
Dokumentarfilme zu drehen ist schwer – man muss sich nicht nur gut im Thema auskennen, sondern auch dafür brennen, den echten Wunsch haben, den Zuschauern etwas zu vermitteln. Einem Unvorbereiteten fällt es schwer, von der Spielfilm- zur Dokumentarfilmproduktion zu wechseln. Und „Das Buch des Meeres“ hat einen recht interessanten Weg gefunden, dieses Problem zu lösen.
Gewöhnliche Menschen
Der Film erzählt vom schwierigen Jägerhandwerk der Bewohner Tschukotkas, die sich selbst nicht schonen und ihr Leben riskieren, um aufs Meer hinauszufahren und Nahrung zu beschaffen. Dabei wird die Erzählung durch die Nacherzählung eines Mythos über eine Frau, die einen Wal gebar, in der eskimoischen Sprache der alten, während des Kalten Krieges geschlossenen Siedlung Naukan mit russischen Untertiteln aufgelockert.
Manchmal ist es unmöglich, nicht von den kulturellen Unterschieden beeindruckt zu sein, die hier und da in den Weiten unseres riesigen Landes auftauchen – und dieser Film ermöglicht es dem Zuschauer, in diese Welt einzutauchen und zumindest ein wenig den Schleier des Geheimnisses und Rätsels zu lüften, der diese Region umgibt.
„Vogelscheuche“ erschreckt, fasziniert, amüsiert, stößt ab und zieht gleichzeitig an, lässt aber niemanden gleichgültig. Solche Filme muss man unterstützen. Solche Filme muss man sehen.
Open materialEin wenig über die Realität
Für die Dreharbeiten wurden 4 Expeditionen organisiert, von denen jede etwa ein halbes Jahr für die Aufnahmen benötigte. Wir sehen die recht gefährliche Eiersammlung auf einem Vogelberg, die Jagd auf Wale und Walrosse im Meer, Versuche, sich im Schnee an eine ahnungslose Robbe heranzupirschen.
Habt jedoch keine Angst, besonders grausame Tötungen werden in „Das Buch des Meeres“ nicht gezeigt; die Kamera wird zu bestimmten Zeitpunkten taktvoll zur Seite schwenken, um die Psyche unvorbereiteter Stadtbewohner zu schonen.
Dabei werden die Menschen hier so offen und unmittelbar gezeigt, dass man irgendwann wirklich für ihr schweres Werk eingenommen wird.
Man kann nicht umhin, von der Zielstrebigkeit und Arbeitsfähigkeit dieser Arbeiter beeindruckt zu sein, die bereit sind, mit Methoden Nahrung zu beschaffen, die sie ihren Vorfahren geistig näherbringen. Und das trotz medizinischer Kontraindikationen und sogar eines recht ernsthaften Risikos, wenn nicht zu sterben, so doch zumindest verkrüppelt zu werden. Ihnen fehlen Hochmut oder Neid, sie helfen einander, weil sie wissen, dass sie für das Gemeinwohl arbeiten.
Animationsmärchen
Ein besonderes Diskussionsthema ist die bemerkenswerte Idee der Macher von „Das Buch des Meeres“ – die Nacherzählung eines der Mythen der indigenen Völker Tschukotkas über die Entstehung des Walfangs.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass jedes Bild der Animation von Hand in der Legetechnik erstellt wurde, bei nahezu vollständigem Verzicht auf jegliche Arbeitserleichterungen. Die Hauptaufgabe von Eduard Beljajew – dem Chefkünstler und Animator des Films, der einst an „Der Berg der Edelsteine“ arbeitete – bestand darin, der ungewöhnlichen Geschichte Leben einzuhauchen.
Der Bildhauerton, der das Material für die Animation war, scheint eine eigene Seele zu haben, bewahrt die Fingerabdrücke seiner Schöpfer und verbindet die realen Aufnahmen zu einem Ganzen, als wolle er erklären, warum die Bewohner Tschukotkas nicht anders leben können.
Das Team von „Das Buch des Meeres“
Es ist immer schön, Menschen zu sehen, die ihre Arbeit lieben. Alexei Wachruschew vereint in seinem Schaffen gleichzeitig eine grenzenlose Liebe zu seiner Heimatregion und den Wunsch, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf die Region zu lenken.
Und „Das Buch des Meeres“ ist nicht das erste derartige Projekt in seiner Filmografie. In jeden seiner Filme steckt der Regisseur seine Seele und den Wunsch, das auszudrücken, was ihm auf dem Herzen liegt. Immer wieder wird man davon überzeugt, dass ein hinreichend begeisterter Mensch andere mit seiner Leidenschaft und seinem Feuer anstecken kann, indem er durch andere Menschen, die er auf der Leinwand zeigt, mit ihnen kommuniziert.
Man sollte auch den wunderbaren Wjatscheslaw Makarjew nicht übersehen, den Alexei direkt den besten Dokumentarfilmer nennt und der den gesamten Weg Seite an Seite mit dem Regisseur gegangen ist, von Anfang bis Ende.
Atmosphäre vor der Vorführung
Dieser Punkt ist für die Zuschauer, die „Das Buch des Meeres“ später genießen werden, nicht ganz relevant, aber ihn nicht zu erwähnen wäre ein Sakrileg – denn er veranschaulicht so gut die Herangehensweise der Macher und Verleiher an ihre Arbeit.
Am 30. März begann im Kino des offenen Studios Lendok das Eintauchen in die Atmosphäre ferner Regionen viel früher als der Film selbst. Diejenigen, die Karten für die Vorführung ergattern konnten, hatten das Glück, Zeugen eines ganzen Programms des tschukotischen Ensembles „Nomade“ zu werden. Sagen wir so, Kehlkopfgesang hinterlässt bei persönlicher Anwesenheit einen unauslöschlichen Eindruck.
Nach dem Programm begann die eigentliche Filmvorführung – und die Zuschauer waren bereits voller Vorfreude auf das, was sie erwartete. Und dieser Ansatz ist, ehrlich gesagt, einfach und genial.
Fazit
Mein Rat – wenn ihr keine Angst vor Dokumentarfilmen habt und euch das Thema auch nur im Geringsten interessiert, dann gebt „Das Buch des Meeres“ eine Chance. Die Animation ist auf hohem Niveau, das Filmteam verdient großen Respekt und die Helden des Films werden euch mehr als ein Lächeln entlocken.
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