
Über Ren Gill habe ich hier bereits geschrieben und versprochen, dass er noch ein großer Star werden wird. Formal wird er das schon: Sein Soloalbum Sick Boi erreichte 2023 Platz eins der britischen Charts, und das Video zu Hi Ren hat zig Millionen Aufrufe und diese besondere Art von Kommentaren, in denen Leute schreiben "das hat mein Leben gerettet" und scheinbar nicht übertreiben. Nun hat Ren ein neues Projekt - das Duo Inpatient mit dem amerikanischen Rapper Chris Webby, und schon am Namen (übersetzt: "stationärer Patient") ist klar, dass es wieder nicht ums Wetter gehen wird.
Hier braucht es eine kleine Einführung, denn ohne sie erschließt sich die halbe Platte nicht. Ren lebte viele Jahre mit der Lyme-Krankheit, die Ärzte hartnäckig nicht diagnostizierten, dafür behandelten sie ihn gegen Depression, bipolare Störung, chronische Müdigkeit - und behandelten ihn bis zur echten Psychose und Autoimmun-Komplikationen. Genau darum ging es in Hi Ren - ein neunminütiger Dialog mit dem eigenen inneren Dämon, in einer Einstellung gedreht. Chris Webbys Paket ist anders: ADHS seit der Kindheit (sein Label nannte er EightyHD - wer den Witz nicht versteht, spreche es laut aus) und im Erwachsenenalter diagnostizierter Autismus. Zwei neurodivergente Männer haben sich zusammengetan und eine Platte darüber aufgenommen, wie es ist, mit einem Kopf zu leben, der nicht nach Anleitung funktioniert. Und sie veröffentlichten sie am 22. Juli, dem "Weltgesundheitstag des Gehirns".
Was die Musik selbst betrifft: fünfzehn Tracks, etwas über eine Stunde, völlige stilistische Eklektik. Es gibt Oldschool-Hip-Hop, Ska-Punk, Storytelling am Rande der Pop-Ballade, reinste britische Clownerie und völlig düstere Tracks wie Me and My Monster - ein direkter Nachfahre eben jenes Hi Ren. Das programmatische Stück ist hier natürlich Neurodivergent: Ren und Chris haben unmissverständlich gesagt, dass sie eine Hymne "für die Ihresgleichen" machen wollten, und das, was man Störung nennt, in etwas verwandeln, das man Superkraft nennen kann. Es ist aggressiv, kämpferisch und überhaupt nicht mitleidig geworden - was vielleicht am wichtigsten ist. Vorwürfe der übermäßigen Theatralik und Übertreibung in der Darbietung verstehe ich allerdings auch: Ren ist per Definition ein Künstler ohne Bremsen, und wo der eine Gänsehaut bekommt, hat der andere Fremdscham. Eine Mitte wird es hier nicht geben.
Aber das Wichtigste, wofür man Ren danken sollte: Er spricht seit Jahren konsequent über das, worüber zu sprechen scheinbar nicht üblich ist - er erzählt einem riesigen Publikum von innen heraus von den Problemen mit dem Kopf, ohne Herablassung und ohne Romantisierung. Asylum ist ein weiterer Vorstoß in dasselbe Terrain, nur diesmal nicht allein, und dadurch klingt es weniger beichtend, dafür umso flotter. In einer Zweierzelle ist es eben doch unterhaltsamer.
#gehört
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