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Ursprünglich war „Annette“ ein neues Album der Band Sparks, und dann verwandelte Leos Carax diese Idee in ein verrücktes Musical.

„Annette“ erzählt die Liebesgeschichte zweier Stars auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Ann (Marion Cotillard) ist eine Opernsängerin, Liebling des Publikums, die jeden Tag auf der Bühne für ihre Zuschauer stirbt. Henry (Adam Driver) ist ein Stand-up-Comedian, der das Publikum mit Provokationen unterhält. Sie heiraten, bekommen eine Tochter, und nach einiger Zeit geht Anns Karriere steil bergauf, während Henry eine Niederlage nach der anderen erleidet. Dann ereignet sich eine Tragödie in ihrer Familie, und die Tochter entdeckt eine außergewöhnliche Gabe.

Provokation

Gleich zu Beginn des Films „Annette“ werden die Zuschauer mit dem Satz „Keine Angst beim Anschauen“ schockiert. Das gibt den Ton für den Rest des Films an, denn später beobachten wir zum Beispiel Arien, die während Oralsex oder auf der Toilette gesungen werden. Was? Ja!

Von den ersten Minuten an fällt die Künstlichkeit von allem ins Auge. Die Figuren verhalten sich bewusst übertrieben, und die Kulissen wirken in manchen Szenen wie Theaterrequisiten. Gleichzeitig versucht die Erzählung manchmal, der Realität nahezukommen: Die Liebesgeschichte der Helden wird von einem Gesellschaftsklatschreporter verfolgt, und Henry wird von Frauen der #MeToo-Bewegung verfolgt.

In all diesen Entscheidungen des Regisseurs Leos Carax spürt man Provokation und den Wunsch, auf dem Kontrast zwischen Niedrigem und Hohem zu balancieren. Nicht umsonst gehören die Helden radikal unterschiedlichen Welten an. Wenn die Oper als eine erlesene, erhabene Kunst gilt, wird die Stand-up-Comedy als ein niedriges Genre für die Massen betrachtet.

Annette Film

Film für Kritiker

„Annette“ ist kein Film für das Massenpublikum, sondern eher ein Film für das Festivalpublikum, für Freunde von Filmkritikern, aus deren Reihen auch Carax selbst stammt. Und gleichzeitig ist es ein sehr persönlicher Film des Regisseurs, der den Verlust eines nahen Menschen erlebt hat und auf diese eigenwillige Weise darüber reflektiert.

Zunächst mag es scheinen, dass der Film eine Art Mischung aus „La La Land“ und „Marriage Story“ mit demselben Driver ist, aber nein, es ist etwas völlig Eigenständiges. Ein genreübergreifendes Werk, das mit nichts vergleichbar ist, aber nicht ganz rund wirkt.

In einer Episode tauchen halluzinogene Dämonen auf, und die jüngste Tragödie in mehreren Akten verwandelt sich in einen regelrechten Horror. Das charakterisiert „Annette“ und die Herangehensweise von Leos Carax sehr gut. Er nimmt das Publikum, ähnlich wie Adam Drivers Figur, die sich von der Unkomik ihrer Auftritte nicht beirren lässt, mit Provokationen, politischer Unkorrektheit, schwarzem Humor und einer schamlosen Mischung der Genres. Das kann den Durchschnittszuschauer in Verwirrung stürzen.

Annette Musical

Musik

Wie kann man über ein Musical sprechen, ohne die Musik zu erwähnen? In „Annette“ ist die Musik besonders. Es gibt zum Beispiel ein Lied, das nur aus dem Lachen des Publikums besteht, wenn Adam Drivers Figur bei einem seiner Auftritte einen Dialog mit dem Publikum führt. Oder einen Song, der über die Technologie der Geburt erzählt. In all dem ist deutlich der Stil der Musik von Sparks zu erkennen (sie sind hier genauso Co-Autoren wie Carax), denn sie können eine Komposition aus einem einzigen Wort erschaffen.

Annette Rezension

Unterm Strich haben wir weder einen Film noch ein Kinomusical, sondern eine musikalische Theaterinszenierung, die auf die Leinwand übertragen wurde und alles und nichts zugleich sein will. Der Zuschauer darf das Gesehene nach Belieben interpretieren und sich sogar ein eigenes Ende für die Geschichte ausdenken. Besonders empfindsamen Zuschauern sei geraten, nicht alles für bare Münze zu nehmen – es ist nur die Vision eines skurrilen und eigenwilligen Erzählers.

Trailer: