Ein Klugscheißer schreibt, dass dicke Menschen einfach faul sind. Meine Finger tippen schon, dass er ein Idiot ist, aber ich fange mich rechtzeitig: Das ist nicht sehr schön und wie wirkt sich das auf meinen Ruf aus?
Ich möchte höflich schreiben, dass er unrecht hat, tippe Argumente, aber dann denke ich: „Warum sollte ich das tun?“ und schließe den Thread.
Ich scrolle weiter. Jemand beschimpft wieder Ernährungsberater, der betrunkene Igor geht nach Hause, und im Nachbarthread gibt es eine hitzige Debatte, ob Hunde ins Café dürfen.
Verdammt, ich wollte doch nur „fragen“ nur Benachrichtigungen checken! Warum lese ich das alles?😠
Ich habe versucht, dagegen anzukämpfen. Ich habe Benachrichtigungen ausgeschaltet, damit ich nicht abgelenkt werde. Ha! Jetzt schaue ich noch öfter rein – was, wenn ein neuer Kommentar gekommen ist?
Ich habe die App gelöscht, aus den Augen, aus dem Sinn. Eine Zeit lang hat es funktioniert. Schwerer erreichbar – weniger Chancen, sie zu öffnen. Aber das Gehirn hat schnell gelernt, auch dieses Hindernis zu umgehen.
Neulich ging ich die Straße entlang, dachte darüber nach, wie ich so tief sinken konnte, und plötzlich sah ich den Elefanten im Raum.
Baaa! Das ist eine bekannte Mechanik: Das Festkleben in sozialen Medien und emotionale Fressattacken basieren auf einer sehr ähnlichen Belohnungsschleife.
So funktioniert das.
Soziale Medien sind wie ein Casino. Sie funktionieren nach dem Prinzip eines Spielautomaten: Man bekommt variable Belohnungen: ein Beitrag langweilig → der nächste fesselt → der dritte totaler Fremdscham → der vierte lustig.
Man kann nicht aufhören, weil „vielleicht kommt noch etwas Besseres“. Das Gehirn wartet auf den Jackpot, und das treibt den Drang, weiterzuscrollen.
Bei Essen das gleiche Szenario, aber mit einem Haken.
Das erste Stück Schokolade bringt viel Vergnügen. Beim fünften lässt das Signal nach. Beim zehnten Stück stumpft das Vergnügen ab. Das ist ein Effekt ähnlich der sensorischen Adaptation.
Aber das Gehirn führt das Skript aus Gewohnheit fort, in der Hoffnung, noch mehr Dopamin zu bekommen.
Essen hat dennoch eine physiologische Grenze: Hunger- und Sättigungssignale kommen hinzu, und der Magen ist nicht unendlich dehnbar.
Soziale Medien hingegen können die Aufmerksamkeit unendlich fesseln, weil die Neuheit nicht endet.
Deshalb kann man länger in Streits versinken, als Schokolade zu essen.
Ich bin in eine klassische Falle getappt: Ich weiß, wie das alles funktioniert, ich weiß, wie man es stoppt. Ich bringe Kunden bei, damit umzugehen, diese Skripte zu stoppen und durch neue zu ersetzen. Ich habe wissenschaftlich fundierte Methoden und Erfahrung, ich bin schließlich eine Fachfrau.
Früher habe ich selbst so meine Fressattacken losgeworden.
Aber das hindert mich nicht daran, 1,5 Stunden meines Lebens in Threads zu verschwenden.🤡
Automatismen werden nicht mit Willenskraft geheilt. Sie werden durch einen Algorithmuswechsel und eine neue Gewohnheit geheilt.
Es ist Zeit, meine eigenen Ratschläge mir selbst zu geben.
Wichtig ist, nicht in die Falle zu tappen, „den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben“, darüber erzähle ich separat.
Und wo klebt ihr vor dem Schlafengehen oder wenn ihr euch ausruhen wollt? Ich bin doch nicht die Einzige, oder?
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