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Es gibt so eine Sache – die Filmbildung. Sie haben ein paar Filme von Takeshi Kitano gesehen, einen Tarantino mit offensichtlichen Anleihen, sind zufällig auf die Serie „Schuld/Stolz“ auf Netflix gestoßen – und Sie denken, Sie kennen sich schon mit dem Thema Film-Yakuza aus. Und dann erfahren Sie, dass das japanische Gangsterkino einen längeren Weg zurückgelegt hat als die Biografie eines durchschnittlichen Oyabun, und dass man daran die gesamte Geschichte des Nachkriegsjapan ablesen kann.

Heute schauen wir uns an, wie sich ein Typ mit Katana und Ehrenkodex im Laufe von hundert Jahren Leinwandzeit in eine Figur verwandelt hat, die man getrost neben einen Clown aus einem B-Movie-Horror stellen kann – und warum das eigentlich kein Niedergang ist, sondern ein Spiegel der Realität.

Warum es sich überhaupt lohnt, sich jetzt damit zu beschäftigen

Das Phänomen ist gerade deshalb aktuell, weil die Yakuza als reale Institution stirbt – laut japanischer Polizei ist die Zahl der Mitglieder von einem Höchststand von 184.000 im Jahr 1963 auf 9.400 im Jahr 2025 gesunken. Die realen Banden lösen sich unter dem Druck der Bōryokudan-Ausschlussgesetze auf – aber ihr Bild auf der Leinwand erlebt im Gegenteil eine zweite, dritte, zehnte Wiedergeburt: mal in einer Noir-Serie über einen Journalisten in Tokio, mal in einem weiteren Teil der Videospielreihe um Kazuma Kiryu. Das Kino hält nicht mit der Realität Schritt, es überholt und übertrifft sie – und genau darin liegt der Reiz.

Erste Epoche: der ehemalige Samurai mit stabilen Prinzipien

Standbild aus dem Film „Rote Pfingstrose“
Standbild aus dem Film „Rote Pfingstrose“

Die ersten Yakuza auf der Leinwand erschienen bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren, als die historischen Dramen (Jidaigeki) allmählich realistischeren Handlungen Platz machten. Aber der eigentliche Kanon entstand später, in den frühen 60er-Jahren, als das Studio Toei das Genre Ninkyō-eiga erfand – „Filme über Ritterlichkeit“. Die Handlung spielte in der Meiji- und Taishō-Zeit, der Held trug ein Kimono statt eines Anzugs, und die gesamte Handlung drehte sich um den Konflikt zwischen Giri (Pflicht) und Ninjō (persönlichen Gefühlen).

Im Grunde war das ein Samurai ohne Stand, eine Art Yakuza-Rōnin, verbannt aus der edlen Welt, aber mit ihrem Kodex. Er beschützte die Schwachen vor den gierigen Kapitalisten des neuen, industriellen Japan, verteidigte die Ehre seines Schutzherrn und begann fast nie als Erster einen Kampf – er beendete ihn nur.

Das tröstete die Zuschauer, denn das Land veränderte sich zu schnell, und hier gab es einen Helden, dessen Prinzipien wenigstens stabil waren. Die Ironie ist, dass die realen Banden der 60er Jahre viel prosaischer waren: Schutzgelderpressung, Glücksspiel, Bauwesen. Aber das Kino verkaufte Nostalgie, nicht Dokumentation, und zwar mit großem Erfolg – das Genre blühte bis in die 70er Jahre.

Zweite Epoche: der Schlag in die Magengrube

Standbild aus dem Film „Kampf ohne Regeln“
Standbild aus dem Film „Kampf ohne Regeln“

Als die Zuschauer die edlen Banditen im Kimono satt hatten, kam der Regisseur Kinji Fukasaku und setzte mit einem einzigen Film 30 Jahre Romantik auf null. „Kampf ohne Regeln“ (1973) verfilmte eine reale Serie von Kriminalchroniken, wurde in einem fast dokumentarischen, ruckartigen Stil gedreht, und es gab dort überhaupt keine reinen Helden. Der Film wurde sofort als „japanischer Pate“ bezeichnet – obwohl er im Geiste eher ein Anti-„Pate“ ist: kein Epos über eine Familie, sondern eine Chronik gegenseitigen Verrats, in der Bosse ihre Leute aus Profitgründen verkaufen und gestrige Brüder sich ohne das geringste Giri abschlachten.

So entstand das Genre Jitsuroku-eiga – „Film-Chronik“, „Annalen“. Die Yakuza sind hier nicht mehr Erben des Samurai-Kodex, sondern Straßenrowdys, die von Moment zu Moment leben.

Fukasaku drehte die fünfteilige Saga in zwei Jahren, und sie gilt bis heute als einer der Höhepunkte des weltweiten Gangsterkinos – Tarantino und Takashi Miike ließen sich von ihr inspirieren. Das Lustige daran: Gerade diese zynischste Spielart des Genres erwies sich als die ehrlichste gegenüber der Realität. Wie so oft im Kino – je weniger Pathos, desto mehr Wahrheit.

