
Das Psychiatric Genomics Consortium (PGC) – ein internationaler Zusammenschluss von Hunderten Wissenschaftlern aus Dutzenden Ländern – hat genetische Daten von mehr als 1 Million Menschen mit psychischen Störungen und fast 5 Millionen gesunden Menschen gesammelt und analysiert. Einen solchen Umfang gab es in diesem Bereich noch nie.
Das Studiendesign basiert auf dem Vergleich der Genome von Menschen mit 14 verschiedenen psychiatrischen Diagnosen (von kindlicher ADHS und Autismus bis hin zu Schizophrenie, Depression und Abhängigkeiten). Die Wissenschaftler wandten mehrere fortschrittliche statistische Methoden an, um das genetische Risiko zu „schichten“ und zu verstehen, welche DNA-Abschnitte für viele Störungen gemeinsam sind und welche für eine bestimmte einzigartig sind.
🔬 Wichtigste Entdeckung: 5 Genomfaktoren
Statt 14 separaten Diagnosen fanden die Forscher heraus, dass sich die genetischen Risiken in 5 große Cluster gruppieren:
• Zwänge,
• Schizophrenie-Bipolares Syndrom,
• Neuroentwicklung,
• Internalisierung,
• Abhängigkeiten.
Diese fünf Faktoren erklären im Durchschnitt etwa 66 % der gesamten genetischen Variabilität jeder einzelnen Störung. Das bedeutet, dass der größte Teil der genetischen Ursachen psychischer Erkrankungen gemeinsam ist und nicht für jede Diagnose einzigartig.
Was bedeutet das für Ärzte und Patienten?
1. Diagnosen in der Psychiatrie sind keine „starren“ Kategorien.
Schizophrenie und bipolare Störung, die lange als völlig unterschiedliche Krankheiten galten, erwiesen sich als genetisch nahezu ununterscheidbar. Dies bestätigt, dass psychische Störungen besser nicht als separate „Arten“, sondern als Spektren verstanden werden sollten, die sich oft überschneiden.
2. Es gibt klare Angriffspunkte für neue Medikamente.
Die Gene, die allen 14 Störungen gemeinsam sind, erwiesen sich als mit grundlegenden Prozessen der Regulation anderer Gene verbunden. Spezifischere Faktoren wiesen auf bestimmte Gehirnzelltypen hin:
• SB-Faktor (Schizophrenie und bipolare Störung) – verbunden mit erregenden Neuronen. • Internalisierungsfaktor (Depression, PTBS, Angst) – verbunden mit der Biologie von Oligodendrozyten (Zellen, die Nervenfasern isolieren).Dies gibt Pharmakologen konkrete „Fäden“, an denen sie ziehen können, um Therapien zu entwickeln, die an der Ursache und nicht an den Symptomen ansetzen. Zufällig entdeckte psychoaktive Substanzen werden erklärbarer.
3. Theorien psychischer Störungen, die mit einem einzelnen Neurotransmitter verbunden sind, zerfallen allmählich. Man sollte Medikamente, die bei einer gestellten Diagnose nicht wirken, nicht kritisieren. Man sollte kein Medikament „für Dopamin“ suchen oder Serotonin als „Glückshormon“ betrachten. Alles ist anders. Das System ist anders.
Was kommt als Nächstes?
Die Autoren betonen: Diese Studie ist eine Karte, kein fertiger Behandlungsplan. Nächste Schritte:
• Vertiefte Untersuchung der Mechanismen. Nun müssen die Wissenschaftler verstehen, wie genau Veränderungen in diesen Genen und Zellen zu Krankheiten führen. • Entwicklung neuer Medikamente. Die Kenntnis spezifischer biologischer Pfade ermöglicht die Entwicklung von Medikamenten, die gezielt darauf einwirken. Für bereits zugelassene Medikamente müssen gemeinsame Wirkungen – sowohl Haupt- als auch Nebenwirkungen – gesucht werden. • Die Klassifikation von Diagnosen, die nicht unter einer wirksamen Behandlung vereint werden, muss überdacht werden. Die Ergebnisse liefern ein Argument dafür, dass die zukünftige psychiatrische Nosologie (Krankheitsklassifikationssystem) nicht nur auf Symptomen, sondern auch auf der Biologie basieren sollte. Und man sollte Fachleuten nicht vertrauen, die sagen, wie das Gehirn funktionieren sollte. Diese Studie ist ein großer Schritt zum Verständnis, dass psychische Störungen gemeinsame genetische Wurzeln haben und unsere Sicht auf die Natur dieser Krankheiten geändert werden muss.
@drakarasev
Psychiater, was sagt ihr?
Kommentare
0Noch keine Kommentare.
Melde dich an, um mitzudiskutieren.