Manchmal bauen wir in uns einen zuverlässigen „Schild“ auf, der nicht mehr nur ein Schutz, sondern ein Teil der Persönlichkeit wird. Einst half er, schwierige Erfahrungen zu überstehen, und dann begann er aus Gewohnheit zu wirken, ohne zu unterscheiden, wo echte Gefahr besteht und wo nur etwas Neues und Unverständliches ist.

Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht und plötzlich eine sehr anschauliche Metapher gesehen. Den ganzen Februar über laufen die Menschen in Petersburg auf dem Eis der Kanäle, weil lange Frost herrschte und das Eis fest wurde. Ich kann dieses Gefühl nachvollziehen – Weite, kindliche Begeisterung, alles erlaubt. Und gleichzeitig schaltet sich in mir sehr deutlich die Rationalität ein: Ich bin nicht bereit, mein recht gutes Leben gegen die mögliche Zufälligkeit einzutauschen, ins Eis einzubrechen. Ich stehe auf der Brücke, schaue die Menschen auf dem Eis an und spüre beide Teile: „Ich will auch gehen“ und „Nein, ich habe Angst“. Ich bin nicht gegangen. Und dann dachte ich: War das eine rationale, gesunde Reaktion, denn es gibt doch ein Risiko? Oder lässt mich mein innerer Übervorsichtiger schon maximal in keine Abenteuer mehr?

Ein gesunder Schild, wie ich ihn jetzt sehe, stützt sich auf drei Dinge:
Realität: Das Eis kann brechen, der Preis eines Fehlers ist hoch
Konkretheit: Schutz vor bestimmten Risiken, nicht vor dem Leben an sich
Flexibilität: Die Entscheidung hängt von den Umständen ab und ist nicht immer gleich

Totale Angst – das ist, wenn der Schild zu einer Betonmauer wird. Und es ist egal, worum es geht: Eis, neuer Job, Beziehungen, Auftritt, Umzug – die Standardantwort ist eine: „Geh nicht!“

Wenn du dir eine Skala von totaler Übervorsichtiger bis Draufgänger vorstellst, wo befindest du dich gerade? Ich bin doch eher nah am Übervorsichtigen.
Und wie leicht fallen dir Entscheidungen in neuen, ungewohnten Situationen?

#Gedanken