Dritte Epoche: Yakuza und existenzielle Langeweile

Standbild aus dem Film „Sonatine“
Standbild aus dem Film „Sonatine“

In den 90er Jahren schien das Genre endgültig erschöpft, und da trat Takeshi Kitano auf den Plan – von Beruf Komiker, der mit den Yakuza das Gleiche machte, was Fukasaku mit der Romantik gemacht hatte: Er entfernte eine weitere Schicht Mythos. In „Sonatine“ (1993) ist sein Held ein müder Tokioter Gangster, der nach Okinawa geschickt wird, um einen Streit zu schlichten, und der den größten Teil der Laufzeit am Strand Ball spielt, mit seinen Untergebenen herumalbert und offensichtlich auf den Tod als Erlösung wartet.

Die Gewalt bei Kitano bricht plötzlich aus, alltäglich, ohne stimmungsvolle Musik – und ist dadurch erschreckender als jede inszenierte Schießerei.

Danach kam „Outrage“ (2010) – im Grunde eine Yakuza-Version des „Paten“, aber auf den trockenen Rest reduziert: lauter Intrigen hinter den Kulissen, Verrat und Geschäftsverhandlungen, die mit einer Leiche enden. Der Ehrenkodex ist hier längst zur Bürokratie geworden: Die Gangster sind keine Krieger mehr, sondern mittlere Manager, die der Unternehmenskriege müde sind. Das anzusehen ist gleichzeitig langweilig und faszinierend – etwa so, wie einer Bürobesprechung zuzusehen, bei der es nicht um den Quartalsbericht geht, sondern um jemandes Kopf.

Vierte Epoche: Willkommen im Fleischwolf

Standbild aus dem Film „Ichi the Killer“
Standbild aus dem Film „Ichi the Killer“

Ende der 90er, Anfang der 2000er entschied Takashi Miike, dass man Filme über Yakuza bis zur Absurdität treiben kann. Besonders hervorzuheben sind „Dead or Alive“ (1999) und vor allem „Ichi the Killer“ (2001) – Filme mit Elementen von Body-Horror und schwarzer Farce, in denen die Gewaltszenen so überzogen sind, dass sie nicht mehr schockieren, sondern nervöses Lachen hervorrufen.

Die Figur des Kahihara in „Ichi“ – ein Sadomasochist mit aufgeschlitztem Mund, der ausschließlich durch Schmerz Vergnügen empfindet – ist bereits so weit vom edlen Rōnin der 60er entfernt, dass man, wenn man sie nebeneinanderstellt, glaubt, es handele sich um verschiedene Arten von Wesen.

Miike arbeitet hier fast wie ein Horrorfilmregisseur, der das Yakuza-Setting als Vorwand für einen Karneval der Grausamkeit nutzt. Moral, Kodex, Drama – all das ist optional, und wirklich wichtig ist der Effekt „darf man das überhaupt auf der Leinwand zeigen?“ Und genau hier setzt sich endgültig der karikaturhafte Pol des Bildes durch: die Yakuza als Psychopath, dessen Verhalten nicht durch den sozialen Kontext erklärt wird, sondern durch eine persönlich traumatisierte Psyche.

Fünfte Epoche: Yakuza als Nostalgie für eine aussterbende Spezies

Standbild aus der Serie „Tokyo Vice“
Standbild aus der Serie „Tokyo Vice“

Jetzt, wo es in Japan weniger als 10.000 echte Yakuza gibt und das Gesetz Banken und Mobilfunkanbietern den Umgang mit ihnen regelrecht verbietet, schauen Filme und Serien wie „Tokyo Vice“ auf sie schon fast wie auf ein Museumsstück. Keine Karikatur und keine Romantisierung, sondern etwas anderes – die Fixierung einer verschwindenden Subkultur, ein wenig anthropologisch, ein wenig elegisch. Der reale Berater der Show, der Journalist Jake Adelstein, sagt es deutlich: Die Yakuza sterben langsam, aber sicher als Spezies aus.

Es ergibt sich eine amüsante Schleife: Das Genre begann mit Nostalgie für edle Verbrecher der Vergangenheit – und kehrte nach 60 Jahren wieder zur Nostalgie zurück, nur dass jetzt nicht die Samurai ohne Schwert Gegenstand der Sehnsucht sind, sondern die Yakuza selbst als Phänomen. Der Kreis hat sich geschlossen.

Also: Niedergang oder Evolution?

Standbild aus der Serie „Tokyo Vice“
Standbild aus der Serie „Tokyo Vice“

Ehrlich gesagt, weder das eine noch das andere – es ist einfach ein Spiegel, der Japan in jedem Jahrzehnt das zeigte, was ihm fehlte: in den 60ern Stabilität, in den 70ern Wahrheit, in den 90ern Müdigkeit von den eigenen Mythen, in den 2000ern Befreiung durch Absurdität, und jetzt den Abschied von einer entschwindenden Erscheinung. Wenn Sie also das nächste Mal auf einen weiteren Trailer über einen tätowierten Gangster mit Katana stoßen, denken Sie daran: Vor Ihnen ist nicht nur ein Genre-Klischee, sondern der Endpunkt einer fast hundertjährigen Auseinandersetzung des japanischen Kinos mit sich selbst darüber, was Ehre überhaupt ist. Spoiler: Eine eindeutige Antwort wurde nicht gefunden, und das ist, wie es scheint, wunderbar.