
Eine gute Verfilmung bedeutet nicht immer, dass am Ende ein guter Film herauskommt. Manchmal bemüht sich der Regisseur so sehr, möglichst viel des Geschriebenen auf die Leinwand zu bringen, dass das Bild wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, weil es alles auf einmal sein will. „Martin Eden“ von Jack London ist ein sehr ambivalenter und zweifellos herausragender Roman. Wie ist nun seine neue Verfilmung ausgefallen, die endlich am 26. August in unsere Kinos kommt?
„Martin Eden“, die Vorlage
Diejenigen, die sofort mit der Diskussion des Films beginnen wollen, müssen sich noch ein wenig gedulden. Um „Martin Eden“ zu verstehen, muss man den Kontext seiner Entstehung und die Probleme der Versuche, ihn in der Gegenwart zu verfilmen, kennen.
Wenn wir uns die Klassiker der Literatur ansehen, finden wir unzählige Beispiele dafür, wie der Autor durch ein Buch seine Ansichten und Überzeugungen vermittelt und dabei passiv die reale Welt beeinflusst.
Jack London vertrat sozialistische Ansichten, daher stattete er seinen Helden mit völlig gegensätzlichen, individualistischen Überzeugungen aus, damit dessen Enttäuschung über die Welt einen fast parabelhaften Charakter annahm. Man darf nicht vergessen, dass der Roman 1909, in der Zeit der großen Gewerkschaftsbewegungen, fertiggestellt wurde und es bis zum Roten Oktober nicht mehr lange hin war.
Alles, was in ihm und in der Gesellschaft brodelte, versuchte London durch diesen halb-biografischen Roman zu vermitteln.
Jetzt können wir uns endlich dem Film zuwenden.
Erste Figur, sentimental
Die erste Hälfte des Films ist wunderschön. Ich weiß nicht, wie ich es sonst sagen soll, aber Pietro Marcello hat alles so gefilmt, dass man es ohne weiteres für klassisches italienisches Kino halten könnte. Wunderschöne Bilder, hervorragende musikalische Untermalung (als Salut von Joe Dassin erklang, war ich den Tränen nahe), hervorragende schauspielerische Leistungen.
Besonders erwähnen möchte ich Luca Marinelli, der seine Figur mit einer Einfachheit und Ausstrahlung ausstattete, der man den ganzen Film über so gerne zusah. Sein Martin Eden ist gleichzeitig Proletarier und Intellektueller, bodenständig und kultiviert – genau so, wie er sein soll.
Der gesamte erste Teil duftet nach Meer und Hafenanlagen, nach dem Papier alter Bücher und der Kohle in der Schmelze, nach dem Plunder aus dem Trödelladen und nach ländlichen Feldern. Vor diesem Hintergrund erblüht die zarte junge Liebe umso heller und lässt den Zuschauer nicht unberührt.
Zweite Figur, politisch
, kommt man um Politik einfach nicht herum, aufgrund der starken politischen Ausrichtung des Films. Verzeiht.
Irgendwann im zweiten Teil beginnt das Fundament des Films allmählich zu bröckeln. „Martin Eden“ führt einen politischen Subtext ein, den er zuvor nur angedeutet hatte, und versucht, ihn wortwörtlich wie bei London wiederzugeben, verliert dabei aber den Sinn, den London hineingelegt hatte.
Edens Individualismus wird als der richtige Denkweg dargestellt, als gute Antithese zum im Film gezeigten Sozialismus. Die politische und philosophische Vielfalt des Romans wird hier nur durch einen kleinen Interessenzirkel und zwei Reden bei Debatten repräsentiert (an einer davon nahm nicht einmal Martin selbst teil), wobei es in beiden Fällen keinerlei, absolut keinerlei Gegenangriffe von Seiten der Gegner des charismatischen Haupthelden gab.
Welche Schlussfolgerung kann man daraus ziehen? Der Regisseur nahm eine Vorlage, in der ihm der Protagonist geistig nahestand, und verfilmte sie naiv, ohne zu versuchen, in Londons tiefere Gedanken einzudringen.
Marcello hat die Ironie, mit der London die Reaktion des Umfelds auf Edens Individualismus beschreibt, nicht erkannt (oder bewusst weggelassen), daher werden Martins Überlegungen über die Arbeiter als eine Gesellschaft von Sklaven, die die Individualität ignorieren und den individualistischen Herren, den „blonden Bestien“, auf die eine oder andere Weise dienen müssen, hier völlig ernst dargestellt.
Kurz gesagt, eine zarte und zerbrechliche Liebesgeschichte verwandelt sich in eine seltsame und mehrdeutige politische Aussage.
Dritte Figur, abschließend
Uns bleibt noch, die letzte Frage zu beantworten. Ist „Martin Eden“ gut verfilmt?
Nun, er ist dem Buchstaben des Originals recht nahe und wiederholt ganze Passagen von Jack London. Er folgt der Handlungslinie, ändert nur manchmal die Reihenfolge bestimmter Ereignisse im Sinne der Regieabsicht. Er ist etwas langatmig, besonders gegen Ende, aber so kann man doch mehr von dem, was im Buch passiert, auf die Leinwand bringen, oder?
Eine Verfilmung muss jedoch nicht nur möglichst viel Originaltext in das Drehbuch packen können. Besonders bei solchen halb-biografischen Werken muss man erfassen, zu welchem Zweck und in welchem historischen Kontext der Roman entstanden ist, wer sein Autor war und welche Botschaft er hatte.
So wird „Martin Eden“, ein erstaunlich schöner und atmosphärischer Film mit hervorragender Regie, Kameraarbeit und schauspielerischen Leistungen sowie einem gelungenen Soundtrack, zu genau einer guten Verfilmung, die wir durchaus empfehlen können, wenn ihr europäisches Kino mögt.
Gut. Aber nicht ausgezeichnet.
„Martin Eden“ startet am 26. August in den russischen Kinos.
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