Preview image

Warum „Cherry“ nicht der Film ist, den ihr erwartet habt.

Auf den Weiten der Streaming-Plattform Apple TV+ ist der lang erwartete Film Cherry von Anthony und Joe Russo erschienen. Die Hauptrolle in dem Projekt spielt der Brite Tom Holland, der in einem für ihn neuen Rollenfach auftritt – als drogenabhängiger Bankräuber mit PTBS – weit entfernt vom Bild des freundlichen Nachbarn, an das alle gewöhnt sind.

Die Regisseure planten ein wahrhaft grandioses, aber dennoch unterhaltsames Epos mit Kritik am Irakkrieg, einer Aussage zum Thema Drogenabhängigkeit und einer starken Liebesgeschichte. Aber das Wunder blieb aus – die Russos konnten das Unfassbare nicht umfassen. Schauen wir uns an, was schiefgelaufen ist.

Handlung, vom Leben selbst erfunden

Ein bescheidener „namenloser“ Junge (Tom Holland) steht an der Schwelle zum Erwachsenenleben, als er sich in ein Mädchen namens Emily (Ciara Bravo aus der Serie „Wayne“) verliebt. Und alles scheint perfekt für das Paar zu sein. Aber als die Geliebte verkündet, dass sie zum Studium nach Kanada gehen will, meldet sich der junge Mann in einem emotionalen Anfall freiwillig zur Armee. Diese Entscheidung verändert sowohl seine Geschichte als auch das Leben des Mädchens grundlegend.

Cherry 2021

Dem Film „Cherry“ liegt das teilweise autobiografische Buch von Nico Walker zugrunde, in dem der Autor über seine Erfahrungen im Irak und deren Folgen in Form von posttraumatischer Belastungsstörung, Drogensucht und dem Einstieg in die Kriminalität berichtet.

Wie viele Filme haben wir über Helden mit PTBS gesehen: von „Taxi Driver“ bis „American Sniper“? In wie vielen Filmen haben wir Kritik an der Außenpolitik der Bush-Ära beobachtet? Wie viele Projekte haben uns über die schwerwiegenden Folgen der Drogennadel erzählt? Ja, die Realitätsnähe der Geschichte erklärt teilweise ihre handlungstechnische Zweitrangigkeit. Aber man kann sich beim Anschauen nicht von solchen Fragen und unwillkürlich aufkommenden Vergleichen lösen. Zumal die Russo-Brüder in jeder dieser Richtungen scheitern.

Cherry Tom Holland

Vier Filme in einem... und alle schlecht

Der Film „Cherry“ ist bewusst in mehrere Kapitel unterteilt. Jedes unterscheidet sich in Stimmung und Erzählton, Farb- und Kameratechniken, Vorhandensein oder Fehlen von Humor usw. Mit dieser Entscheidung scheinen sich die Macher für eine offen unbeholfene Mischung aus vier Genres zu entschuldigen: romantische Komödie, Antimilitarismusfilm, psychologisches Drogendrama und Film über Raubüberfälle.

Jeder dieser „Mini-Filme“ leidet unter verschiedenen Problemen:

  • Für eine Romcom ist „Cherry“ nicht leicht genug und auch nicht wirklich romantisch. Und ehrlich gesagt ist überhaupt nicht klar, was die Hauptfiguren verbindet und warum ihre Gefühle so stark sind;
  • Für einen Film über die Schrecken des Krieges enthält er zu viel unangebrachten Humor (allein die Kameraperspektive aus dem Enddarm des Protagonisten oder der Roboter-Tanz des Fahnenträgers);
  • Dem Drogendrama fehlt es an Emotionalität und Tiefe (und die Macher behaupten noch, sich an „Requiem for a Dream“ zu orientieren. Komm schon!);
  • Die Raubüberfälle im Film sind so lächerlich und karikaturhaft, dass man sich nicht einmal daran erinnern möchte. Es wirkt wie ein schlechter Scherz.

Tom Holland Cherry

Das Hauptproblem des Films ist, dass Anthony und Joe Russo, wenn sie sich in das Terrain ernster Themen begeben, scheinbar Angst vor irgendwelchen mutigen Entscheidungen haben. Stattdessen versuchen sie, sich mit Witzen herauszureden (oft erfolglos), Dynamik und Action hinzuzufügen (völlig unoriginell) und die Handlung mit sinnlosen Dialogen aufzulockern. Es entsteht auch der Eindruck, dass die Regisseure immer den Gedanken im Kopf hatten, dass sie einen Unterhaltungsfilm drehen, und dass bloß nichts darin sein darf, was Zuschauer abschrecken könnte.

Tom Holland und Ciara Bravo
In vielen Szenen sind visuelle Anspielungen auf „Requiem for a Dream“ zu erkennen

All diese ins Auge springenden Nuancen nerven und überschatten die Vorzüge des Films, von denen „Cherry“ genug hat. Dazu gehören endlich eine solide schauspielerische Leistung von Tom Holland, wunderschöne Szenen unter mitreißender Musik, deren Screenshots man noch oft in Film-Publikationen sehen wird, die Bedeutung der angesprochenen Themen und originelle Kameraführung.

Sollte man den Film „Cherry“ sehen?

„Cherry“ ist ein chaotischer Mix aus Genres, stellenweise ein würdiger, aber meist ein sehr seltsamer Film, der zeigt, dass Tom Holland sich gut verwandeln und komplexe Helden darstellen kann, ihm aber gleichzeitig nicht die Möglichkeit gibt, dies angemessen zu demonstrieren.

Trailer:

So kontrovers und zwiespältig ist der erste Film von Anthony und Joe Russo nach jahrelanger Arbeit für das Marvel-Universum ausgefallen. Was denkt ihr über den Film?