Der spanische Thriller des Debütregisseurs Jacob Santana, „Die Illusion des Mordes“, gibt sich als bescheidene Genreübung aus, um dann methodisch die eigene Handlung umzukrempeln, bis der Zuschauer keinem einzigen Bild mehr traut. Dabei gelingt vieles, aber nicht alles.

Ein Fremder im Haus

Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“
Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“

Spanien, 2007. Eine Familie zieht in ein geräumiges Herrenhaus – Mutter (Belén Rueda), Vater (Fernando Cayo), die erwachsenen Söhne David (Manuel Vega) und Mario (Jaime Lorente). Im Mittelpunkt steht Mario – ein ängstlicher junger Mann, der Tabletten nimmt und sich schlecht an die Vergangenheit erinnert. Die Seltsamkeiten beginnen sofort: Ein Zimmer darf nicht betreten werden, nachts sind Geräusche zu hören, und die Eltern reagieren auf alle Fragen mit einer verdächtigen Gelassenheit. In einer regnerischen Nacht gehen die Brüder spazieren, und David wird direkt vor Marios Augen entführt.

Nach einiger Zeit kehrt David zurück, kann sich aber nicht an das Geschehene erinnern. Mario ist überzeugt: Das ist nicht sein Bruder. Von diesem Moment an beginnt der Film wirklich zu fesseln.

„Die Illusion des Mordes“ ist ein Remake des südkoreanischen Thrillers „Die Nacht der Erinnerungen“ (2017), und das ist ein wichtiger Kontext. Das koreanische Original war an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort gebunden – Wirtschaftskrise, nationales Trauma. Santana befreit sich bewusst von dieser Last und setzt auf reines Genre. Manchmal funktioniert diese Entscheidung, manchmal nicht.

Paranoia als Genre

Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“
Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“

Die Stärke des Films ist die erste Hälfte. Santana baut geschickt eine Atmosphäre auf: ein unzuverlässiger Erzähler, mysteriöse Rückblenden, eine Familie, die offensichtlich etwas verbirgt, und ein Herrenhaus mit einer verschlossenen Tür, hinter der etwas leuchtet.

Jaime Lorente, bekannt aus „Haus des Geldes“, hält die Aufmerksamkeit so gut er kann. Sein Mario balanciert so überzeugend zwischen Paranoia und gesundem Menschenverstand, dass der Zuschauer gemeinsam mit ihm zu zweifeln beginnt: Wer ist hier eigentlich bei Verstand?

Die Kameraführung unterstützt dieses Gefühl: Regen, Dunkelheit, enge Korridore. Alles ziemlich standardmäßig, aber sorgfältig und professionell umgesetzt. Der Suspense ist hier nicht aggressiv, sondern eher nagend – wie ein Zahn, der nachts schmerzt. Die Atmosphäre des Hauses, in dem jedes Gespräch seltsam klingt, ist mit der nötigen Präzision aufgebaut.

Viele Twists, wenig „Luft“

Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“
Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“

Das Problem beginnt dort, wo der Film anfangen muss, das Geschehen zu erklären. „Die Illusion des Mordes“ gehört zu den Thrillern, bei denen mit jeder neuen Szene eine weitere Enthüllung hinzukommt, und irgendwo in der Mitte des zweiten Akts häufen sich diese Enthüllungen schneller, als man sie verdauen kann. Eine Wendung der Handlung hakt an der nächsten, die dritte streicht die zweite durch, und dieses Karussell verwandelt den Psychothriller allmählich in etwas zwischen einem Puzzle und einer spanischen Seifenoper.

Die Figuren haben keine Persönlichkeiten, sondern nur streng funktionale Aufgaben. Die Eltern existieren beispielsweise eher als Handlungselemente denn als Menschen, und das schlägt auf die emotionale Wahrnehmung. Wenn einem ein Familiendrama präsentiert wird, in das man kein Mitgefühl investieren konnte, ist die Reaktion eher intellektuell als lebendig. Belén Rueda – eine bedeutende Schauspielerin des spanischen Kinos, die mit einem Blick eine Szene füllen kann – ist hier spürbar unterfordert. Der Film ist zu sehr mit Twists beschäftigt, um den Schauspielern Raum zu geben.

Andererseits tut Santana auch nicht so, als würde er Bergman drehen. Es ist ein Unterhaltungsfilm, der seine Regeln kennt und ihnen im Großen und Ganzen folgt. Die Genreklischees (Regen, Tabletten, unzuverlässiges Gedächtnis) werden ohne Ironie und ohne Scham eingesetzt.

Spanische Antwort auf „Oldboy“?

Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“
Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“

Vermarkter und PR-Leute vergleichen den Film mit „Oldboy“ oder „Gone Girl“, aber vom Geist her näher steht hier wohl „Der unsichtbare Gast“ von Oriol Paulo. Dieselbe spanische Thrillerschule, dasselbe Interesse des Autors an moralischen Fallen und der Frage, wo die Wahrheit endet und die bequeme Lüge beginnt.

„Die Illusion des Mordes“ erreicht das Niveau der besten Genrevertreter eindeutig nicht. Es fehlt an Tiefe und vielleicht an der einen finalen Szene, die einem den Atem raubt, wie in „Oldboy“. Es ist einfach ein solider Unterhaltungsfilm mit einer nicht langweiligen Handlung und funktionierendem Suspense.

Sollte man ihn sehen?

Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“
Standbild aus dem Film „Die Illusion des Mordes“

Jacob Santana ist ein vielversprechendes Debüt gelungen. Bereits jetzt spürt man die Hand eines Menschen, der Spannung aufbauen kann und weiß, wie das Interesse des Zuschauers funktioniert. Aber ihm fehlt noch das Verständnis dafür, dass die Geschichte selbst, ihre Tiefe, ihre Figuren wichtiger sind als die Technik – und das ist im Großen und Ganzen das Einzige, was „Die Illusion des Mordes“ von einem wirklich starken Thriller trennt.

Wenn Sie bereit sind, die Spielregeln zu akzeptieren und von einem Genrefilm keine Offenbarungen erwarten, ist dies eine durchaus würdige Wahl für einen Freitagabend. Am besten schaut man ihn allein und ohne vorheriges Studium der Trailer.