Preview image

Wir schauen die zweite Staffel des Anime «The Promised Neverland» und wundern uns, warum die Macher selbst das Grab für ihren Hit geschaufelt haben.

„The Promised Neverland“ („Das versprochene Neverland“) ist ein Manga, geschrieben von Kaiu Shirai und illustriert von Posuka Demizu. Er erschien von 2016 bis 2020 im Magazin Weekly Shōnen Jump. Die Premiere der Adaption als animierte Fernsehserie von CloverWorks fand von Januar bis März 2019 im Programmblock NoitaminA statt. Die Premiere der zweiten Staffel fand vom 6. Januar bis zum 26. März 2021 statt. Über diesen Anime wird im Folgenden die Rede sein.

Die Geschichte handelt von einer Gruppe von Waisenkindern, die aus einem Waisenhaus fliehen müssen, weil alle Kinder dort tatsächlich wie auf einer Farm aufgezogen werden, um später Dämonen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Detektivische Wendungen, ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kindern und Erzieherin, ständige Thriller-Spannung und unerwartete Entwicklungen – das sind die Stärken des Mangas. Und auch die erste Staffel, die 37 Kapitel des Mangas in 12 Episoden abdeckt, baute auf diesen Grundsätzen auf. Die zweite Staffel kann damit leider nicht aufwarten. In 11 Episollen stopften die Macher den gesamten restlichen Manga, der 181 Kapitel umfasst.

The Promised Neverland

Es ist immer schwierig, die Frage zu beantworten: „Was ist besser: die Adaption oder die Vorlage?“ Und es ist eigentlich sinnlos, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Denn eine Adaption und ein Buch (in diesem Fall der Manga) sind zwei eigenständige Werke, die man getrennt voneinander betrachten sollte. Aber Logik und Herz gehen meist nicht Hand in Hand, und so bewerten wir Adaptionen unweigerlich nach ihrer Vorlage. Die erste Staffel des Anime „The Promised Neverland“ kann man als nahezu vorbildliche Adaption bezeichnen. In der zweiten Staffel hingegen hat man aus irgendeinem Grund so sehr geschlampt, dass man viele interessante Charaktere und handlungswichtige Handlungsbögen einfach weggelassen hat. Aber der Reihe nach. 

Worum geht es in der Serie?

„The Promised Neverland“ erzählt von den Irrfahrten einer Gruppe von Kindern im Alter von 3 bis 12 Jahren in einer aggressiven Dämonenwelt. Anfangs gibt sich der Anime als kammerspielartiger Psychothriller, in dem Kinder Rettung suchen und einen Fluchtplan aus dem Waisenhaus schmieden, um nicht von schrecklichen Monstern gefressen zu werden. Dann verwandeln sich sowohl der Manga als auch der Anime in einen spannenden Actionfilm, in dem das Detektivelement erhalten bleibt, aber jetzt auch noch Horror hinzukommt, denn die Kinder haben sich in die raue Welt jenseits der Waisenhausmauern begeben. Nun streifen sie durch den Dämonenwald, wo hinter jeder Ecke Gefahr lauert. 

Auf ihrem Weg lüften sie viele Geheimnisse, treffen Freunde und friedliche Dämonen und retten nebenbei alle Kinder der Dämonenwelt. Der Idealismus und der Elan der Protagonistin Emma bringen viele Charaktere auf ihre Seite, und mit der Zeit überzeugt sie selbst einen hoffnungslosen Verrückten davon, dass er wichtig ist und dass er ihnen auf ihrem Weg helfen sollte.

Post image

Was ist das Problem der zweiten Staffel?

Während die erste Staffel des Anime „The Promised Neverland“ konsequent die Absichten der Charaktere und auch ihre Persönlichkeiten offenbarte, verfährt die zweite grundlegend anders. Die Charakterentwicklung wird in die hinterste, verstaubte Ecke geworfen, der zweitwichtigste Charakter Ray verliert seine Individualität und wird im Grunde zu Emmas Sprachrohr. Dass es an handlungswichtigen Handlungsbögen mangelt, wurde bereits erwähnt, und abgebrochene Handlungsstränge bleiben in der Stille hängen. Muss erwähnt werden, dass das Ende komplett umgeschrieben wurde und die Geschichte, wie die Helden in die Menschenwelt gelangten und wie sie dort lebten, in einer Diashow zusammengeschnitten wurde? Das heißt, Ereignisse, die in einer dritten Staffel hervorragend ausgesehen hätten, wurden in eine zweiminütige Diashow gepackt!

Post image

Fragen ohne Antwort

Für Zuschauer, die die Vorlage nicht kennen, bleiben viele Themen unverständlich und ungeklärt. Im Folgenden SPOILER.

Warum ist Isabella auf die Seite der Kinder gewechselt und wie hat sie die anderen Schwestern überredet? Wie haben die besonderen Kinder ohne Medikamente weitergelebt? Wie funktioniert das Böse Blut? Warum hat Sonju seinen Wunsch, die Kinder zu essen, aufgegeben? Was war das schreckliche Geheimnis, das William Minerva erfuhr und das seine Weltanschauung völlig auf den Kopf stellte? Was ist das für ein Raum, der überall mit den Wort „Help“ beschrieben ist, und was ist darin passiert? Dies ist nur ein kleiner Teil der Fragen, auf die die Zuschauer keine Antworten erhalten werden. Daher wird nach dem Anschauen der Serie „The Promised Neverland“ die Hand von selbst zum Manga greifen, und der Zuschauer entscheidet dann, mit welchem Ende er bleiben möchte: mit dem schlichten, das uns die Serienmacher untergejubelt haben, oder mit dem fesselnden, das im Manga geblieben ist.

Trailer: