Einen Film nach Albert Camus zu drehen – ein von vornherein fragwürdiges Unterfangen, vergleichbar mit dem Versuch, einen Geruch zu malen. Seine Prosa lebt von Dingen, die die Kamera physisch nicht einfangen kann: von innerer Leere, schrillender Gleichgültigkeit und existenzieller Langeweile.
In den Sechzigern hatte sich bereits der legendäre Luchino Visconti mit dem nicht minder legendären Marcello Mastroianni in der Hauptrolle an diesen schwer zu bewältigenden Stoff gewagt, aber damals war das Ergebnis zu theatralisch. François Ozon ging in seinem „Der Fremde“ einen anderen Weg. Er tat nicht so, als würde er einen philosophischen Traktat verfilmen. Stattdessen verwandelte er die Geschichte einer existenziellen Krise in einen stickigen, zähflüssigen und betörend schönen Psychothriller, in dem der wahre Bösewicht nicht einmal die Gesellschaft ist, sondern die unerträglich blendende algerische Sonne.
Die Handlung beginnt mit dem berühmtesten literarischen Ausgangspunkt des 20. Jahrhunderts: Meursaults Mutter stirbt. Der Held nimmt sich frei, fährt ins Altenheim zur Beerdigung, trinkt Kaffee am Sarg, vergießt keine einzige Träne und geht am nächsten Tag schwimmen. Dort beginnt er eine Affäre mit einer alten Bekannten, sieht sich eine Komödie (über die Unterdrückung der Araber – ein wichtiges Element) im Kino an und lebt im Grunde so, als wäre nichts geschehen. Und wenig später, als er sich am von der Mittagshitze überfluteten Strand befindet, jagt Meursault einem fremden Araber mehrere Kugeln in den Leib. Einfach so, weil die Sonne zu stark in die Augen schien und er zufällig einen Revolver in der Tasche hatte.
Der Rest der Geschichte ist der Prozess, in dem das französische Kolonialsystem versucht, die logische Eule auf den Globus der Absurdität zu setzen, um zu verstehen: Wie kann ein Mensch so gleichgültig gegenüber allem auf der Welt sein?
Das Erste, was beim Anschauen verwirrt, ist die visuelle Gestaltung. Wir sind es gewohnt, dass das filmische Afrika aus würzigen Märkten, warmem Sand und postkartenhafter Exotik besteht. Ozon verweigert uns diesen Komfort.
Der Film ist in einem schonungslosen Schwarz-Weiß-Format gedreht, aber wichtig ist, dass die Kamera ursprünglich Farbe aufnahm, die erst in der Postproduktion entfernt wurde. Diese technische Nuance erzeugt einen atemberaubenden Effekt: Man spürt physisch, wie die heiße Luft das Bild schmelzen lässt, aber statt warmer Töne erhält man einen schneidenden Kontrast.
Das Licht hier wärmt nicht, es foltert. Am Strand brennt es die Netzhaut blendend weiß, im Gerichtssaal verwandelt es sich in einen kalten Scheinwerfer bei einem Verhör. In diesem monochromen Universum gibt es keine Halbtöne – weder im Bild noch in den menschlichen Beziehungen.
Benjamin Voisin in der Rolle des Meursault ist ein absoluter Volltreffer und wohl der Hauptgrund, überhaupt eine Eintrittskarte für die Vorstellung zu kaufen. Einen Wahnsinnigen zu spielen ist leicht – manchmal reicht ein unheimliches und geheimnisvolles Grinsen. Einen Helden zu spielen ist leicht – man muss nur rechtzeitig eine Dame in Not retten. Aber versuchen Sie mal, das absolute, kristallklare „Nichts“ zu spielen. Voisin existiert auf der Leinwand mit der Anmut einer Katze, die geschäftige Menschen beobachtet: ohne Verurteilung, ohne Sympathie, mit völligem Unverständnis dafür, warum sie überhaupt so viele Geräusche von sich geben.
Die äußerliche Ähnlichkeit von Benjamin Voisin mit dem jungen Alain Delon wirkt hier kontrastierend: Wo bei Delon immer eine versteckte Bedrohung oder ein Bruch zu lesen war, ist bei Voisin eine taube Betonmauer. Er belügt das Gericht oder den Priester nicht aus hohen moralischen Beweggründen. Es ist ihm einfach zu lästig, Ausreden zu erfinden. In einer Welt, in der jeder die Maske des trauernden Sohnes, des liebenden Partners oder des gesetzestreuen Bürgers trägt, wirkt der Mensch ohne Maske wie das schrecklichste Monster.
Ein hervorragendes Gegengewicht zu diesem emotionalen „Koma“ bildet Rebecca Marder in der Rolle der Marie. Ihre Figur ist ein Konzentrat aus Leben, Lachen und verständlichen menschlichen Wünschen. Sie will heiraten, sie will Liebe, sie will Normalität. Ihre gemeinsamen Szenen erinnern an den Versuch, ein Feuer bei strömendem Regen zu entfachen: Sie wirft Meursault ihre Emotionen zu, und sie prallen einfach von seiner undurchdringlichen Hülle ab.
Marder ist unglaublich schön in dieser Rolle, aber ihre Schönheit ist hier ein tragisches Instrument. Der Regisseur braucht sie genau dazu, um zu betonen, worauf Meursault in seiner hartnäckigen Gleichgültigkeit verzichtet.
Dabei wäre Ozon nicht er selbst, wenn er die Klassiker einfach buchstabengetreu neu verfilmt hätte. Er näht behutsam, ohne plakative Geradlinigkeit, einen postkolonialen Subtext in das Gefüge der Erzählung ein. Der Film zeigt sehr deutlich, dass die französische Gesellschaft in Algerien nicht über die Tatsache des Mordes an einem Einheimischen empört ist – das kümmert im Großen und Ganzen niemanden. Das System gerät in Rage, weil Meursault das Ritual gebrochen hat. Er hat auf der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint, hat nicht vor dem Kruzifix bereut und sich geweigert, nach den Regeln zu spielen.
Ozon zeigt die Kolonialwelt als stickigen Käfig, in dem Gewalt in der Luft liegt, in dem es normal ist, einen Menschen anderer Nationalität zu verprügeln, aber verdächtig, keinen Wein mit Würstchen mit dem Nachbarn zu trinken.
Am Ende erhalten wir einen Film, der ein seltsames, zähes Nachgeschmack hinterlässt. Es ist nicht der Film, den man am Freitagabend bei einem Bier mit Freunden lebhaft diskutieren möchte. Ozon hat einen Film gedreht, der unter die Haut geht und einen zwingt, sich äußerst unbequeme Fragen zu stellen. Wie oft imitieren wir selbst die erforderlichen Emotionen bei Arbeits-Zoom-Calls, Familienessen oder sogar Beerdigungen, nur damit die Gesellschaft uns in Ruhe lässt?
„Der Fremde“ ist eine brillante, kalte und ernüchternde Erfahrung. Man sollte ihn sich ansehen, um zu sehen, wie Literatur einer großen Idee zu großem Kino wird, ohne dabei auch nur ein Milligramm ihrer intellektuellen Schwere zu verlieren. Und ja, nach dem Film werden Sie die Sonne mit Sicherheit ein wenig anders anblinzeln.
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