter über dem Ozean zu verstreuen;
- die Familie Mossbacher: die nie von der Arbeit loskommende Nicole (Connie Britton), ihr Ehemann Mark (Steve Zahn), der bei sich Hodenkrebs vermutet, ihre Kinder – der Nerd und Gamer Quinn (Fred Hechinger) sowie die Pseudoaktivistin und Putin-Fan Olivia (Sydney Sweeney), die ihre Freundin mit auf die Reise genommen hat.
Akt II: Konfrontation mit den eigenen Dämonen und der Klassenunterschied
Das Hauptthema der Handlung der Serie ist der Klassenunterschied. Die Figuren werden grob in Reiche und diejenigen, die ihnen dienen (neben dem exzentrischen Manager Armond spielt Belinda, die Leiterin des SPA-Salons, eine wichtige Rolle in der Geschichte), eingeteilt. Wenn man möchte, kann man die Show sogar als einen interessanten Aufsatz zum Thema Kolonialismus betrachten (nicht zufällig gibt es unter den Gästen keine Schwarzen – die Freundin der Mossbachers zählt nicht, und der Handlungsort ist die einst freie Insel Hawaii).
Unter diesen Bedingungen scheint die zentrale Handlung die Entwicklung der Beziehung zwischen Rachel und Shane zu sein. Er ist genau diese Bohème und Elite (lies: Kolonisator), nach dessen Laune alles wie auf Knopfdruck passieren muss. Sie dagegen landet rein zufällig in der Welt des Luxus und fungiert als eine Art Dienstpersonal und etwas Selbstverständliches.
Während Rachel allmählich in Shane einen emotionalen Tyrannen mit einem Ödipuskomplex erkennt und er versucht, sie zu zähmen, werden die anderen Figuren eher mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert. Denn wann sonst sollte man sich damit beschäftigen, wenn nicht im Urlaub, einer Zeit, die man mit sich allein verbringt. So versucht zum Beispiel der jüngere Mossbacher, einen Sinn im Leben jenseits von Nintendo und iPhone zu finden, und Tanya versucht, ihre Trauer zu überwinden, indem sie neue Leute kennenlernt.
Der Showrunner des Projekts „The White Lotus“ Mike White (schrieb das Drehbuch und führte persönlich bei allen 6 Episoden Regie) ist nicht nur als Drehbuchautor mehrerer Filme mit Jack Black bekannt, sondern auch als einer der Schöpfer der Kultserien „Freaks and Geeks“ und „Dawson's Creek“. Daher versteht er es hervorragend, mit einer großen Anzahl von Figuren auf der Leinwand umzugehen und die Zeit im richtigen Verhältnis zwischen ihnen zu verteilen. Dies ermöglicht es, jede Figur besser kennenzulernen und Sympathie, Hass oder Mitgefühl für sie zu empfinden. Das hängt ganz von Ihrer eigenen Lebenseinstellung ab.
Akt III: Reinigung durch Urlaub
Wenn Sie aus den vorherigen Absätzen den Eindruck gewonnen haben, dass in der neuen Serie von HBO nur darüber diskutiert wird, wie böse die Reichen sind und wie unterschiedlich sie verrückt spielen können, dann ist das nicht ganz richtig. Vielmehr ist es gar nicht so. White widmet viel mehr Aufmerksamkeit der Darstellung der Wiedergeburt seiner Helden, ihrer Überwindung des Fegefeuers, das durch das luxuriöse Hotel „The White Lotus“ verkörpert wird. Schließlich sind die Reichen auch nur Menschen. Sie können weinen und verletzlich sein.
Nach diesem Urlaub verändern sich fast alle Figuren: Der eine überdenkt seine Lebensziele, ein anderer entdeckt eine Welt voller Abenteuer für sich, ein dritter nimmt nichts mehr als selbstverständlich hin. Und in diesen Offenbarungen liegt wohl der Hauptvorteil der Serie „The White Lotus“. Beim Anschauen kann man selbst darüber nachdenken, einen Urlaub in einem luxuriösen Hotel auf Hawaii zu verbringen eine Neubewertung der Werte vorzunehmen und sich selbst und die umgebende Realität mit anderen Augen zu sehen.
Trailer:
P.S. Zu Beginn des Artikels wird angegeben, dass „The White Lotus“ eine Miniserie ist, aber die Bosse von HBO haben beschlossen, sie in eine Anthologie zu verwandeln, d.h. in der nächsten Staffel wird es andere Figuren mit anderen Problemen geben.
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