
Eine Liste der 10 besten Filme der ersten Hälfte des Jahres 2020 zu erstellen, war schwierig, aber faszinierend.
In der neuen Realität vergingen sechs Monate wie im Flug. Gleichzeitig bescherten uns die ersten sechs Monate eine Fülle spannender Projekte, von schwungvollen Debüts bis hin zu Filmen echter Meister aus Hollywood und dem europäischen Kino.
Aus der riesigen Menge an gesehenen Filmen haben wir für Sie die 10 besten Filme der ersten Hälfte des Jahres 2020 ausgewählt. Für mehr Spannung haben wir die Werke platziert. Können Sie erraten, wer auf der obersten Stufe des Treppchens steht?
Platz 10 – A Hidden Life
Mitte März, bevor die Kinos wegen der Quarantäne schlossen, feierte das neue Werk von Terrence Malick seine Premiere. Erstaunlicherweise kehrte der Regisseur von 'Der schmale Grat' nach einer Reihe luftiger und weitgehend zusammenhangloser Filme wieder zur narrativen und – wenn man so will – zuschauernahen Filmkunst zurück. Na ja, fast zurückgekehrt.
'A Hidden Life' erzählt von einem österreichischen Hirten, der sich während des Zweiten Weltkriegs weigerte, Hitler die Treue zu schwören. Trotz der Todesstrafe und möglicher Schwierigkeiten für seine Familie weicht Franz Jägerstätter nicht von seinen Prinzipien ab und stellt sich nicht auf die Seite der Nazis.
Dieser Film zeichnet sich durch dieselbe überirdische Kameraführung aus, die Malicks letzte Projekte kennzeichnete, aber zusammen mit den beeindruckenden Schönheiten Österreichs vergaß das Team von 'A Hidden Life' nicht das Wesentliche – die Geschichte. Der einfache und klare Gedanke, der der Handlung zugrunde liegt, ermöglicht es, mit den Helden mitzufühlen, um die Zukunft von Franz zu bangen, sich in das ländliche Leben einfacher Menschen hineinzuversetzen und offensichtliche Schlüsse zu ziehen. An ein Meisterwerk reichte Malick nicht heran, der Konflikt war zu einfach, die Botschaft zu direkt, aber es ist offensichtlich ein Schritt des Kultregisseurs auf den Zuschauer zu.
Platz 9 – The King of Staten Island
Nach 5 Jahren kehrte Judd Apatow mit einem großen Kinofilm zurück, um eine Art Biografie des Comedians Pete Davidson ('Saturday Night Live') zu erzählen, der auch die Hauptrolle in 'The King of Staten Island' spielt.
Die Handlung folgt dem 24-jährigen Taugenichts Scott, der versucht, sich mit allerlei Unsinn zu beschäftigen, vom Träumen über die Eröffnung eines eigenen Tattoo-Restaurants bis hin zum Kiffen mit seinen kurzsichtigen Freunden. Ein deutlicher Einschnitt in seinem Leben war der Tod seines Vaters, der als Feuerwehrmann arbeitete. Trotzdem muss Scott erwachsen werden, denn seine kleine Schwester kommt aufs College und seine Mutter findet eine neue Liebe – bezeichnenderweise ist der Verehrer ebenfalls Feuerwehrmann.
Der von Davidson gespielte Typ scheint ein Spiegelbild von Staten Island zu sein, einem wenig attraktiven New Yorker Stadtteil, der vor allem für seine riesige Mülldeponie bekannt ist. Er befindet sich am Rande des wirklichen Lebens, dem er sich auf jede Weise zu nähern vermeidet.
Der Schauspieler spielt auf der Leinwand buchstäblich sich selbst, denn er ist voller seltsamer Tätowierungen, wuchs auf Staten Island auf, verlor seinen Vater, einen Feuerwehrmann, während der Anschläge vom 11. September, nimmt Antidepressiva, lebt bei seiner Mutter, verliert aber trotzalledem nicht seinen Optimismus.
Apatows traurige Komödie gleicht nicht den klassischen inspirierenden Filmen über Selbstakzeptanz, Erwachsenwerden oder das Finden des eigenen Platzes im Leben, aber in ihrer skurrilen Form wirft sie dennoch all diese Fragen auf und betrachtet sie durch die Brille eines einzelnen Menschen. Und das meisterhaft.
Platz 8 – Pinocchio
Der italienische Regisseur Matteo Garrone ist für seine kompromisslosen Filme bekannt, ganz unabhängig vom Genre. Umso spannender war es, seinen Blick auf das klassische Märchen zu werfen, das viele aus der Kindheit kennen.
Im Zentrum der Handlung von 'Pinocchio' steht der alte Meister Geppetto (Roberto Benigni), der aus einem Holzscheit einen richtigen Jungen schnitzt und ihm den Namen Pinocchio gibt. Der Knabe muss die Welt und die erstaunlichen Wesen, die sie bevölkern, noch kennenlernen, erfahren, was gut und was böse ist, mit Lüge und Betrug, aber auch mit Zuneigung und Fürsorge konfrontiert werden.
Erstaunlicherweise drehte Garrone wohl den der literarischen Vorlage am nächsten kommenden Film, ohne dabei eine Prise seines eigenen düsteren Stils zu vergessen. Atemberaubende Kulissen und Masken in Kombination mit zauberhafter Musik versetzen den Zuschauer in ein echtes Märchen und lassen ihn für 2 Stunden die umgebende Realität vergessen. Nun ja, ganz vergessen kann man die Realität nicht, denn der Autor projiziert immer wieder klug durch die Worte und Taten der Helden ein Abbild der realen Welt. Ein wahrhaft magischer und wunderbarer Film.
Platz 7 – Die Fee (Фея)
Anna Melikyan gilt zu Recht als eine der erfolgreichsten Regisseurinnen des russischen Kinos und als Meisterin der Arbeit an der Schnittstelle von Mainstream und Autorenfilm. In ihrem neuen Projekt strebte sie nach etwas Größerem, und man kann nicht sagen, dass es ihr vollständig gelungen ist, das Potenzial auszuschöpfen, aber selbst das, was dabei herauskam, verdient die Aufmerksamkeit des Publikums.
'Die Fee' erzählt mehrere kunstvoll miteinander verwobene Geschichten. Im Zentrum dieses Knäuels steht das Spiel 'Kolovrat', für dessen Entwicklung der ambitionierte und zynische Jewgeni Woigin verantwortlich ist, gespielt vom charismatischen Konstantin Chabenski. Der Spieleentwickler trifft zufällig auf die junge Aktivistin Tanja, die ihm fast sofort von seiner Ähnlichkeit mit dem großen Künstler Andrei Rubljow vorschwärmt. Parallel dazu säubert eine neonazistische Gruppe, die sich von 'Kolovrat' inspirieren lässt, Moskau von Menschen mit nicht-traditioneller sexueller Orientierung und unerwünschter Nationalität.
In 'Die Fee' reflektiert Anna Melikyan über Themen wie Grausamkeit und Kunst, Selbstidentifikation und Stadtromantik, Religion und virtuelle Realität. Die Regisseurin vergaß auch nicht die technische Seite und taucht die Zuschauer in ein stilvolles urbanes Setting, das mit Ausflügen zu ländlichen Kirchen und Szenen aus der Spielrealität durchsetzt ist. Großartig gespielt, gut erzählt und ein sehr mutiger Film, der Sie nicht gleichgültig lassen wird, egal welche Emotionen er bei Ihnen hervorruft.
Platz 6 – Intrige (J'accuse)
Wohl der umstrittenste Film in unserer heutigen Liste ist das neue Werk des großen und furchtbaren Roman Polanski. Diesen Film liebt man entweder für seinen höchsten künstlerischen Wert, der mit dem César-Preis gewürdigt wurde, oder man hasst ihn für die Versuche des Regisseurs, sich mit künstlerischen Mitteln selbst zu rechtfertigen. Trotz allem sehen wir in 'Intrige' keine Aufarbeitung von Polanskis eigener Biografie, können aber die filigrane Inszenierung eines Films im großen Stil hervorheben.
