
Das Leben beschert einem manchmal angenehme Überraschungen. Genauer gesagt, nicht das Leben, sondern natürlich Spotify, vom Leben kann man das ja nicht erwarten. Aber wenn man ein Album einer völlig unbekannten Band einschaltet und es einen mit einem zarten Retro-Britpop-Sound und einem Gesang umhüllt – na, wie Stephen Patrick Morrissey in seinen besten Jahren... das ist, wissen Sie, ein Moment. Der Moment, in dem man dem Algorithmus im Geiste dankt und nachschaut, was das überhaupt für Leute sind mit einem sperrigen Namen, Gesichtern wie norwegische Pop-Idole und einem Sound, der allen Anzeichen nach vor etwa dreißig Jahren im Norden Englands hätte entstehen sollen.
Und er entstand vor drei Jahren in Chicago. In Chicago? Ja, in Chicago. Dort, wo es Schnee, Hotdogs und Michael fucking Jordan gibt. Elf Songs, achtunddreißig Minuten, kein einziger überflüssiger. Sänger Wes Leavins singt mit dieser unverwechselbaren melancholischen Anmut, bei der man gleichzeitig tanzen und aus dem Fenster auf den Regen schauen möchte. Und das ist, nebenbei bemerkt, das, was wir vom echten Morrissey erwartet haben, aber Make-Up Is a Lie bekommen haben.
Es gibt Alben, die klingen, als hätten sie Leute aufgenommen, die genau wussten, was zu tun ist. Irreversible klingt, als hätten es Leute aufgenommen, die genau wussten, was nicht zu tun ist. Keine Politur. Keine Pompösität. Kein Versuch, zu gefallen. Die Gitarren klingeln mit der richtigen Menge Dreck, die Drums sind lebendig, Leavins' Stimme versucht nicht, größer zu sein, als sie ist – sie füllt ohnehin den gesamten verfügbaren Raum. Retro ohne Mottenkugeln, Nostalgie ohne Maskerade. Alles atmet, alles dreht sich. Eine Seltenheit, ehrlich gesagt.
Und zum Schluss noch etwas zum Namen. Der junge Leavins hatte einmal eine Hausaufgabe – einen Brief an eine Berühmtheit zu schreiben. Er schrieb Brigitte Bardot. Und sie antwortete. Zwischen einem amerikanischen Schuljungen und einer Legende des französischen Kinos entspann sich ein Briefwechsel, in dem sie ihn „Baby“ nannte. Was für eine coole Oma. Sie hatte den Riecher für Talent.
#gehört
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