
Im letzten Beitrag habe ich erklärt, wie die Qualität des Outputs bei der Arbeit mit KI von der Modell selbst abhängt. Aber selbst das teuerste und fortschrittlichste neuronale Netz kann ein "billiges" Ergebnis liefern. Manchmal beobachte ich, wie Kollegen mit einer einzigen Zeile in das Dialogfeld „Erstellen Sie eine Unterweisung zur elektrischen Sicherheit“ eingeben und nach einer Minute enttäuscht sagen: Die KI ist schwach, wieder nur heiße Luft. Das Problem liegt nicht im Modell, sondern im Bediener.
Das, was am Eingang der KI geschrieben wird, nennt man fachsprachlich Prompt, und die Fähigkeit, mit diesem Eingang zu arbeiten, heißt Prompt-Engineering. Meine Philosophie: Ein Prompt ist keine Frage und keine Anfrage, sondern eine technische Aufgabenstellung für den Ausführenden. So wie Sie einem Mitarbeiter nicht „Mach mal was zur elektrischen Sicherheit“ schreiben, sondern Kontext, Muster, Einschränkungen und Format vorgeben, funktioniert es mit der KI genauso.
Für mich habe ich folgende Formel für einen STARKEN Prompt abgeleitet:
1. Rolle. Wer spricht: „Du bist ein Methodologe für Arbeitssicherheit mit 15 Jahren Erfahrung“, und das Modell passt sich dieser Rolle an – Ton, Dichte, Wortschatz.
2. Kontext. Was ist über die Situation wichtig zu wissen: Unternehmen, Branche, Ziel, Umgebungsbeschränkungen – ohne Kontext liefert die KI „Durchschnittliches aus dem Internet“.
3. Aufgabe. Was genau zu tun ist: ein Verb, ein Ergebnis, kein „und nebenbei“. Verschwommene Aufgabe – verschwommene Antwort.
4. Beispiel. Muster für Eingabe und Ausgabe: Analog arbeitet das Modell deutlich besser als nach Beschreibung. Ein gutes Beispiel spart zwei Korrekturen.
5. Einschränkungen. Was nicht erlaubt ist, was obligatorisch ist, was verboten ist: „Verwende keine Anglizismen“, „Stütze dich nur auf die PTEES“, „Nicht mehr als 5 Punkte“.
6. Ausgabeformat. Tabelle, Checkliste, JSON, Absatz für den Versand, Präsentation. Das Format ändert die Anwendbarkeit der Antwort stärker als gedacht.
Und nun zum Arbeitsaufwand, Kollegen aus dem WERK. Ein starker Prompt ist nicht fünf Sekunden, sondern wenn nicht eine Stunde Arbeit, dann ein Abend: Formulierung der Rolle, Suche und Anpassung von zwei bis drei Mustern, bis zu einigen Dutzend Testiterationen. Klingt viel, aber derselbe Prompt funktioniert dann hunderte Male mit verschiedenen Eingaben und liefert immer eine Antwort der gewünschten Qualität. Zeitlich ist das vergleichbar mit dem Schreiben einer guten Dokumentenvorlage, nur um Größenordnungen mächtiger.
Vor ein paar Tagen schrieb ich über „alltägliche“ und „professionelle“ Modelle – mit Prompts ist es dieselbe Geschichte. Ein alltäglicher Prompt ist eine einzelne Zeile im Chat. Ein professioneller Prompt ist eine technische Konstruktion, die man einmal zusammenbaut und dann als professionelles Experten-Asset, als Kompetenz nutzt.
Prompt ist die neue Alphabetisierung – kein Lifehack, keine Magie, sondern eine Fähigkeit, die man jetzt genauso trainieren muss, wie man einst gelernt hat, mit Excel zu arbeiten. Wer das bereits verstanden hat, spart Dutzende Stunden pro Woche. Wer noch nicht – ärgert sich weiter über die KI, weil die Aufgabe schlecht formuliert ist.
In den nächsten Beiträgen werde ich konkrete Prompts für Aufgaben im Bereich Arbeitssicherheit zeigen: Unterweisungen, Untersuchungen, Risikobewertungen, Auswahl von PSA. Parallel sammle ich sie in einer Bibliothek für Kollegen aus dem WERK.
Also ja, liebe Genossen: Mit KI zu arbeiten ist gut. Aber mit dem richtigen Prompt zu arbeiten ist noch besser.
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