Den Kern des Films 'Intrige' bildet die berühmte Dreyfus-Affäre, ein Gerichtsverfahren, das später einen gesellschaftlichen Konflikt auslöste und nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa erschütterte. Hauptfigur des Films ist jedoch nicht Alfred Dreyfus selbst (Louis Garrel), sondern Georges Picquart (Jean Dujardin), der versucht, mit eigenen Mitteln der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
Polanski hat bewusst darauf verzichtet, einen pompösen und ausladenden Film zu drehen, und stattdessen eine strenge Kammertonalität und Konzentration auf Details bevorzugt. Aus diesem Grund ist der Film reich an eleganten Dialogen, geschmackvollen Dekorationen und Zwischentönen, die dem Werk nicht schaden, sondern es ganzheitlicher und anziehender machen. Sogar die bewusste emotionale Trockenheit im Bild wirkt natürlich und organisch. Eine glänzende Arbeit eines obskuren Meisters.
Platz 5 – Der Leuchtturm (The Lighthouse)
Die Praxis zeigt, dass gerade der zweite große Film eines Regisseurs als Lackmustest für seine Talente und Möglichkeiten dient. Nach dem überraschenden und warmherzig aufgenommenen 'The Witch' musste Robert Eggers seine Eigenständigkeit und Ambitioniertheit beweisen. Und das ist ihm mit 'Der Leuchtturm' vollauf gelungen.
Der junge Ephraim (Robert Pattinson) reist aus dienstlichen Gründen auf eine abgelegene Insel, um Assistent des Leuchtturmwärters Thomas Wake (Willem Dafoe) zu werden. In ungemütlicher Umgebung und in Gesellschaft eines wenig angenehmen Mannes beginnt Ephraim allmählich zu trinken, was ihn bald dazu führt, allerlei Dinge zu sehen. Doch was davon ist real und was ist das Geschwafel eines betrunkenen Geistes?
'Der Leuchtturm' wurde zu einer wahren Sensation und von vielen ernsthaft als Anwärter auf den Oscar gehandelt (zumindest in den Schauspielkategorien und für die brillante Kameraführung), wurde aber letztendlich von der Academy ignoriert. Dieser Umstand sollte Sie nicht beirren, denn 'Der Leuchtturm' ist ein äußerst bemerkenswertes und aus der Masse vieler Horrorfilme herausragendes Spektakel.
Die Kombination aus infernalischem Spiel von Dafoe, impressionistischen 'Bildern', einer vieldeutigen Handlung und der absolut atemberaubenden Arbeit des Kameramanns macht diesen Film zu einem Muss für alle Liebhaber der Filmkunst. Bravo, Eggers!
Platz 4 – 1917
Sam Mendes ist ein herausragender Regisseur. Er hat Erfolge wie 'American Beauty', 'Road to Perdition' und 'James Bond 007: Skyfall' vorzuweisen. Das bedeutet, dass wir von einem Regisseur dieses Kalibers immer ein Meisterwerk oder einfach nur einen sehr guten Film erwarten dürfen. Und dieses Mal schenkte uns Mendes Letzteres.
Zwei jungen britischen Soldaten wird während des Ersten Weltkriegs der Auftrag erteilt, eine Nachricht über die Absetzung eines Angriffs zu überbringen, die das Leben eines ganzen Bataillons retten könnte. Auf ihrem Weg müssen sie die feindliche Linie durchbrechen und den Befehl des Generals um jeden Preis ausliefern.
'1917' ist eine reine Attraktion mit einer anspruchslosen Handlung über die Reise der Helden von Punkt A nach Punkt B. Es gibt hier keine tiefgründige Dramatik oder bedeutungsschwangere Hintergründe. Gleichzeitig steckt hier purer Adrenalin drin, den der Zuschauer zusammen mit den Figuren von George MacKay und Dean-Charles Chapman auf ihrem Weg zum Zielort erhält. Die filigrane Arbeit des Kameramanns Roger Deakins vermittelt das Gefühl eines durchgehenden Kaders über die gesamte Filmlänge, was nur ein zusätzliches Mittel zum Eintauchen ins Zentrum des Geschehens ist. Ein sehr guter Film, den man auf einem möglichst großen Bildschirm mit angemessener Tonbegleitung sehen sollte.
