
Im breiten Kinostart ist „Normal“ gestartet, der neue Film des britischen Regisseurs Ben Wheatley („Free Fire“). In der Hauptrolle Bob Odenkirk, der bald Liam Neeson ersetzen könnte. Darüber, wie beide ihr Handwerk lieben, berichten wir in unserer Kr...
In die stille, verschneite Kleinstadt Normal kommt der vorübergehende Sheriff Ulysses Richardson (Bob Odenkirk). Der vorherige Sheriff ist unter mysteriösen Umständen gestorben, und Richardson versucht nicht aus Diensteifer, sondern eher aus purer Neugier herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Und überhaupt scheint vieles in Normal verdächtig, aber Ulysses schiebt es auf seine eigene Müdigkeit. In einem schönen Moment kommen zwei Räuber nach Normal, um die örtliche Bank auszurauben. Und dann stellt sich heraus, dass Richardsons Verdacht durchaus berechtigt ist und die Bevölkerung von Normal bereit ist, den Sheriff zu töten, der nicht in die seltsamen Angelegenheiten der Stadt eingeweiht ist.
Bevor man sich über den neuen Film von Ben Wheatley begeistert, sollte man einen Blick auf seine früheren Arbeiten werfen. Am hellsten glänzt natürlich „Free Fire“: Dort verwandelte sich der Keller eines verlassenen Gebäudes für eine Weile in eine echte Grenze, und gezielte Treffer in die verschiedensten Körperteile (sogar in den Kopf) bedeuten noch nicht den sicheren Tod. Wenn man tiefer gräbt, stellt sich heraus, dass Wheatley nicht immer so erfolgreich Schießereien inszeniert hat. In seiner Karriere gab es auch Horrors, und sogar recht gute.

Nehmen wir zum Beispiel das Jahr 2011. Der Film bringt eine bodenständige Kriminalgeschichte über einen Auftragskiller mit okkultem Folk-Horror zusammen: Es gibt Geheimgesellschaften, und an den Haustüren erscheinen geheimnisvolle Zeichen, wie in „Blair Witch Project“. In späteren Werken dämpft Wheatley jedoch allmählich den Horror-Ton und konzentriert sich auf schwarzen Humor, saftige Action und filigrane Schießereien.
Horrorfilme drehen sich nicht immer um große Budgets, große Studios und Star-Besetzungen. Viel häufiger erscheinen auf der Leinwand zutiefst persönliche, sozialkritische, intime Filme mit
Open materialIn letzterem Handwerk kann er dem Träger des schwarzen Gürtels in Sachen Leinwand-Machismo Chad Stahelski durchaus hundert Punkte voraus sein. Von „John Wick“ zweigte einst der Drehbuchautor Derek Kolstad ab, der für Wheatleys neuen Film die verschneite, gemütliche und zugleich gefährliche Kleinstadt Normal erfand. Dort ist auch Bob Odenkirk sehr passend platziert – eine Figur, die eine gesonderte Erwähnung verdient.
Odenkirk scheint es so sehr zu gefallen, den stoischen Typen mit undurchdringlichem Gesicht und eisernen Fäusten zu spielen, dass uns dies in absehbarer Zukunft die Geburt eines neuen Liam Neeson verspricht. Neben einer Reihe junger Schauspieler sind auch fast Altersgenossen Odenkirks zu sehen: Lena Headey (für genau zwei Szenen) und Henry Winkler in der Rolle des obskuren Bürgermeisters.

Ein so starkes Team von Filmemachern und Schauspielern konnte von vornherein nichts Belangloses drehen – selbst unter Berücksichtigung des offensichtlichen Segments „B-Movie“. Der Hauptschwerpunkt des Films ist immer noch Bob Odenkirk: ein Mann mit schlichtem Äußeren, aber mit bedrückendem Kummer im Herzen. Deshalb zögert er wohl, endgültig Sheriff zu werden, zweifelt an sich und seiner Arbeit. Und das Erlebte hat in ihm die Fähigkeit zu Empathie und Nächstenliebe geweckt. Er setzt selbst eine offensichtliche Gesetzesbrecherin nicht zur Bestrafung hinter Gitter, sondern damit sie sich einfach ausschlafen kann.
Die Beschaffenheit des Schauspielers, sein undurchdringliches Gesicht und seine väterliche Fürsorge – all das fügt sich perfekt in das Gefüge des Films ein. Wenn man sich einen idealen Bezirkspolizisten (sprich Sheriff) vorstellt, dann muss es Odenkirk sein. In ihm spürt man Stärke und zugleich die Müdigkeit, nach dem Buchstaben des Gesetzes zu leben. Besser, man handelt menschlich: mehr Nutzen, weniger geschriebenes Papier.
Wheatleys größter Fehler hätte sein können, dass Odenkirks Figur sich im zweiten Teil des Films erheblich verändert, wenn das düstere Nachtgemetzel nach der Formel „alle gegen einen“ beginnt. Der Sheriff hätte toben, wild um sich schlagen und ein sadistisches Lächeln im Gesicht haben können. Aber zum Glück hat Wheatley diesen Fehler nicht begangen. Der Held blieb der gleiche phlegmatische Sheriff, der nach ein paar eher lässigen Morden mit der Yakuza verhandeln kann, damit es allen gut geht. Das verspricht zwar kein friedliches Ende, aber der Sheriff kann nichts mehr tun: Er hat alles getan, was er konnte.

Doch Wheatley selbst gönnt sich das Vergnügen, den Machern von „John Wick“ erneut die Nase zu zeigen, indem er Normal in einen Albtraum oder ein absurdes Theater verwandelt, in dem jeder Mord nicht den Grad des Grauens, sondern eher des Lachens erhöht. Dafür scheut der Regisseur vor nichts zurück, und alles, was ihm in die Hände fällt, wird verwendet: von der Stricknadel bis zur schweren Dynamitstange. Wheatleys Fantasie kennt keine Grenzen, daher klingen die Schüsse nicht nur laut, sondern sogar mit einer gewissen Eleganz. Dieses bunte Durcheinander wird durch die richtig gewählte Beschaffenheit gekrönt: eine verschneite, verschlafene Stadt, wie geschaffen für solche Missgeschicke.
Insgesamt ist „Normal“ eine elegante Mischung aus „Zwei abgebrühte Profis“ und der Serie „Die Revier“. Hier ist der unermüdliche Odenkirk an seinem Platz; es gibt deftige Action mit Schießereien; schwärzesten Humor, geschickt an den richtigen Stellen eingewoben; und Gewehre, die buchstäblich im Bild hängen und nacheinander abgefeuert werden. Und das alles in erstaunlichen anderthalb Stunden Leinwandzeit. In letzter Zeit einer der besten Filme im Genre „Action“. Ohne ernste Miene, aber mit der Sorgfalt eines Vorarbeiters gemacht, der sein Handwerk genauestens studiert hat.
Kommentare
0Noch keine Kommentare.