
Wie täuscht man den Zuschauer, damit es ihm gefällt? Die Antwort hat der Regisseur des Films „Sightless“.
Konzeptionell originelle Kurzfilme dienen nicht selten als Grundlage für abendfüllende Filme. So geschah es auch mit dem Werk des Debütanten Cooper Karl, der den Film „Sightless“ auf der Grundlage seines eigenen Kurzfilms drehte und obendrein den Star aus „Riverdale“, Madelaine Petsch, für die Hauptrolle gewann. Was also ist hier originell, und warum sollte man es mit eigenen Augen sehen?
Horror ohne Horror
Die talentierte Geigerin Ellen (Petsch) wird von einem Unbekannten (oder einer Unbekannten?!) angegriffen und verliert dabei ihr Augenlicht. Sie versucht, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen, spürt aber, dass das Unheil noch immer in der Nähe ist.
„Sightless“ wirkt und fühlt sich an wie ein echter Horrorfilm. Aber hier erschrecken nicht Jumpscares oder andere Genre-Attribute, sondern das Gefühl der Wehrlosigkeit und der Illusionhaftigkeit von allem um einen herum. Die Heldin von Madelaine Petsch befindet sich von Anfang an in einer ungleichen Situation mit ihrem Peiniger und muss sich oft auf ihre Vorstellungskraft verlassen. Ihre Position wird von den Zuschauern übernommen, die selbst scheinbar mit ihr das Augenlicht verlieren. Und dieser Effekt wurde durch eine einfache, aber sehr effektive Methode erreicht, aber dazu später mehr.
Leider oder glücklicherweise ist die Handlung des Films naiv und teilweise vorhersehbar ausgefallen. Auch die Dramaturgie glänzt nicht mit besonderer Tiefe, da offensichtlich auf Emotionen gesetzt wird, nicht auf die Komplexität der Figuren (die Schauspieler haben im Grunde nichts zu spielen) oder die Entwicklung ihrer Beziehungen. Aber für einen Unterhaltungsfilm – und „Sightless“ ist zu 100 % guilty pleasure – reicht das völlig aus, also werden wir nicht zu streng urteilen.
Filmzauber in Reinkultur
Der größte Trumpf des Films von Cooper Karl war nicht Madelaine Petsch, sondern die originelle visuelle Darstellung der Geschichte. Die gesamte Handlung entwickelt sich aus der Perspektive der Hauptfigur Ellen, die, wie wir uns erinnern, blind ist. Und da das Mädchen sich ausschließlich mit ihrer Vorstellungskraft begnügen muss, um sich fremde Menschen und jede andere Umgebung vorzustellen, wird das Bild im Bild immer wieder durch ihre Empfindungen verzerrt. Wenn es in der Literatur das Stilmittel des „unzuverlässigen Erzählers“ gibt, so kann man Karls Einfall durchaus als unzuverlässige Bildsprache bezeichnen!
Dieser in der Umsetzung einfache Trick wirkt wie ein Hauch frischer Luft im Genrekino. Die kammerspielartige Geschichte, die sich in vier Wänden abspielt, erhält dadurch neue Farben und ermöglicht es den Zuschauern, auf völlig neue Weise Empathie für die Heldin zu empfinden. Und warum sind die Macher von „Bird Box“, wo die Helden ebenfalls gezwungen waren, sich blind zu bewegen, nicht vorher darauf gekommen?!
Sollte man den Film „Sightless“ sehen?
„Sightless“ ist ein rein genretypischer Film über die Form, nicht über den Inhalt. Wenn man eine weitgehend neue Erfahrung beim Erleben einer Geschichte sucht, wird dieser Film nicht enttäuschen. Aber man sollte auch nicht zu anspruchsvoll an ihn herangehen. Es ist schließlich das Debütwerk eines Regisseurs, den man im Auge behalten sollte.
Trailer:
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