Platz 3 – Horse Girl
Die Plattform Netflix ist ein hervorragender Ort, um geistreiche und komplexe Filme zu zeigen, die im großen Kino nicht die gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten würden. 'Horse Girl' ist genau so ein Fall.
Die zurückgezogen lebende Frau namens Sarah (Alison Brie) liebt Handarbeiten, besucht häufig ihr ehemaliges Pferd, das neue Besitzer gefunden hat, und ist ein Fan von Serien über übernatürliche Dinge. Irgendwann beginnt Sarah zu bemerken, dass sie seltsame Träume hat, und dann trifft sie in der Realität Menschen aus diesen Träumen. Sie spürt, dass alles, was geschieht, eine Erklärung haben muss, und versucht mit allen Mitteln, sie zu finden.
'Horse Girl' hat mehrere Referenzen wie 'Donnie Darko', ist aber gleichzeitig ein durchaus eigenständiges Werk, das geschickt mit dem Bewusstsein des Zuschauers spielt. Der Film gibt sich mal als abgedrehte Science-Fiction, mal als düsterer Verschwörungsthriller, mal als typischer Indie-Film über eine schrullige Frau. All diese Elemente dienen eher der Unterhaltungskomponente, während der wahre Gedanke etwas tiefer verborgen liegt. Die Autoren des Werks reflektieren auf ungewöhnliche Weise über psychische Störungen und Krankheiten und deren Einfluss auf einen Menschen und seine soziale Anpassung. Das sind wichtige und nicht-triviale Diskussionsthemen, weshalb es spannend ist, 'Horse Girl' zu sehen, und noch interessanter, darüber zu diskutieren. Ein vieldeutiges Projekt, das überraschen, abstoßen und zum Nachdenken anregen kann.
Platz 2 – La vérité (Die Wahrheit)
Den besten französischen Film des Jahres bisher drehte der Japaner Hirokazu Kore-eda, der Autor der berühmten 'Shoplifters'. Unterstützt von einem herausragenden Cast in Person von Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke, erzählt der Regisseur eine nicht gerade ergreifende, aber sehr herzliche Geschichte über familiäre Beziehungen und den Wert der Erinnerung im Leben eines Menschen.
Der verblassende Filmstar Fabienne hat ihre Memoiren veröffentlicht und beginnt mit den Vorbereitungen für eine neue Rolle, in der sie als Nebendarstellerin neben einem aufstrebenden neuen Star auftreten soll. Die Schauspielerin wird aus Amerika von ihrer Tochter, deren Ehemann und Tochter besucht. Als diese von den Memoiren erfährt, beschließt sie, sie zu lesen, findet aber keine Spur von Wahrheit über sich selbst und versucht daraufhin herauszufinden, warum die Mutter solche Dinge über sie, ihre Kindheit und ihren Vater geschrieben hat.
Natürlich ist die unnachahmliche Catherine Deneuve die Hauptperle von 'La vérité', der es endlich einmal wieder gestattet war, sich in einer umfangreichen und komplexen Rolle einer weitgehend zynischen Schauspielerin zu entfalten. Der Star des französischen Kinos glänzt in jeder Einstellung, in jeder Szene dieses geistreichen dialoglastigen Films. Das solide Drehbuch hilft dabei nur, und die französischen Kulissen verleihen Charme und Authentizität. Man sollte von dem Film keine Offenbarungen erwarten, aber Emotionen, Wärme im Herzen und ein langes angenehmes Nachklingen sind Ihnen garantiert.
Platz 1 – The Gentlemen
Ein stilvoller, lustiger, geistreicher, dynamischer, eleganter, musikalisch untermalter, aristokratischer, brutaler, unberechenbarer, ambitionierter und unvergesslicher Film ist uns in diesem Jahr von Guy Ritchie gelungen. Und zweifellos der beste Film der ersten Hälfte des Jahres 2020.
Und welche Filme, die von Januar bis Juni dieses Jahres erschienen sind, sind Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?
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