Streaming Netflix hat einen kammerspielartigen Sci-Fi-Film über eine amerikanische Familie veröffentlicht, die von einer unbekannten Macht in ihrem eigenen Haus eingesperrt wird. Ein leicht naiver, aber nicht ohne gesunden Kern Film über eine lokale Apokalypse.

Der vorbildliche Familienvater Jason Delgado (Wagner Moura), seine Frau Ann (Greta Lee) und zwei Kinder werden unerwartet zu Geiseln des eigenen Hauses. Eine unbekannte, aber mächtige Kraft hat alle Türen und Fenster in der Wohnung versiegelt und will ihre Bewohner verhungern lassen. Doch die Hausbewohner sind es nicht gewohnt, vor Schwierigkeiten zu kapitulieren (sie sind mitten in einem Kampf mit dem Finanzamt) und schalten in den Überlebensmodus. Gleichzeitig beginnen geheimnisvolle Kreaturen durch die Straßen der Kleinstadt zu streifen und es scheint, dass diese Isolation nicht so schnell enden wird.

„Das letzte Haus“ von Louis Leterrier („Die Unfassbaren“, „Danny – der Kettenhund“) ist ein fantastischer Thriller, der überraschend leicht ohne kosmische Dimensionen auskommt. Sein Universum beschränkt sich auf die vier Wände eines gewöhnlichen Hauses, in dem gewöhnliche Bewohner der amerikanischen Vorstadt eingeschlossen sind. Eingesperrt wurden sie allerdings nicht von Nachbarn oder der Polizei, sondern von gewissen Kreaturen, die die unglücklichen Hausbewohner für Außerirdische halten (wer sie wirklich sind, muss erst zum Finale geklärt werden). Nach einer irgendwie eigenen Logik blockieren die Kreaturen eine ganze Kleinstadt. Die Außenwelt verschwindet zusammen mit Internet und Mobilfunk, und nun kann man mit den Nachbarn nur noch per Gesten und kurzen Aufschriften auf Schildern kommunizieren.

Standbild aus dem Film „Das letzte Haus“
Standbild aus dem Film „Das letzte Haus“

Strom und Wasser sind zum Glück geblieben, aber das ist zu wenig, um sich sicher zu fühlen. Wie lange diese Belagerung dauern wird? Es gibt keine Antwort, und genau diese Ungewissheit lässt die Familie fast augenblicklich auf Instinkte umschalten: Die Rationen werden auf ein Minimum reduziert, jeder Bissen zählt, und nebenbei – fast zufällig – beginnen sich die Beziehungen zwischen denen neu zu ordnen, die früher eher nebeneinander als wirklich miteinander existierten.

Auf den ersten Blick hat Leterrier einen verspäteten Covid-Thriller gedreht, in dem das Haus zum Gefängnis wird und die Isolation mehr Angst macht als jeder außerirdische Eindringling. Aber wenn man etwas tiefer gräbt, verwandelt sich der Film in eine Geschichte über innere Leere, die täglich an den Rändern des Informationslärms kristallisiert. Nachrichten kommen und gehen, morgendliche Sensationen werden am Abend von neuen abgelöst, und wir bemerken nicht einmal, wie die Welt um uns herum auf den Kopf gestellt wird. Erzwungener digitaler Detox entpuppt sich plötzlich als Einladung zu einfachen Dingen: ein Brettspiel spielen, gemeinsam einen Film ansehen (allerdings ist die Filmauswahl sehr begrenzt – es gibt nur zwei), und einfach am Ende mit Kissen werfen.

Natürlich ist diese Handlungslinie nicht neu. Erst kürzlich hat Steven Spielberg in seinem „Tag der Enthüllung“ ein ähnliches Thema behandelt, bevorzugte aber planetare Ausmaße, während Leterrier sich auf nur das Wohnhaus beschränkt. In seiner Version gibt es auch Platz für aggressive Kreaturen und freundliche, aber der wahre Kampf findet nicht gegen sie statt, sondern gegen die Enge, die Zeit und sich selbst. In einem bestimmten Moment wechselt Leterrier plötzlich zu einem anderen Gedanken, der nichts mit digitaler Abhängigkeit zu tun hat, sondern eher mit einem achtsamen Umgang mit der Natur. Aber er wirkt bereits etwas vage und bleibt nicht im Kopf.

Standbild aus dem Film „Das letzte Haus“
Standbild aus dem Film „Das letzte Haus“

Das Interessanteste am Film ist die Transformation des häuslichen Raums. Wenn die knochige Hand des Hungers nach der Kehle greifen will, entwickeln die Helden plötzlich bisher ungeahnte Fähigkeiten: Im Haus wächst ein improvisierter Garten unter dem Rohboden, es entstehen Fallen für Tiere, Regenwasser wird gesammelt. Das alles wirkt fast archaisch, als ob der Mensch um Jahrtausende zurückversetzt würde.

Allerdings begleitet das Glück die Helden mit einer Beharrlichkeit, die im echten Leben in den ersten Tagen der Gefangenschaft eine Tragödie wäre. Leterrier mildert die Härte des Überlebens deutlich zugunsten der Dramaturgie. Aber diese Freiheit kann man gerne verzeihen, denn der Regisseur tut nicht so, als würde er eine Dokumentation drehen: Er bittet darum, etwas tiefer zu schauen, und seine Bitte klingt überzeugend.

Die zentrale Rolle bekam Wagner Moura, der nach „Der Spion“ und einer Oscar-Nominierung sicher in der Rolle eines Mannes in die Enge getrieben wirkt. Sein Familienvater ist eine fast tragische Figur, verzweifelt und schutzlos zugleich. Schade, dass die anderen Partner neben ihm etwas blass wirken und es nicht zu einem gleichwertigen Quartett kommt.

Standbild aus dem Film „Das letzte Haus“
Standbild aus dem Film „Das letzte Haus“

Und wenn Moura vom Bildschirm verschwindet, kommen alltägliche Haushaltsprobleme oder Monster ins Spiel, die entweder an den Kraken oder an Captain Barbossa erinnern. Für die anderen Familienmitglieder wird nicht viel Film verschwendet. Dafür sind die Actionszenen, wenn Monster in das Haus der Delgados eindringen, sorgfältiger inszeniert, und man merkt, dass Leterrier sich dabei viel sicherer fühlt und sich das Beste für die Zielgerade aufhebt.

Das Finale des Films ist offen, viele Punkte über den „i“ wurden nicht gesetzt (obwohl es vielleicht so beabsichtigt war), und alles deutet auf eine Fortsetzung hin. Das ärgert übrigens nicht sehr, denn in den zwei Stunden, die „Das letzte Haus“ dauert, gewinnt man die unglückliche, in ihrem eigenen Haus eingeschlossene Familie lieb, daher löst die hypothetische Möglichkeit, sie wieder auf der Leinwand zu sehen, keine Verärgerung aus.