Fangen wir damit an, dass dies nicht die Serie der Duffer-Brüder ist, wie viele Leute im Internet schreiben. Ja, die Schöpfer von „Stranger Things“ haben mit ihrem Studio Upside Down Pictures hier mitgewirkt, aber eben als Produzenten – sie waren weder Showrunner, noch haben sie Drehbücher geschrieben oder im Regiestuhl gesessen. Das nur fürs Protokoll. Und das ist wahrscheinlich alles, was man über die Serie wissen muss.

Denn zusätzliche Informationen schaden hier nur. Glaubt mir einfach: Wenn ihr Horror liebt, ist dieses Ding definitiv eure Aufmerksamkeit wert. Sogar so: Nicht nur liebt, sondern gut kennt, euch in Genres auskennt und der Begriff „Meta-Horror“ für euch nicht nach etwas Nerdigem klingt. Also hört genau hier auf und lest nicht weiter.

Das war natürlich ein Fehler. Okay, seien wir ehrlich. „Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl“ ist maximal spoileranfällig, wobei ihr riskiert, euch nicht so sehr die Handlung zu spoilern, sondern das Seherlebnis. Das war die letzte Warnung.

Aber da ihr hier geblieben seid, lasst mich fortfahren. Es ist wirklich ein Meta-Horror, aber ohne Reflexion über das Genre direkt im Bild, wie „Scream“ oder „The Cabin in the Woods“. Es ist eine Geschichte, die ständig ihr eigenes Genre wechselt: von Gothic zu Folk, von sozialem Horror zu Found Footage, von Psychologie zu Mystik und zurück. Und zu beobachten, wie die Serie ständig die Weichen stellt, den Handlungswagen von einem Gleis aufs andere lenkt, ist fast die größte Freude beim Anschauen.

Solche „Genrefluidität“ (entschuldigt, selbst ausgedacht, bereue es bereits) wird leicht für mangelnde Erfahrung des Autors gehalten, was auch bei denselben Leuten im Internet passiert. Angeblich versuche „Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl“ alle Horrorfilme auf einmal zu sein und habe in keinem Erfolg. Das alles inklusive des offensichtlichen Witzes über den Titel.

Unsinn. Es hat durchaus Erfolg. Vergleicht zum Beispiel die Optik der Hauptfigur in der ersten und zweiten Folge. Nachdem einige gruselige Umstände durch andere gruselige Umstände erklärt werden, sieht sie dieselben Menschen völlig anders. Mikromotorik, Dialoge, Farbkorrektur – alles wird eingesetzt.

Dabei schlingert der Wagen zwar zwischen den Gleisen, weicht aber nie vom Hauptkurs ab: Von der ersten bis zur letzten Einstellung bleibt er eine Metapher für die Hochzeitsnervosität der Braut – mit all den Ängsten, Zweifeln, Paranoia und der Angst, die wichtigste Entscheidung des Lebens falsch zu treffen.

Und vor euch liegt eine weit weniger schicksalhafte Entscheidung. Die Serie ist keine Hochzeit: Man kann jederzeit mittendrin aufhören und so tun, als wäre nichts gewesen.


#habe_die_serie_geschaut